Diplomatin geht nach London US-Generalkonsulin Jen Gavito: Ein Schnitzel zum Abschied

Was sie mit München verbindet: gemütliche Biergärten. Den am Seehaus im Englischen Garten mag Jennifer Gavito besonders gern. Foto: Daniel von Loeper

Nach drei Jahren in München endet die Amtszeit von US-Generalkonsulin Jennifer Gavito. Die AZ hat die Amerikanerin an einem ihrer Lieblingsorte zum abschließenden Gespräch getroffen.

München - Es ist einer ihrer Lieblingsorte, an dem wir uns zum Mittagessen verabredet haben: "Zum letzten Besuch im Seehaus muss es ein Wiener Schnitzel sein", sagt Jennifer Gavito. In einer Woche verlässt sie München – mit größtem Bedauern, wie sie sagt. Anmerken lässt sich das die charismatische Frau nicht – sie versprüht Fröhlichkeit und lacht herzlich.

Die 43-Jährige lebte drei Jahre als US-Generalkonsulin mit ihrer Familie in München. Zuvor war sie am US-Generalkonsulat in Jerusalem. Es war ihr vierter Aufenthalt in Deutschland, nach Stuttgart (als Beraterin fürs Militär), Frankfurt (als Vize-Konsulin) und Goch am Niederrhein (als Austauschschülerin).

AZ: Frau Gavito, die Abendzeitung wird am Samstag 70 Jahre alt. Die USA haben damals ja maßgeblich zur Entstehung beigetragen...
JENNIFER GAVITO: Ja, genau! Herzlichen Glückwunsch zum 70. Geburtstag! Das finden wir echt toll. Auch, dass wir dabei eine wesentliche Rolle spielen konnten. Das ist ein gutes, ein historisches Zeichen unserer Freundschaft.

Ihren Ursprung hat die AZ 1948, München gehörte zur US-Besatzungszone. Die US-Kontrollbehörde veranstaltete eine internationale Presse-Ausstellung und hatte die Idee, dort täglich eine Tageszeitung zu produzieren – aus der später die AZ hervorging –, 41 Messe-Tage lang. Was versprachen sich die Amerikaner davon?
Die Medien spielen natürlich eine große Rolle innerhalb einer Demokratie. In der Nachkriegszeit gehörte es zu unserer Aufgabe, die entsprechenden Institutionen wieder aufzubauen. Zu zeigen, wie eine Zeitung auf der Basis von demokratischen Werten gestaltet werden könnte, war Teil dieser Arbeit.

Die AZ und die USA haben also eine enge historische Bindung. Wie steht es denn mit den bayerisch-amerikanischen Beziehungen?
Ich halte sie für sehr, sehr stark. Wir haben jetzt fast 75 Jahre Geschichte, und ich bin sehr stolz auf unser Erbe hier in Bayern. Überall, wo ich hingehe – und das ist wirklich eines der Highlights hier – treffe ich Leute aus der Nachkriegsgeneration, die von ihren ersten Begegnungen mit den Amerikanern erzählen, von der ersten Schokolade oder Orangen, die sie von ihnen bekommen haben. Die Bayern hatten täglichen Kontakt zu den Amerikanern. Da ist eine ganz besondere Freundschaft gewachsen.

Ist Ihr Beruf seit dem Amtsantritt von US-Präsident Trump eigentlich anstrengender geworden?
Er hat schon eine neue Art und Weise, wie er mit den Leuten umgeht, zu Hause und im Ausland. Wir mussten lernen, uns darauf einzustellen. Aber er spiegelt in vielen Fällen die Sorgen und Gedanken der Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung wider. Das heißt, es ist wichtiger als je zuvor, dass wir mit anderen ins Gespräch kommen und erklären können, warum diese Sorgen da sind.

