Dritte Startbahn Grüne auf Gräberschau - rund um den Flughafen

"Grüße aus Attaching", steht auf dem Plakat mit der bedrohlichen Fotomontage, das Frank Spitzenberger von der Bürgerinitiative hält. Foto: Angela Böhm

Die Landtagsfraktion besichtigt die Orte, die vom Bau der dritten Startbahn betroffen sind. Die AZ war dabei

München 20 Jahre Flughafen München – das ist nicht nur eine Erfolgsgeschichte. Das Boom-Projekt hat auch seine Schattenseiten. Die Kehrseite des Wachstums präsentierten am Freitag die Landtags-Grünen. „Wir wollen zeigen, wie es sich fühlt und anhört, wenn die Grenzen der Belastbarkeit längst überschritten sind“, sagt Fraktionschefin Margarete Bause.

Weltweit liegt der Münchner Flughafen inzwischen vor Tokio, Neu-Delhi und Sao Paulo an 27. Stelle. In Europa sind nur Amsterdam, Madrid, Frankfurt, Paris und London noch größer. Seit seiner Eröffnung im Jahre 1992 haben sich die Passagiere mehr als verdoppelt: 22,7 Millionen kamen im vergangenen Jahr aus der Region, 15,1 Millionen waren Umsteiger. 409 956 Flugbewegungen wurden im Jahr 2011 abgewickelt. Mit der 3. Startbahn wird die Kapazität 700 000 betragen.

Die AZ dokumentiert die Folgen für die Anwohner:

Totenruhe mit Lautsprecher

Wenn Seelsorger Franz Kohlberger in Pulling einen Einwohner zu letzten Ruhe begleitet, braucht er einen transportablen Lautsprecher. Den hat ihm der Flughafen München zu zwei Dritteln finanziert. „Trotzdem muss ich alle drei Minuten Pause machen“, sagt er, „weil wieder einer drüber fliegt. Das ist unmenschlich.“

Ein aufstrebender Ort war das Dorf, bis acht Kilometer entfernt der Flughafen entstand. Ein neues Wohngebiet hatten sie damals ausgewiesen, auf dem 600 Einfamilienhäuser entstehen sollten. Das wurde sofort gestoppt und zur Wüste. Bis der Landkreis Freising dort seine Förderschule baute. Über die fliegen künftig die Jets von der 3. Startbahn.

Den Lärmmesser hat Martin Widhopf, Vorsitzender der örtlichen Bürgerinitiative, in der Hand. „78 Dezibel hat der“, sagt er, als der Lufthansa-Jet den Kirchturm überflogen hat. Seine Kinder sind längst weggezogen. „Die ham’s nimmer ausgehalten.“

Früher war alles da in dem Dorf. Inzwischen wohnen noch 1300 Leute hier. Jetzt kommt nur noch am Freitag von sieben bis 12 Uhr der fahrende Bäcker und Metzger. „Da reden’s immer vom Wohl der Region“, sagt er verbittert. „Der Mensch aber zählt nicht.“ Doch aufgeben wollen Widhopf und seine Frau Helga (65) nicht.

Nur der Maibaum bleibt

Schon im Jahre 790 wurde der Ort Attaching erstmals erwähnt und schrieb Geschichte. Aus dem Wirtshaus in der Dorfmitte, in dem jetzt bei „da Pino“ Pizzas gebacken werden, kommt die Familie Wagner. Die hatte sich im 18. Jahrhundert aufgemacht nach München, um die Augustinerbrauerei zu übernehmen.

Neben dem Maibaum steht jetzt ein Grabstein. Geboren 790, gestorben mit der 3. Bahn.

„Wenn die kommt, san mir erledigt“, sagt Franz Spitzenberger. Der halbe 1000-Seelen-Ort ist „Vertreibungsgebiet“ und soll abgesiedelt werden. Der Zaun der Startbahn wird bis an die Häuser reichen. Nur 80 Meter hoch werden täglich 530 Jets bei der Landung über den Ort donnern. „Niedriger als der Fernsehturm“, sagt der Vorsitzende der Bürgerinitiative.

Die Kinder im Kindergarten dürfen nicht mehr draußen spielen. So steht’s im Planfeststellungsbeschluss.

Die Vertreibung des Königs

„Sein Reich ist sagenhaft schön“, sagt Christian Magerl, Chef des Naturschutzbundes und grüner Abgeordneter. Hier blühen Kuckuckslichtnelken und Bachnelkenwurz in Rosa und Lila. Hier zwitschern Kibitz und Feldlerche. Hier ist das Reich des Wachtelkönigs, der sich nur nachts hören lässt. Die Naturschützer haben 600 Quadratmeter davon gekauft. Als Bollwerk, um die 3. Startbahn zu verhindern. Die wird das Naturschutzgebiet in eine Betonwüste verwandeln.

Knapp 1000 Hektar wird sie verschlucken, mehr als der Tegernsee. 370 Hektar werden völlig versiegelt.

Das Geisterdorf

„Gottes Reich und Frieden ist diesem Haus beschieden“, steht unter dem heiligen St. Christopherus. Die Lüftlmalerei ist längst verblasst. Und mit dem Frieden ist’s auch vorbei. Als einer der ersten hat Lorenz Gschössl das Handtuch geworfen und seinen Bauernhof im Schwaigermoos verlassen. Über den soll die 3. Startbahn rollen. Umgesiedelt haben sie ihn auf Flächen des Staatsgutes Hirschau. Dort hat er nun einen schönen neuen Hof mit Stallungen.

Sein Nachbar dagegen ist einer der letzten, die sich dort noch wehren. Er macht die Tür nicht mehr auf, wenn Fremde kommen, weil er glaubt, das sind Leute vom Flughafen, die ihn über den Tisch ziehen. Zehn Höfe stehen schon leer.

 

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