Eine Mutter aus Krailling erzählt „Wir haben Angst um unsere Kinder“

"Opfer gibt es im Moment viele. Vor allem die vielen Freundinnen von Chiara und Sharon": Die Kerzen, Briefe, Kuscheltiere vor dem Haus, in dem die Mädchen starben, werden immer mehr. Foto: dpa/dapd

 Der brutale Mord an Sharon (11) und Chiara (8) löst in der Umgebung Albträume, Wut und Sorge aus.

 

Die Bilder lassen mich nicht los. Eine fröhliche Sharon, die in den Bus einsteigt und winkt. Die kleine Chiara, die an mir vorbeisaust und ein schnelles „Hallo“ ruft. Meine Tochter konnte gerade laufen, als die beiden Schwestern sie an die Hand genommen haben. „Ich passe schon auf“, hat Sharon nur gesagt, um mit ihr dann ins „Schabernack“, die Kneipe in Krailling, zu rennen. „Was soll ich dir malen? Ein Pferd oder etwas anderes?“, hat Chiara mein Kind gefragt. Das ist gar nicht lange her. Diese Bilder sind nun Teil meiner Träume.

„Ich hatte in meinem Leben noch nie Albträume“, sagte ein Besucher des Trauergottesdienstes am Dienstag. Er ist 70 Jahre alt. Auch dieser Kraillinger wurde nach dem Mord an den Kindern erkennungsdienstlich untersucht und vernommen, weil er in der Mordnacht im „Schabernack“ war. „Jetzt schrecke ich jede Nacht auf. Ich weiß nicht, was ich geträumt habe, ich weiß nur, dass es mir schlecht geht.“ Er findet, wie alle in Krailling, die Tat unbegreiflich.

Wie soll ich meinen Kindern erklären, was passiert ist? Mein Sohn, der so alt ist wie Sharon es war, nämlich elf, kam von der Schule heim und hat mir begeistert berichtet, dass das ZDF in Krailling wohl einen Krimi dreht. Mir kamen die Tränen. „Nein, das ist kein Krimi, das ist ein Kriminalfall“, habe ich ihm gesagt und geweint. Mein älterer Sohn hat sich gleich in sein Zimmer verzogen. Meine Tochter weiß noch von nichts. Ihre Brüder lotsen sie an jedem Zeitungsständer vorbei, damit sie die Bilder nicht sieht. Aber wir haben diese Bilder im Kopf.

Jetzt hält Richard S. (50) das Schabernack offen. Der Techniker hat mit Stammgästen und Angestellten ein Notprogramm für die Kneipe aufgestellt. Inzwischen stehen auch Maler- und Schreinermeister mal am Zapfhahn – ohne Bezahlung. Ein Zeichen dafür, dass Krailling zusammenrückt. Der Spendentopf für die Beerdigung der beiden Mädchen ist schon ziemlich voll. Ein Malermeister (46) meint: „Anette und Klaus sollen sich wenigstens um ihre Existenz keine Sorgen machen müssen.“ Die beiden, die Mutter und ihr Lebensgefährte, hatten die ermordeten Kinder gefunden.

In den Geschäften gibt es kein anderes Thema. Die Bedienung aus der Eisdiele ist fassungslos. „Die Mädchen waren oft bei mir“, sagt die Mutter zweier Söhne. Sie fragt sich auch, wer zu so einer Tat fähig sein könnte. „Vielleicht war der Mörder sogar einer meiner Gäste. Diese Vorstellung ist schrecklich.“ Die Angst um die Kinder geht in Krailling um. Ich sperre die Haustüre doppelt ab, früher stand das Gartentor offen, jetzt nicht mehr. „Ich habe nie die Jalousien runter gemacht“, erzählte mir eine befreundete Mutter eines Sohnes (10). „Aber jetzt habe ich Angst.“ Genauso eine Frau, die in ihre Wohnung nur über einen Hinterhof kommt: „Alleine traue ich mich nicht mehr heim, auch wenn ich weiß, dass ich vermutlich kein Opfer bin.“

Um den Kindern im Ort etwas von ihrer Angst zu nehmen, werden sie von den meisten Eltern zur Grundschule gebracht und wieder abgeholt. Lehrerinnen und auch der Elternbeirat haben angeregt, dass Mütter jeweils Gruppen von bis zu zehn Kindern zum Unterricht bringen und auch wieder abholen.

Opfer gibt es im Moment viele. Vor allem die vielen Freundinnen von Chiara und Sharon. Nach dem Trauergottesdienst am Dienstag konnten manche nicht mehr aufhören zu weinen. Sie hatten zum Teil noch am Abend vor dem brutalen Mord Kontakt mit den Mädchen über Facebook.

Auch andere Gäste des Schabernack stehen unter Schock. Ich auch. Die Kerzen mit Alpha und Omega, von denen viele im Gottesdienst verteilt wurden, zünden viele trotz Kneipenstimmung an.

Ich habe meine Kerze für Chiara und Sharon auch angezündet. Mit Streichhölzern, die mir ihre Mutter Anette vor etwas über einer Woche in die Hand gedrückt hat.

 

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