Eine Ausstellung über Max Weber Im Dunst aus Bier, Rauch, Volk, Erotik und Revolution

Ernst Toller (Mitte) und Max Weber (mit Hut) auf einer der „Lauensteiner Tagungen“, wo Intellektuelle 1917 auf einer Burg im Fränkischen über die Zukunft Deutschlands nach dem Krieg debattierten. Foto: Volk Verlag

Eine Ausstellung in der Seidlvilla erinnert an den vor 100 Jahren verstorbenen Soziologen Max Weber

 

Die Zeit ist aus den Fugen – und die Orte sind es auch. So liegt der Max-Weber-Platz in Haidhausen für ein paar Wochen in Schwabing am Nikolaiplatz. In der Seidlvilla eröffnet das Straßenschild eine Ausstellung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die ihr einstiges Mitglied, den Soziologen Max Weber (1864-1920), nicht an ihrem Standort in den hehren Hallen der Residenz, sondern in den leeren Räumen der Seidlvilla vorstellt.

Noch dazu hieß der Max-Weber-Platz in Haidhausen seit 1905 jahrzehntelang nach einem verdienten Gemeindeschreiber und Magistratsrat. Max Weber war entsprechend enttäuscht, als er 1919 dort vorüberging und annahm, dass in München keine Straße mehr nach ihm benannt werden könne. Doch 1995 besann sich die Stadt eines Besseren und vergab den Namen „Max-Weber-Platz“ einfach doppelt.

In den ausgeräumten Zimmern der Seidlvilla ist ein Lebenswerk zu besichtigen, das im Juni 1920 unversehens zum Abschluss kam. Max Weber, der im April 1919 den Lehrstuhl des Volkswirtschaftlers Lujo Brentano an der LMU übernommen hatte und die neuen Gesellschaftswissenschaften (Soziologie) lehrte, starb an einer Lungenentzündung, die sich aus einer Bronchitis (und nicht aus der Spanischen Grippe) entwickelt hatte.

Lebhafter Sprecher

Der „gute, geschickte und lebhafte Sprecher“ (Thomas Mann), der wissenschaftliche Vorträge vor 500 Zuhörern anhand von Stichwörtern und ohne Mikrofon frei entwickelte, hatte sich übernommen und starb am 14. Juni 1920 im Haus Seestraße 3 c (heute 16) im Alter von 56 Jahren. Eine Gedenktafel erinnert seit 1976 an ihn.

Vermieterin war die Dichterin Helene Böhlau al Raschid Bey, die Witwe eines deutschen Publizisten und Philosophen, der zwar verheiratet gewesen war, aber zum Islam konvertierte, um Helene heiraten zu können! Ein Roman der Böhlau, „Der Rangierbahnhof“ (1896), wurde für Max Weber als „Rangierbahnhof im Hause“ buchstäblich Realität. Offiziell lebte er dort mit seiner Frau Marianne, die sich in der Frauenbewegung engagierte. Doch „das schöne Leben“ in München mit seinem „unvergeßlichen Zauber“ hatte den Professor auch andernorts eingefangen.

Gleich zwei Geliebte, die 16 Jahre jüngere Pianistin Mina Tobler in Heidelberg und die 10 Jahre jüngere Else Jaffé in Wolfratshausen, lockten ihn aus dem offenbar trüb gewordenen Ehealltag heraus. Dabei unterhielt Else, die Gattin des bayerischen Finanzministers Edgar Jaffé, zeitgleich eine Beziehung zu Max Webers ungeliebtem jüngeren Bruder Alfred – die erotischen Kapriolen im „Rangierbahnhof“ machten auch vor den älteren Semestern nicht Halt.

Doch diese anregenden Liebesgeschichten machen nur einen Teil der ansonsten über Bild- und Texttafeln in fünf Kapiteln von der Kuratorin Edith Hanke kundig und pointiert inszenierten Ausstellung aus. Ein einsamer Ledersessel des Professors und eine Porzellantasse der Pianistin vermitteln, neben Schriftstücken und einem sehr gelungenen Porträt Max Webers in Öl, sogar menschliche Nähe.

Wissenschaft als Beruf

Die wissenschaftliche Leistung Max Webers, der den Begriff des „Charisma“ auf die Politik übertrug und dessen Werkausgabe in 47 Bänden nun geschlossen vorliegt, verdichtet sich in zwei Reden, die im Kunstsaal der Buchhandlung Steinicke an der Adalbertstraße 15 (heute: Pizzeria Mario) gehalten wurden. Im November 1917 forderte Max Weber in der Rede „Wissenschaft als Beruf“ einen unmittelbaren Lebensbezug der Theorie. Und im Januar 1919 mahnte er in der Rede „Politik als Beruf“ sowohl das Bohren dicker Bretter als auch die „Verantwortungsethik“ an, auf die sich noch im Januar 2019 Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos berief.

Die wissenschaftliche und politische Klarsicht Max Webers zeigt sich besonders gut an einer Rede, die er am Vorabend der Revolution, am 4. November 1918 im Hotel Wagner an der Sonnenstraße gehalten hat. Unter den Zuhörern waren drei Literaten: der selbsternannte „Provinzschriftsteller“ Oskar Maria Graf, der Lyriker Rainer Maria und der Anarcho-Kommunist Erich Mühsam.

Während Rilke nur die Atmosphäre im „Dunst aus Bier und Rauch und Volk“ wiedergab, überliefert Graf den Schlüsselsatz der Rede über „Die Politische Neuordnung Deutschlands“ in seiner Autobiographie „Wir sind Gefangene“ (1927). Max Weber warnte: Die Revolution und der sozialistische Zukunftsstaat müssten scheitern, wenn die reaktionären Kräfte im Land nicht ausgeschaltet würden. Erich Mühsam lachte auf. Tatsächlich aber begann schon im Januar 1919 die mörderische Gegenrevolution, der zuerst Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Kurt Eisner zum Opfer fielen.

Absolute Lauterkeit

Dennoch, oder gerade deshalb, setzte sich Max Weber für einen seiner Zuhörer, den Räterevolutionär und expressionistischen Dramatiker Ernst Toller ein. Als der nach dem Scheitern der Räterepublik steckbrieflich gesucht, im Schwabinger Werneckschlössl festgenommen und angeklagt wurde, attestierte ihm Max Weber „Absolute Lauterkeit der Absichten, gepaart mit ungewöhnlicher Weltfremdheit und Unkenntnis der politischen und wirtschaftlichen Realitäten“. Angesichts der anhaltenden blauäugigen Sicht auf dieses grausame politische Scheitern der Schwabinger Literaten zeigt sich, wie wertvoll Max Webers Einsichten noch immer sind.

Die Ausstellung hat QR-Codes für „sprechende Wände“ und ist virtuell über die Webseite der Akademie (www.badw.de) ebenso ständig erlebbar wie die Ausstellungseröffnung vom 14. Juni 2020, bei der Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble ein Grußwort gesprochen hat. Der umfangreiche und bebilderte Begleitband liest sich spannend wie ein Roman. 

„Bürgerwelt und Sinnenwelt. Max Webers München“. Seidlvilla am Nikolaiplatz, bis 25. September 2020, geöffnet täglich (außer am 27./28. Juni und vom 25. Juli bis Ende August) von 10 bis 19 Uhr. Eintritt frei. Der gleichnamige Begleitband von Friedrich Wilhelm Graf und Edith Hanke ist im Münchner Volk Verlag erschienen (Reihe: „Vergessenes Bayern“), hat 400 Seiten und kostet 25 Euro

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