Echtes Sitzfleisch Armin Jumel: 16 Tage auf der Wiesn - seit 23 Jahren

Armin Jumel bekommt von der Bedienung Laura auf dem Oktoberfest in München im Schottenhamel Festzelt ein Bier serviert. Wiesn heißt für Armin Jumel traditionell zwei Wochen Ausnahmezustand: Seit 23 Jahren sitzt der Münchner Friseur beim Oktoberfest im Schottenhamel-Festzelt - jeden einzelnen Tag. Foto: dpa

Der Münchner Armin Jumel sitzt täglich im Schottenhamel - warum und wie er seinen Stammplatz bekommen hat, lesen Sie hier.

 

München - Armin Jumel trägt einen Hut mit einer gelben Rose und chic bestickte Lederhosen. Vor ihm auf der weiß-blauen Tischdecke steht eine volle Maß, um ihn herum stehen die Leute auf den Bänken – trinkend, singend, tanzend. Armin Jumel schaut ihnen zu - jeden Tag, seit 23 Jahren.

Der Friseur ist wohl der einzige Mensch, der nie einen Wiesn-Tag verpasst, von Kellnern oder Schaustellern mal abgesehen. Zum Oktoberfest packt der Friseur seine Schere weg und tauscht den Alltag gegen den Ausnahmezustand. Seit 1990 heißt es für ihn zur Wiesn-Zeit jeden Tag: Bierseligkeit bei Blasmusik. „Ich hatte in der ganzen Zeit nur acht oder neun Fehltage“, sagt der 43-Jährige.

Um seine Friseurläden in München kümmern sich derweil Mutter, Schwester und Nichte. Wo andere Leute ewig – und oft auch vergeblich – Schlange stehen, sind für ihn täglich zwei Tische reserviert, ganz automatisch.

Für Jumel ist immer Platz, immer in der Mitte des Zeltes. Er gehört im Schottenhamel-Zelt nicht nur zum Inventar, er hat auch sein eigenes dabei: Seine beiden Tische sind die einzigen mit weiß-blauen Tischdecken. Das Reservierungsschild räumen die Bedienungen nach Feierabend weg und stellen es ins Festzelt-Büro, am nächsten Morgen steht es wieder da, wo es hingehört: in seinem „Übergangs-Wohnzimmer“.

Für seine Maß hat Jumel einen eigenen Deckel mit einem Figürchen in Tracht, darauf ist sein Name und „schee is“ (schön ist's) eingraviert.

Zu verdanken hat er all das seinem Vater. Denn der war in den 40er Jahren Trauzeuge auf der Hochzeit der damaligen Chef-Bedienung. Und die gab ihm ein paar Jahre später ein großes Versprechen: Jumels Vater und seine Familie sollten immer einen Tisch im Schottenhamel bekommen.

Schon als Kind war Jumel deshalb mit seinen Eltern ständig auf der Wiesn. 1990 starb sein Vater, ausgerechnet auf dem Weg zum Oktoberfest, an einem Herzinfarkt. Heute hält der Sohn die Tradition aufrecht. „Daran hätte mein Vater auch Spaß gehabt.“ Viel habe sich nicht geändert in den Jahrzehnten, die er am Biertisch verbrachte.

Die Musik auf der Wiesn sei moderner, und voller sei es geworden. „Wegen Überfüllung geschlossen, das gab es früher nicht.“ Früher, da konnte man sogar noch mit Kinderwagen ins Zelt, erzählt er. Jumels jüngeren Bruder hat die Familie als zwei Monate alten Säugling mit ins Festzelt genommen. Heute ist es dafür nicht nur viel zu voll, Kinderwagen sind auf dem Festgelände inzwischen außer samstags nur noch tagsüber erlaubt.

Inzwischen sieht Jumel viele junge Leute, in Tracht. „Das hat sich gesteigert. Was tatsächlich Tracht ist, ist natürlich Auslegungssache.“ Während Jumel erzählt, kommen ständig Leute zum Ratschen vorbei, klopfen ihm auf die Schulter, setzen sich dazu. In der Woche kommen täglich 40 bis 50 Freunde, Kollegen, Kunden und Bekannte von der Wiesn vorbei. Am Wochenende hat er bis zu 120 Tischnachbarn. „Manche bleiben länger, andere kommen nur schnell auf eine Maß und Brotzeit vorbei.“ Da hat Langeweile keine Chance, auch wenn er jedes Lied der Blaskapelle ungefähr vier Mal am Tag hören muss.

Kampftrinker seien er und seine Freunde nicht, sagt Jumel entschieden. Pro Tag trinke er höchstens fünf Maß – höchstens. „Also, als echter Münchner muss man das schon vertragen.“ Manchmal aber, da schummele er ein wenig. Dann gibt es kein Helles sondern alkoholfreies Bier oder Radler. Zu betrunken sei an seinem Tisch nie jemand. „Da geht jeder hoam, wenn er meint, er hat genug.“

Auch die Chef-Bedienung bleibt kurz stehen, wenn sie Zeit hat. Sie ist es auch, die immer für Bier-Nachschub sorgt für ihren treuesten Gast. Als einziger Zeltbesucher war er auch schon zum Abschlusstreffen der Schottenhamel-Bedienungen eingeladen.

Angeblich ist Jumel nicht der Einzige, der auf der Wiesn eine Extra-Wurst bekommt. Es soll einmal einen Vertreter gegeben haben, der sich eine Telefonleitung ins Bierzelt legen ließ, weiß Jumel. Ein Anderer, „ein Augustiner-Gänger“, soll sich einen Holzkeil geschnitzt haben, um seine Maß auch auf den angeschrägten Geländern abstellen zu können. Vielleicht sind das aber auch bloß Wiesn-Legenden. Jumel bleibt immer bis zum Schluss, jeden Tag.

Auf seinem Reservierungsschild aus Holz steht „Dohockadedodeoiweidohocka“ - „Hier sitzen die da, die hier immer sitzen.

 

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