Ein Wochenende mit...Claus von Wagner Koffein tanken in Schwabing

Der Kabarettist Claus von Wagner kann es nicht ausstehen, wenn in einem Café einem die Ohren mit "umsatzförderndem Gedudel" zugedröhnt werden. Deswegen geht er gerne ins Gelato Bartu. Dort spielt die Musik nur leise im Hintergrund. Foto: Petra Schramek

Hier erzählt ein bekannter Münchner von seinem Wochenende. Heute ist das der Kabarettist Claus von Wagner, der gerne durch die Cafés in seinem Viertel zieht.

Manche Leute entspannen sich beim Kochen–ich unglücklicherweise nicht. Ich streife eher durch die Straßen in meinem Viertel und wandere von Café zu Café.
Ich wohne zwar erst seit drei Jahren in Schwabing, aber beim Thema Koffein-Tankstellen macht mir keiner was vor. Ein guter Startpunkt für’s Schlendern ist die Eisdiele Gelato Bartu in der Wilhelmstraße. Der Espresso ist großartig, das „Schokino” mit Sahne unschlagbar – und hergestellt wird das Ganze auch noch aus Bio-Zutaten, Kinder kriegen eine Ermäßigung – ach, ich mag das einfach, wenn Menschen eine Idee für ihr Essen haben.

Deshalb sitze ich auch gerne draußen vor dem Esca in der Agnesstraße. Selbst gemachte Muffins aus Dinkelmehl, ein Cappuccino, wie er sein sollte, und fantastischer Quark – da bin ich daheim. Zumal einem die Betreiber auch genau dieses Gefühl geben: zu Hause zu sein. Das ist bei meiner Arbeit ganz wichtig, denn diese kleinen Cafés sind im wahrsten Sinne des Wortes meine zweite Heimat. Ich muss immer wieder aus meiner Schreibhöhle raus, sonst bleiben meine Gedanken einfach irgendwann stehen.

Nachmittags geht’s dann gerne in den Georgenhof in der Friedrichstraße. Ich kenn’ die Zeiten, zu denen dort nicht ganz so viel los ist – verraten tu’ ich die natürlich nicht. Ich habe von meinem Beruf ja immer noch so ein romantisches Bild. Daran ist der Gerhard Polt schuld. Ich hatte mir das als Kind so vorgestellt: Der Polt setzt sich in ein Gasthaus rein, schaut den Leuten aufs Maul und denkt. Das Schöne ist: Bisweilen ist es tatsächlich so. Das geht. Einfach dasitzen und nachdenken.

Im Lehmkuhl in der Leopoldstraße hat man auch eine wunderbare Ruhe. Da bin ich gerne. Die sind heuer nicht zu Unrecht als Buchhandlung des Jahres ausgezeichnet worden. Die Buchhändler, die da arbeiten, lesen die Bücher, die sie verkaufen, tatsächlich noch selbst. Unvorstellbar eigentlich. Auch die Lesungen da sind wirklich spannend – sogar T.C. Boyle war schon da.
In Bücher bin ich regelrecht vernarrt, schleppe auch immer viel zu viele mit mir herum. Jetzt grade sind’s drei oder vier. Schon allein deshalb bleibe ich viel in meinem Viertel. Weiter komme ich mit der schweren Tasche sowieso nicht.

Als ich nach Schwabing gezogen bin, habe ich auch gedacht, ich könnte mir jetzt öfter mal die Kollegen anschauen. Zur Lach- und Schießgesellschaft oder ins Lustspielhaus kann ich jetzt schließlich zu Fuß laufen. Aber dafür bin ich einfach zu oft auf Tour und spiele selbst. Ich treffe die Kollegen dann eher an irgendwelchen obskuren Bahnhöfen. Da steht dann beim Umsteigen plötzlich der Helmut Schleich vor mir.

Politiker treffe ich auf Reisen auch viele. Einsam und verlassen zieht da zum Beispiel der ergraute Wolfgang Clement seine Bahn(en). Kein Wunder: früher SPD-Superminister, heute Sprachrohr einer arbeitgebernahen Lobbygruppe. Das schlaucht natürlich.

Und was ich in der Deutschen Bahn schon an Gesprächen belauscht habe. Viele Manager verstehen den ICE offenbar als ihr Großraumbüro. Die haben kein Bewusstsein dafür, dass es so etwas wie Industriespionage gibt – und ich würde mich selbst als Industriespion bezeichnen, weil ich natürlich verwende, was ich da höre. Das ist höchst ergiebig. In Zeiten der Globalisierung ist der ICE offenbar das neue Wirtshaus. Und damit meine ich ausdrücklich nicht das Essen.

Protokoll: Florian Zick

 

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