Doping-Experte im AZ-Interview "Fußball als dopingfreie Zone? So ein Unfug!"

Dr. Helmut Pabst hat den Glauben an dopingfreien Sport längst verloren. Foto: sampics/Augenklick

Der Doping-Experte Helmut Pabst über die neuen Enthüllungen und eine höhere Ethik.

 

Der Münchner Doping-Experte ist der Ehrenpräsident Bayerischen Sportärzteverbands. Er hat jahrelang selbst Dopingkontrollen durchgeführt.

AZ: Herr Pabst, was sagen Sie zu den neuesten Enthüllungen, diesmal rund um den Sport in Großbritannien. Der Londoner Arzt Mark Bonar hat erklärt, er habe jahrelang Top-Athleten, darunter Fußballer von Englands größten Vereinen, mit illegalen Mitteln versorgt.

DR. HELMUT PABST: Doping ist eine Seuche, die die Welt des Sports seit Ewigkeiten heimsucht. Es gibt keine Sportart, in der nicht versucht wird, sich einen Vorteil zu verschaffen. Ich bin erschüttert und wütend, dass es immer wieder Ärzte gibt, die sich für solche Machenschaften hergeben. Für mich gibt es eine Art säkulare Ethik, die von der Religion losgelöst ist, und die weltweit unabhängig vom Glauben oder dem Kulturkreis gilt. Diese wird von solchen Medizinern mit Füßen getreten. Mich würde interessieren, was die dafür einsacken, aus Menschlichkeit und Freundlichkeit tun sie es sicher nicht. In diesem Fall von Herrn Bonar, der Gynäkologe ist, denke ich, dass er sein Wissen aus der Anti-Aging-Bewegung hat, da wird ja auch mit solchen Mitteln gearbeitet.

Bisher wurde ja so gerne betont, dass Doping im Fußball nichts bringt.

Wer das sagt, redet schlicht Unfug. Es ist sicher so, dass die alte Art des Dopings im Fußball, der ja doch von Taktik und Technik geprägt ist, nicht so viel gebracht hat, aber das moderne Doping – und ich werde hier sicher keinen Leitfaden geben – hilft im Fußball genauso. Ich glaube aber nicht, dass irgendwelche Vereine das systematisch veranlasst haben. Da wären zu viele Mitwisser involviert, das könnte man nicht ewig unter der Decke halten. Dass aber einzelnen Athleten mal gesagt wird, geh da mal hin, der hat was für dich, das will ich nicht ausschließen.

Glauben Sie noch an den sauberen Sport?

Nein. Ich glaube noch an saubere Sportler, dass es einige ohne Hilfsmittel schaffen. Aber nicht an den sauberen Sport. Es ist ein Problem nicht nur des Leistungssports. In sehr glaubwürdigen Studien wird davon ausgegangen, dass bei manchen Bewerben bei den Amateuren, wo man denkt, es geht nur um Spaß und Ehre, 60 Prozent etwas nehmen. Meist sind das Schmerzmittel, um die Strapazen besser zu ertragen. Das ist ein Millionengeschäft und ich habe dem investigativen Journalisten Hajo Seppelt, der auch hinter den jetzigen Enthüllungen steht, gesagt: Pass auf dich auf, denn die Kerle, die da angehst, kennen keine Skrupel.

Sind Sie den Whistleblowern, die diese Praktiken öffentlich machen, dankbar?

Ich freue mich über jeden, dem das Handwerk gelegt wird. Es ist nicht so, dass wir unbedarft von den Enthüllungen überrascht werden. Oft wusste man was, konnte es aber nicht beweisen. Wie gesagt, Doping ist eine Seuche, die Opfer fordert. Es gibt Untersuchungen über Todesfälle von Radfahrern in den 80ern, die bei Unfällen starben. Man kann allersdngsnicht ausschließen, dass die in Wirklichkeit einen Hirnschlag erlitten haben und deswegen vom Rad fielen. Die Zahlen, die da im Raum stehen, sind 250 Todesfälle. Konservativ geschätzt.

 

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