"Eine offene Gesellschaft bleiben" Matthias Lilienthal über geschlossene Theater im Zeichen von Corona

Die Leitungsrunde der Münchner Kammerspiele bei einer Online-Besprechung mit dem Intendanten. Foto: Katrin Dod

Matthias Lilienthal über den Stand der Dinge an den Kammerspielen, das nahende Ende seiner Intendanz und das Theater in Zeiten von Corona.

 

Eigentlich sollte jetzt die letzte Runde der Intendanz von Matthias Lilienthal an den Kammerspielen laufen: Noch ein paar Premieren, eine 24-Stunden-Performance durch den Stadtraum und sicherlich ein großes Fest zum Finale. Die Corona-Krise hat nun einen Strich durch die Abschlussrechnung gemacht: Die Kammerspiele sind wie alle anderen Theater geschlossen, zunächst bis zum 19. April.



Am Telefon klingt Matthias Lilienthal jedoch nicht sonderlich betrübt, das wäre auch nicht unbedingt eine charakteristische Stimmung für ihn. Und er hat ja auch weiterhin alle Hände voll zu tun.

Herr Lilienthal, simpel gefragt: Wie ist die Lage bei Ihnen?
MATTHIAS LILIENTHAL: Die Lage ist so, dass wir gerade wie die meisten anderen Menschen das Internet als Überlebensmöglichkeit entdecken und viele unsere Aktivitäten ins Netz verlagern. Was total Spaß macht. Zudem versuchen wir wie jedes Theater, den Laden irgendwie zusammenzuhalten.

Ihr Dramaturg Tarun Kade sprach von achtstündigen Videokonferenzen pro Tag. Was besprechen Sie dabei?
Wir besprechen alles Mögliche: Was lässt sich neu disponieren, wie können wir die bereits angesetzten Premieren noch irgendwie stemmen, was können wir online veranstalten. Wir zeigen jetzt bereits täglich Mitschnitte von Inszenierungen der Kammerspiele für jeweils 24 Stunden im Netz. Am Dienstag hatte "Yung Faust" und damit unsere erste Live-Cam-Performance Premiere.

Die Ästhetik der Video-Konferenzen, bei denen alle in einem großen Bild jeweils ein Kästchen einnehmen, scheint allmählich gang und gäbe zu werden.
Ja. Was wir während der Kontaktsperre an Vereinzelung in unseren Wohnungen erleben, bildet sich in diesen Videokonferenzen ab. Gleichzeitig können wir die eigene Isolation während dieser virtuellen Treffen ein wenig überwinden. Das finde ich schon auch ganz tröstlich.

Die Wiederaufnahme des Theaterbetriebs wurde vorerst auf den 19. April angesetzt. Halten Sie das für realistisch?
Nein, das halte ich nicht für realistisch.

Dann vielleicht Mitte oder Ende Mai?
Ich könnte mir vorstellen, dass Mitte Mai vielleicht die Maßnahmen ein wenig gelockert werden. Die Krise in Wuhan hat zweieinhalb Monate gedauert, von dieser Dauer sind wir ja noch etwas entfernt. Und wir können uns glücklich schätzen, dass die europäischen Staaten nicht so rigide vorgehen wie der chinesische Staat.

Was passiert denn mit den Produktionen, deren Premiere noch auf dem Spielplan stehen?
Wir hoffen sehr, sie zu Ende zu bringen und die Vorstellungen mit einer besonderen Situation für das Publikum spielen zu können. Wir haben jetzt drei Produktionen, an denen bereits vor dem Lockdown geprobt wurde. Unsere Priorität liegt jetzt darauf, die möglichst bald zu einem premierenfertigen Zustand zu bringen. Falls es nicht mehr möglich ist, sie während meiner Intendanz aufzuführen, hoffe ich, dass sie während der Intendanz von Barbara Mundel gezeigt werden können.

Das heißt, Sie sind mit Barbara Mundel in Gesprächen?
Ja. Wir sind da in Gesprächen und es gibt eine große Offenheit, sich gegenseitig zu helfen.

