Einkaufsmusik Weihnachtsgedudel: Qual für Beschäftigte

Die Gewerkschaft Verdi protestiert gegen die weihnachtliche Dauerberieselung im Kaufhaus. Auch ein Werbe-Psychologe findet es unerträglich. Musikalische Untermalung im Laden könnte besser sein, sagt er

 

MÜNCHEN Lichterglanz, Schlangen vor den Kaufhauskassen: Ganz Deutschland ist im Weihnachts-Kaufrausch. Ganz Deutschland? Für die Beschäftigten ist vor allem die Dauer-Berieselung mit Weihnachtsliedern eine Qual, sagt Roland Tremper von der Gewerkschaft Verdi.

„Die Musikbeschallung wird immer schlimmer, ich empfinde das als Akt seelischer Grausamkeit”, stellt Tremper fest. „Den Mitarbeitern wird die Freude am Weihnachtsfest geklaut.” Arnd Florack, Professor für Wirtschaftspsychologie an den Universitäten Wien und der Zeppelin-Universität Friedrichshafen, kann’s nachfühlen: „Jetzt Weihnachtslieder im Shop zu spielen, ist schon sehr banal”, sagt er. „Das ist vordergründig, wo vordergründige Musik nicht passt, und in vielen Fällen nicht hilfreich.” Auch Florack fühlt sich von penetrantem Gedudel genervt.

Dabei könnte gute Einkaufsmusik viel zu einem entspannten Shopping-Erlebnis beitragen, sagt er. Aber viele Handels-Manager seien sich nicht im Klaren darüber, was sie mit der Musikauswahl anrichten. Untersuchungen, die der Wissenschaftler mit seinem Team durchführte, zeigen, wie stark Musik die Zeit, die Kunden im Laden verbringen, beeinträchtigt und zudem den Umsatz beeinflusst. „Mit einem verkehrten Klangkonzept können Sie beispielsweise den Umsatz in einem Weinladen halbieren”, berichtet er. Die Musik müsse zum Alter der Zielgruppe, zur Einkaufssituation und zum Produkt passen.

Ein genussorientierter Teenager, der am Wochenende nach angesagten Klamotten sucht, kann vollkommen andere und stärkere Reize vertragen als ein gestresster Familienvater, der auf dem Weg von der Arbeit nach Hause im Supermarkt zwei Liter Milch und eine Dose Erbsen mitnimmt. Für junge, genussorientierte Kundschaft kann die Musik ruhig lauter und textlastig sein, sagt Florack. Beispielsweise beschalle die Kultmarke Abercrombie & Fitch ihre Käufer gezielt – und nebelt sie mit einer gehörigen Portion Abercrombie-Parfum ein, das in den Shops zerstäubt wird.

Für einen Blumenladen wären Popsongs fatal – hier findet Florack romantische Musik sinnvoll, denn sie steigere die Zeit, die die Kunden in dem Laden verbringen, messbar. Genauso ungünstig sei „vordergründige”, also laute und textlastige Musik beim Weinkauf, einem gut untersuchten Shopping-Erlebnis. Hier könnten klassische Klänge den Bezug zum Luxus-Erlebnis unterstreichen. Auch positive Assoziationen der Kunden mit Weinlandschaften ließen sich über die Musik gut abrufen: Klingt’s im Laden nach Frankreich, werden französische Weine gekauft.

Für die Beschäftigten kann Hintergrundmusik die Laune heben – aber nur, wenn die Tätigkeiten einfach sind. Anders ist es bei anspruchsvollen Aufgaben: Dann sei die Ablenkung durch die Musik einfach störend, sagt Florack. „Acht Stunden hintereinander ist das anstrengend.” Genauso sieht es Verdi-Mann Roland Tremper: Als Ausgleich für die Dauerberieselung fordert er zusätzliche Pausen – mindestens 15 Minuten täglich, um auch mal Stille genießen zu können. 

 

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