Eine neue CD der Reihe "Stimmen Bayerns" Im Land der Wilden

Vorbote der kommenden Jugendrevolte. Ein nächtliches Konzert von Straßenmusikanten führt am 21. Juni 1962 zu den Schwabinger Krawallen. Foto: Archiv/dpa

Das Münchner Trikont-Label setzt seine Reihe „Stimmen Bayerns“ fort. Ein Kaleidoskop der Wut, Rebellion, Hoffnung – Geschichte, Geschichten und Lieder: Es musste eine Doppel-CD werden

 

Der bayerische Traum von Freiheit ist ein Blick in ein Kaleidoskop. Die Sehnsucht entsteht aus dem Fall der Scherben. Immer neu. Rätselhaft. „Diese Bauern sind sich vielleicht nicht bewusst, was Freiheit ist, aber sie lieben sie“, schrieb der SPD-Politiker Wilhelm Hoegner in seinen Erinnerungen „Flucht vor Hitler“. Der spätere bayerische Ministerpräsident musste 1933 vor den Nazis über das Wettersteingebirge fliehen. Er blickt auf „saftige Waldwiesen“, „goldgelbe Kornfelder“ und den „blauen Dunst“ über der Niederung. Die Freiheit ist eine Seelenlandschaft in der Hans Söllner, Willy Michl und Gerhard Polt ihre Häuser gebaut haben.

Und die bildet das Münchner Trikont-Label in einem neuen Teil seiner assoziativ-magischen, enzyklopädischen Reihe „Stimmen Bayerns“ ab. Das wilde Volk – diesmal braucht’s eine Doppel-CD, um das zu fassen. Selten war Gustl Bayrhammer so persönlich und wütend zu hören wie in seinem BR-Beitrag von 1992, in dem er vor der „braunen Scheiße“ als Bedrohung der Demokratie warnt. Der Ringsgwandl lässt in seiner Outlaw-Ballade den Räuber Kneissl, den Country-Rambler, zur Hinrichtungsstelle fahren. Zwingend führt als Auftakt die Straße des Rock’n’Roll durch das Siegestor. Hier ritten der Zorro, der Gringo und der Zapata 1975 in den „Münchner G’schichten“ auf ihrem langen Weg nach Sacramento. Auch als Hörgeschichte funktioniert dieser emotionale Moment bayerischen TV-Lebens wunderbar.

Die „Stimmen Bayerns“ ziehen hinab in den Strudel der Historie. Udo Wachtveitl und Burchard Dabinius heben die „Protestgeschichte“, beginnend mit dem 23. Januar 1948. 60<TH>000 Menschen demonstrieren für höhere Lebensmittelrationen auf dem Königsplatz. 1956: Kriegsdienstgegner formieren sich. 1968: der Ostermarsch als Protest gegen das Attentat auf Dutschke. 1974: Frauen rebellieren gegen den Abtreibungsparagraphen. 1995: Man geht für den Erhalt der Biergartenkultur auf die Straße.

Nein, das ist noch lange nicht alles im Land der Aufrechten, Querulanten und Rebellen: Mauko Erber, Sitka Wunderlich und Wolfram Kunkel waren dabei, als 1962 die Situation zwischen Jugend und Obrigkeitsstaat in den Schwabinger Krawallen eskalierte. Harmloser Nachklang dieser schwärenden Wut ist der „Sommer in der Stadt“ der Spider Murphy Gang. Urwüchsige Formenauflösung treibt den Herbert Achternbusch, hier gelesen von Christian Lerch: „Weil es die Welt gar nicht gibt“ ist Manifest, ist Sektion mit dem Beil.

Eine wunderbare Entdeckung findet sich auf der zweiten CD: Oskar Maria Graf singt das „König Ludwig Lied“. Der Exilant, Anarchist und heimweherkrankte Lederhosenliterat lässt aus seinem Innersten die Inbrunst brechen und weiß mit tränenden Augen um die Freiheit der Komik.

V.A.: „Stimmen Bayerns. Die Freiheit“ (Trikont)

 

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