Ehemaliges Zwangsarbeiterlager Neuaubing Außenstelle des NS-Dokuzentrums: Ein Opfer-Ort für München

Winfried Nerdinger vom NS-Dokumentationszentrum (l.) und Kulturreferent Hans-Georg Küppers bei der Übergabe der Baracke. Foto: Daniel von Loeper

Das Münchner NS-Dokuzentrum hat jetzt eine Außenstelle: das ehemalige Zwangsarbeiterlager in Neuaubing.

 

München – Fetzen von Blümchentapete, Furchen im Boden, Wasserflecken an der Decke und gesprühte Nachrichten von „I love you“ bis zum Hakenkreuz: Viel, das einem Lern- und Erinnerungsort ähnelt, ist noch nicht zu sehen in dem kalten Flachbau in Neuaubing.

Und doch ist die „Baracke 5“ immens wichtig und der Tag der Übergabe an die Stadt „ein ganz besonderer Tag für uns“, sagt Winfried Nerdinger, Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums in München. „Das Dokuzentrum steht an einem Ort der Täter, dort, wo einst das Braune Haus stand. Nun haben wir noch eine Dependance an einem Ort, an dem Opfer gelebt haben.“

Neben dem Dokumentationszentrum in Berlin-Schöneweide ist es das einzige Lager-Ensemble in Deutschland, das von einst etwa 30 000 noch begehbar ist. 2011 beschloss der Kulturausschuss, die letzte erhaltene „Baracke 5“ an der Ehrenbürgstraße für einen symbolischen Euro von CAlmmo zu kaufen.

Das wichtigstes Ziel, das die Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung für die Renovierung ausgab: Das historische Gebäude sollte „mit allen Zeitschichten“ begehbar gemacht werden. Nach seiner Nutzung für Zwangsarbeiter wurde es nämlich 1947 eine Flüchtlingsunterkunft, ab 1950 waren dort Angestellte und Lehrlinge der Bahn untergebracht. Seit den Achtzigern gibt es auf dem Gelände ein Künstlerquartier. Und die bewegte Vergangenheit sieht man dem Gebäude im Inneren an: Bisher wurde vor allem die Statik gesichert, Dach, Wände und Fenster wiederhergestellt.

1942 wurde das Barackenlager gebaut, 1943 die ersten Menschen dort untergebracht – Zwangsarbeiter vorrangig aus den besetzten Gebieten wie der Sowjetunion, Polen, Jugoslawien, Italien und Frankreich. Etwa 600 Männer, Frauen und Jugendliche mussten im Lager leben, umschlossen von hohen Stacheldrahtzäunen. Die meisten arbeiteten beim Reichsbahnausbesserungswerk, einige in den nahen Dornier-Flugzeugwerken.

Das Lager gehörte zur Deutschen Reichsbahn - die Aufseher waren Mitarbeiter der Bahn

Schriftlich ist nur wenig über das Lager vorhanden. Das Archiv der Deutschen Bahn hat die Anfragen „alle negativ beschieden“, sagt Historikerin Sabine Schalm vom Kulturreferat. Das Lager war nämlich kein städtisches, sondern gehörte zur Deutschen Reichsbahn. Deshalb hatten nicht SS-Offiziere die Aufsicht. „Mitarbeiter der Reichsbahn waren zuständig, Aubinger und Aubingerinnen, die teilweise auch in der Wohnsiedlung gleich nebenan gelebt haben“, sagt Schalm.

Das Rechercheteam des Kulturreferates hat vor allem mit damaligen Anwohnern gesprochen. Die Zwangsarbeiter selbst sind in der Regel nach dem Krieg freiwillig in ihre Heimatländer zurückgekehrt oder wurden repatriiert. Aus diesen Informationen und mit den Aussagen vom damals 14-jährigen Zwangsarbeiter Ivan Hont soll nun ein Konzept entstehen mit Info-Stelen und Besucherforum, „um einen Kontext herzustellen zwischen den Gebäuden und dem Arbeiteralltag damals“, sagt Schalm. Den nötigen Wandel des Geländes werde man mit den ansässigen Künstlern, Handwerkern und der Kita gemeinsam entwickeln.

 

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