Ein kultureller Rückblick München und seine Musikhäuser: Ein Wunschkonzert

Vergangenheit und Zukunft: In unserer Fotostrecke stellen wir Ihnen die Münchner Musikhäuser vor. Foto: Cukrowicz Nachbaur Architekten, Stadtarchiv, Ullstein, TU München

Endlich bekommt München einen neuen Konzertsaal. Die Geschichte der Münchner Musikhäuser ist voller Utopien - ein Rückblick.

 

München - Prächtige Säle und palaisartige Häuser für musikalische Darbietungen vom Feinsten standen der Haupt- und Residenzstadt München schon seit dem ausgehenden Mittelalter zur Verfügung. Die sind fast alle verschwunden oder vergessen. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es geradezu einen Boom bei der Projektierung von Konzerthäusern, doch die meisten Vorschläge blieben Utopien. Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde geplant, geplant und geplant.

Neu erstanden ist im wiederaufgebauten Alten Rathaus der bürgerliche Tanzsaal, aus dem 14. Jahrhundert, dem die Moriskentänzer einen Nachhall verschafft haben. Als Hofkapellmeister verzauberte Orlando di Lasso, der bedeutendste Musiker Europas des 16. Jahrhunderts, im Antiquarium der Residenz die höfische Gesellschaft. Ab etwa 1600 existierte im Hofdamenstock der Residenz ein Festsaal namens Herkulessaal; er wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, 1959 wieder aufgebaut und später in Max-Joseph-Saal umbenannt, um Verwechslungen mit dem neuen Herkulessaal zu vermeiden. Das Redoutenhaus an der Prannerstraße, wo am 13. Januar 1775 die "Carnevalsoper" eines 19-jähringen "Wolferl" uraufgeführt wurde, musste im 19. Jahrhundert dem ersten bayerischen Parlament weichen.

Das Alte Opernhaus am Salvatorplatz, bei dessen Sommerspielen der mittlerweile hochgeehrte W. A. Mozart den Ton angab, wurde 1802 abgerissen, weil Francois Cuvilliès in der Residenz ein viel schöneres Rokoko-Theater schuf, das heute noch, platzversetzt, en suite bespielt wird. Das Odeon, das Klenze im Auftrag König Ludwigs I. baute und 1828 zum Faschingsauftakt eröffnete, wurde nach der Zerstörung im Innenministerium integriert.

Ausgebombt und nie wieder aufgebaut wurde die Tonhalle in der Türkenstraße, von Martin Dülfer 1885 als "Kaim-Saal" entworfen, sie war Keimzelle der Münchner Philharmoniker.

Mit dem Aufblühen von Kunst und Kultur um die Jahrhundertwende tauchten in München erste Träume von einem großen Multifunktionsbau auf, bei dem die Musik eine tragende Rolle spielen sollte; der Erste Weltkrieg machte sie zunichte. Doch die Idee wucherte weiter in vielen Köpfen. Man brauchte Platz für Kongresse und festliche Veranstaltungen, ein neuer Konzertsaal und die Staatliche Akademie für Tonkunst für die fast tausend Studierenden. Schließlich führten die Diskussionen zu Verhandlungen zwischen den möglichen Bauherren und Trägern: Stadt, Staat, Konzertverein und dem seit März 1924 sendenden Rundfunk, dessen Aktien zunächst die Reichspost, die Staatsregierung und Privatleute hielten.

Im Februar 1925 schlug der geniale Stadtbaurat Theodor Fischer ein Musikhaus für 2000 Personen mit Restaurant, Probe- und Studienräumen vor, wofür er den Park neben dem Glaspalast auserkor. 1926 wollte Gustav Gsaenger den alten Hauptbahnhof ohne Veränderung der Fassade in eine Stadthalle verwandeln, auf den bisherigen Gleisen einen Stadtpark anlegen und die Abfertigungshalle zum Hirschgarten verlegen. Auch Richard Riemerschmid, Direktor der Kunstgewerbeschule und dann Präsident der Kunstakademie, entwarf einen Mehrzweck-Kulturpalast zwischen dem eben eröffneten Deutschen Museum und der Ludwigsbrücke. Für das monumental langgestreckte Gebäude hätte allerdings das Isarbett verlegt werden müssen. Zu bindenden Beschlüssen kam es in keinem Fall, es fehlte das Geld.

1932: Ein neuer Glaspalast im Alten Botanischen Garten

Die Misere wurde ein großes Thema. 1926 hörte man in der Tonhalle bei einer Veranstaltung über "München als Kulturzentrum" aus den Reihen der 3000 Künstler immer wieder die Klage vom "Niedergang einer Kulturstadt". Unter Beifall warnte Thomas Mann 1927: "Gemüt und Mir san g'sund - damit wird München seine Stellung nicht halten oder nicht zurückgewinnen, auch als Kulturstadt nicht."

In der Nacht zum 7. Juli 1931 brannte der Glaspalast mitsamt einer Gemäldeausstellung deutscher Romantik ab. Nun erhielt Adolf Abel, der 1930 als Nachfolger von Theodor Fischer den Lehrstuhl für Architektur an der Technischen Hochschule übernommen hatte, einen Auftrag für die Planung eines großen Kultur- und Konzerthauses. Im Mai 1932 rückte in seiner Vorstellung ein "neuer Glaspalast" an den Westrand des Alten Botanischen Gartens. Der Haupttrakt des mehrteiligen Baus hätte zu einem akustisch variablen Saal für 2000 Personen umfunktioniert werden können.