Das heißt, die jetzige Spielzeit ist gelaufen?
Also, vielleicht passiert ja ein Wunder und der Virus schafft sich selbst ab. Oder vielleicht findet sich schneller als man dachte ein Impfstoff, der eingesetzt werden kann. Aber es ist nun mal unsere Aufgabe, die Kultur weiterhin hoch zu halten und auch zu überlegen, wie die Gesellschaft nach Corona aussehen könnte. Die Entwicklungen sind ja atemberaubend schnell. Von einer Verstaatlichung von Schlüsselindustrien ist jetzt plötzlich die Rede; der Gedanke, dass der Staat sich nicht neu verschulden will, ist einfach mal vollständig kassiert worden. Wenn ich jetzt einen Wunsch frei hätte, wäre es aber vor allem der, dass wir zum Ende des Jahres wieder eine offene Gesellschaft sind.

Das Theater, für das Sie stehen, ist tatsächlich ein globalisiertes. Wie soll das in Zukunft gehen?
Das weiß ich im Moment auch nicht. Für Ende April hatten wir die Premiere von "Mal" geplant, eine Tanzproduktion, inszeniert von Marlene Monteiro Freitas, einer weltbekannten portugiesischen Choreographin. Ein Tänzer ihrer Kompanie kommt aus Israel, eine Tänzerin aus dem Senegal, zwei andere aus Brasilien. Da stellt sich die Frage, ob wir diese Truppe bald wieder zusammenbekommen. Das Projekt Internationalismus bleibt aber eine Herzensangelegenheit von mir. Das Theater muss ein Ort sein, in dem sich eine globalisierte Gesellschaft zusammenfindet.

Ein Teil der Regisseure, die bei Ihnen arbeiteten, kommen aus dem Ausland. Wie geht es ihnen?
Also, meine Hauptsorge gilt gerade Amir Reza Koohestani und Mahin Sadri…

…er Regisseur, sie Schauspielerin…
…ja, zwei Menschen, mit denen ich oft zusammengearbeitet habe und die jetzt im Iran sitzen und in Gefahr sind. Wenn ich da politisch etwas fordern dürfte, dann, dass dieser Wirtschaftsboykott gegen den Iran aufgehoben wird, zumindest, was die pharmazeutischen Güter angeht.

Indessen wird in Deutschland zum Teil noch von "Panikmache" und "Corona-Hysterie" gesprochen und über die autoritären Maßnahmen von Herrn Söder und anderen Politiker*innen diskutiert.
Also, die Vorgehensweise von Herrn Söder kann man ja so oder so finden, aber ehrlich gesagt, das Aussitzen der Krise, wie sie Herr Johnson am Anfang in Großbritannien betrieben hat, ist mir nicht lieber. Ich würde sagen, es gibt eine berechtigte Angst vor dem weiteren Ausbreiten einer Pandemie. Ob die von Herrn Söder angeordneten Maßnahmen in Bayern geeignet sind, um diese Pandemie aufzuhalten, kann ich nicht abschätzen. Natürlich ist man nach der Bankenkrise gegenüber Wörtern wie "systemrelevant" und "alternativlos" skeptisch, aber ich bin auch nicht bereit zu sagen, für unser wirtschaftliches Wohlergehen sollten wir den möglichen Tod von Hunderttausenden in Kauf nehmen.

Sie finden also das derzeitige Vorgehen richtig.
Ja… wer hätte gedacht, dass ich mal in einem Interview auf der Seite von Herr Söder stehen würde. Das hätte ich mir auch nie träumen lassen.

Auch Ihr Theater ist sozial gefragt: Gastspiele werden abgesagt, freie Mitarbeiter*innen im Team und Gäste, die einzelne Vorstellungen gespielt hätten, haben eigentlich starke Verdienstausfälle.
Es ist klar, dass wir Lösungen finden müssen. Wir sind in guten Gesprächen mit dem Kulturreferat, wie wir das mit den Künstler*innen und freien Mitarbeiter*innen anständig in den Griff bekommen.

