Ein Unglück und die Reaktionen AZ-Kommentar: Hass im Herzen

Freundinnen und Freunde der ums Leben gekommenen Julia B. haben Blumen, Karten, Kerzen und Fotos an der Haltestelle Am Lokschuppen abgelegt. Foto: Daniel von Loeper

Der stellvertretende AZ-Chefredakteur Timo Lokoschat über die mitleidlosen Reaktionen auf den tödlichen Trambahn-Unfall einer 15-Jährigen.

 

Ein Mädchen ist gestorben. Eine Tragödie, an sich bereits genug erschütternd. Was uns als Nachrichtenmacher aber zusätzlich betroffen macht, sind die Reaktionen vieler Leser in den Sozialen Netzwerken und auf den Seiten mehrerer Tageszeitungen (ja, auch der AZ). „Selber schuld!“, „So jung und so dumm!“, „Kein Mitleid!“, „Generation Doof“, „Mir tun die anderen Fahrgäste leid, deren wohlverdienter Feierabend später begonnen hat“ und „Mich interessiert nur, wie es dem Trambahnfahrer geht“ sind noch die harmloseren Bemerkungen.

Viele Kommentare haben wir nicht freigeschaltet, weil sie so pietätlos sind. Als sich eine Freundin der Verstorbenen zaghaft zu Wort meldet und höflich um etwas Respekt bittet, knallt ihr ein User, der sich „Mitdenker“ nennt, vor den Latz: „Respektlos ist, wie unachtsam Ihre Freundin sich im Straßenverkehr verhielt!“ Man kann nur hoffen, dass die Eltern des Mädchens solche Sätze nicht lesen.

Um ein reines Online-Phänomen handelt es sich übrigens nicht. Auch die Print-Redaktion haben mehrere abfällige „Stellungnahmen“ erreicht. Die einzigen beiden moderaten haben wir am Wochenende veröffentlicht, der Rest war undruckbar.

Was ist bloß los mit den Leuten? Sicher: Das junge Mädchen hat eindeutig einen Fehler gemacht, dient hoffentlich als warnendes Beispiel – aber ist heute wirklich das Erste, das uns bei so einem tragischen Unglück einfällt, Häme und Hass statt Mitgefühl und Bedauern?

Haben die Allesbesserwisser in ihrer Jugend wirklich nie dumme Sachen gemacht? Also ich schon! Ich habe auf Baustellen und in Kiesgruben gespielt, bin auf Gleisen gelaufen und auf einen stillgelegten Eisenbahnwaggon geklettert, lange bevor es in Zeitungen Info-Kästen zum Thema „Lichtbogen“ gab.

Zum Glück ist alles gut gegangen. Daran sollte man sich dankbar erinnern, um nie so ätzend wie manche Menschen zu werden.

 

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