Doch die deutsche Architektenschaft, bald von einem Nazi angeführt, protestierte und erzwang einen Öffentlichen Wettbewerb, der aber keinerlei brauchbare Ergebnisse brachte. Adolf Hitler höchstpersönlich übernahm noch 1933 die Planung und verkündete in eigentümlichem Satzbau: "Dann soll München wieder werden Hauptstadt der deutschen Kunst." Prof. Abel wurde kaltgestellt und bei der Grundsteinlegung zum "Haus der Deutschen Kunst" vom Führer zurechtgewiesen. Von Musik war nicht mehr die Rede.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hätte die Stadt den so lange schon geplanten Kulturtempel mit Konzertsaal und Kunstgalerie gern auf dem Gelände des zerbombten Armeemuseums angesiedelt. Doch auch da blieb es bei der Absicht, denn allein der Abriss des immer noch kuppelgekrönten Baus hätte Millionen verschlungen. Das Areal wurde dann ja auch auf Spezialwunsch von Franz Josef Strauß für höhere Zwecke verwendet: als Staatskanzlei, verspottet als "bayerischer Kreml".

Zerschlagen hat sich auch ein Projekt von Martin Elsässer von 1968, das die Bebauung des Trümmerfeldes der Türkenkaserne mit Opernhaus, Konzertsaal und Schauspielhaus vorsah.

Im Vorfeld der Olympischen Spiele wurde das dissonate Wunschkonzert durch neue Töne bereichert. Überraschend bot der Baukönig Josef Schörghuber, Chef der Bayerischen Hausbau GmbH, im Sommer 1969 der Stadt auf seinem Arabella-Areal ein Grundstück für eine Konzerthalle an. Doch der Säckel war bereits durch olympische Ausgaben überbeansprucht. Schörghuber wollte das Projekt für die Kommune retten, indem er zusicherte, das Haus bis 1972 in eigener Regie hinzustellen.

Die Finanzierung wollte er durch einen langfristigen Vertrag mit den Philharmonikern sichern. Die aber spielten nicht mit. Generalmusikdirektor Rudolf Kempe: "So weit draußen spiele ich nie!"

Seine Philharmoniker wollten einfach nicht raus aus dem "magischen Kreis des Münchner Theater- und Musiklebens". Außerdem fürchteten sie, bei Miete eines privaten Saales nie zu einem eigenen Haus zu kommen. Sie spekulierten weiterhin auf ein städtisches Konzert- und Kulturzentrum, das eh seit langem geplant war. "Im Dunstkreis der Biergartenzone," verspottete der auch als Großbrauer höchst erfolgreiche Schörghuber dieses Gasteig-Projekt. Er holte Herbert von Karajan in sein elegantes Arabellahaus und ließ ihn ein Konzept entwerfen. Der Maestro sprach vom bevorstehenden "symphonischen Zeitalter" mit neuen Ansprüchen der Freizeitkultur.

Sechs Architektengruppen wurden nun zu einem Wettbewerb und zu einer dreitägigen Flugreise zu den bedeutendsten Konzertsälen Europas eingeladen. Eine Reihe von Seminaren schloss sich an. Aus einer Befragung von 40 weltberühmten Dirigenten wurden die optimalen baulich-akustischen Bedingungen entwickelt. Hervorragende Fachleute beurteilten drei Tage lang die Entwürfe. Sie kamen zu keinem eindeutigen Ergebnis, empfahlen aber das Projekt des Münchner Kunstakademie-Präsidenten Paolo Nestler und des Mannheimer Architekten Mutschler zur weiteren Bearbeitung.

Dieses Modell zeichnete sich durch außerordentliche Flexibilität aus. Mittels hydraulischer Anlagen sollte der Hauptsaal speziell verwendet werden können für Konzerte und Kongresse, für Fernseh-Shows, für Experimente, Sport und Tanz, für Multimedia, Bankette und Festivals. Im Parkett und Rang sollten bis zu 2800 Zuschauer Platz haben, auf dem Podium bis zu 120 Musiker und 400 Chorsänger. Die Baukosten wurden auf 40 Millionen Mark geschätzt.

Der von Schörghuber vorfinanzierte Konzertpalast blieb ebenso ein schöner Traum wie das zur gleichen Zeit von Gunther Sachs initiierte Kunsthaus der Moderne. Beide Projekte aber haben wesentlich dazu beigetragen, dass zwei lange verzögerte Kulturkomplexe in München endlich von Stadt und Staat energisch vorangetrieben und in den 90ern doch noch realisiert wurden: die Pinakothek der Moderne und das Kulturzentrum am Gasteig, das im 2400 Gäste fassenden Hauptsaal des großen Kulturpalasts am 10. November 1985 "gesamteröffnet" wurde.

Vor der aktuellen und nun wohl auch endgültigen, aber natürlich gern verspotteten "Großen Lösung", dem glasüberwölkten Konzertsaal im Werksviertel hinter dem Ostbahnhof, waren in der öffentlichen Diskussion noch einmal allerlei Visionen von möglichen Standorten aufgetaucht: zum Beispiel ein aufgelassenes Kraftwerk, die denkmalgeschützte Paketposthalle, der Marstallplatz und sogar die Isar.

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