Könnte es nicht sein, dass die Leute sich jetzt daran gewöhnen, lieber zu Hause zu bleiben?
Jetzt lassen wir mal die Kirche im Dorf. Spätestens, wenn es eine Impfung gibt und jeder Mensch eine Viruserkrankung in der Regel sicher überleben kann, wird sich alles andere wieder normalisieren.

Man kann sich gerade kaum vorstellen, dass eines Tages Menschen auf der Bühne stehen werden, die sich die Hand geben, gegenseitig berühren und in einer Realität jenseits von Corona leben.
Der Blick auf das Theater wird sich sicherlich verändern. Jeder Text klingt während und nach der Krise anders als er zuvor klang. Ich denke auch, es wird eine starke Zuspitzung in den Spielplänen geben.

Oh Gott. Kommen dann lauter Stücke mit Corona auf uns zu?
Ob direkt mit Bezug auf Corona weiß ich nicht, aber die politischen Folgen muss man thematisieren. Wie ich schon sagte, wird es darum gehen müssen, den kulturellen Austausch und die internationale Vielfalt zu erhalten. Während einer Krise werden Entscheidungen getroffen, die eine Gesellschaft nach der Krise präfigurieren – da muss man sehr aufpassen und das sollte auch auf der Bühne thematisiert werden. Auch die Zweiteilung unserer Gesellschaft, die gerade verstärkt spürbar wird, zwischen denen, die privilegiert sind und denen, die beispielsweise an der Supermarktkasse alles am Laufen halten, muss man sich bewusst machen. Das wird auch auf der Bühne eine Rolle spielen.

Das politische Theater, das Ihnen da vorschwebt, wird man in München nicht mehr erleben. Der feierliche Abschluss ihrer fünfjährigen Intendanz fällt nun mit hoher Wahrscheinlichkeit aus.
Das Ende meiner Intendanz ist mir wurscht. Wenn ich nach dem Ende der Krise mit allen Mitarbeiter*innen, Schauspieler*innen, Freund*innen gemeinsam ein Getränk trinken kann und alle wirklich da sind, werde ich mich glücklich schätzen. Das ist das Wichtigste, nicht das Ende meiner Intendanz. Natürlich habe ich mich auf dreieinhalb letzte heitere Monate in München gefreut, aber so heiter wird diese Zeit nun mal nicht mehr werden. Es ist sicherlich schade: Die Kammerspiele hatten zuletzt 85 Prozent Platzauslastung, es hat sich plötzlich eine enge Verbindung zwischen dem Münchner Publikum und unserem Team ergeben. Aber es ist nun mal so, wie es ist. Im Übrigen feiern wir jetzt die ganze Zeit den Abschied im Internet, etwa mit der Live-Performance von "Yung Faust".

Als krönender Abschluss war eine 24-Stunden-Performance im Stadtraum mit "Olympia 2666" geplant, nach dem Mammutwerk "2666" von Roberto Bolaño. Das findet wohl auch im Netz statt?
Falls es nicht anders geht, versuchen wir es als Online-Inszenierung hinzubekommen.

Ihre Intendanz hat jetzt eine ziemlich eigenwillige Dramaturgie: Anfangseuphorie, dann ziemliche Anfeindungen, schlechte Zuschauerzahlen, Theater des Jahres, volles Haus, Coronakrise.
Ich würde mal sagen: fünf Jahre Krise! Aber es war eine Krise, die sehr produktiv war und einen künstlerischen Output brachte, auf den ich stolz bin und den ich den Menschen zu verdanken habe, mit denen ich zusammenarbeiten darf.

Dann viel Glück für die letzten Krisenmonate. Was machen Sie eigentlich abends? Serien schauen?
Ich versuche gerade, ein Theater per Video-Konferenzen zusammenzuhalten, meine Freundin arbeitet natürlich auch und wir haben gleichzeitig ein dreijähriges Kind, das seine Freunde nicht mehr sehen darf und alleine mit seinen langweiligen Eltern zu Hause in der Münchner Wohnung bleiben muss. Ich habe also auf allen Kanälen zu tun. Diese Aufgaben fordern mich so, dass ich abends um 21 Uhr todmüde ins Bett falle.    


 
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