Handelsstreit, Iran-Atomdeal oder der Tweet nach dem G 7-Gipfel – das ist schon eine ziemlich diplomatische Herausforderung, nicht?
Einerseits schon – aber ich versuche, mich nicht so sehr auf die Medien zu konzentrieren. Meine Aufgabe als Diplomat ist, sachlich über die Themen zu sprechen. Ich würde nicht sagen wollen, dass es schwieriger oder einfacher ist – ich habe unter vier Präsidenten gearbeitet, und bei jedem gab es knifflige Themen. Diese Woche haben wir den Nordkorea-Gipfel, das ist zum Beispiel eine sehr positive Sache. Präsident Trump verpflichtete sich, Nordkorea Sicherheitsgarantien zu geben, und Staatschef Kim Jong-un bekräftigte sein entschlossenes und unerschütterliches Engagement für die vollständige Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel.

Als Konsulin suchten sie auch einen guten Draht zur Jugend.
Ja, wir haben in gut einem Jahr 100 Schulen besucht, um mit jungen Leuten in Kontakt zu kommen. Sie können nun hoffentlich besser verstehen, warum Deutschland und Amerika zusammenarbeiten müssen und die transatlantischen Beziehungen als relevant ansehen.

Fragen die Schüler dann auch nach Trump?
Ja, natürlich.

Wie erklären Sie ihnen dann diesen Gegensatz?
Er ist demokratisch gewählt. Und er hat die Sorgen und die Unzufriedenheit der Wähler gespiegelt. Das sehen wir auch in Europa – zum Beispiel mit dem Brexit. Die Wähler glauben offenbar nicht mehr, dass Berufspolitiker sie hören. Mit Trump haben sie jemanden gefunden, der auf ihre Sorgen reagiert.

...und die Wichtigkeit transatlantischer Beziehungen in Frage stellt, womit er international für gewaltige Unruhe sorgt.
Wir haben jedoch gleichzeitig einen ganz normalen Politik-Entwicklungsprozess und Kontakte auf jeder Ebene. In der Amtszeit von Präsident Trump hatten wir beispielsweise schon den Außen-, den Verteidigungs-, den Arbeitsminister und den CIA-Direktor zu Gast. Sich auf ein paar dramatische Aussagen zu konzentrieren, wird der Wichtigkeit dieser Beziehungen nicht gerecht.

Ihre nächste Station ist die Botschaft in London. Sind Sie froh, dass Sie sich als künftige Botschaftsrätin um Brexit-Themen kümmern können – und weniger um Trump-EU-Probleme?
Ich freue mich auf Brexit.

"Das Beste von München: Die Weltstadt und der Englische Garten"

Was wird Ihnen von München am stärksten in Erinnerung bleiben?
Die Biergärten. Und eines ist mir ganz besonders aufgefallen: Wenn man mit dem Fahrrad an der Staatskanzlei in die Unterführung fährt – besonders im Sommer einer der geschäftigsten Orte der Stadt – steht man plötzlich im Englischen Garten an einem Wasserfall. Innerhalb von ein paar Sekunden erlebt man das Beste von München: die Weltstadt und den Englischen Garten.

Auf der Wiesn waren Sie aber auch ganz gern, habe ich gehört.
Ich war letztes Jahr 18 Mal da. Und ich habe einmal eine Stunde lang im Hofbräu-Zelt auf der Bühne gesungen – der Sänger fragte, ob ich mitmachen will. Ich bin großer Fan von deutschem Pop.

Nehmen Sie Ihre Dirndl jetzt mit nach London?
Ja, ich glaube, es gibt in London auch ein paar Oktoberfeste. Eine gute bayerische Präsenz...

Sie sind ja auch bekennender FC-Bayern-Fan – und verlassen München schweren Herzens, wie Sie sagen. Werden Sie eines Tages zurückkehren?
Wir können es uns gut vorstellen, permanent hierzubleiben. Aber dann nicht im diplomatischen Dienst.


Das macht ein Konsul

Ein Konsul ist ein Diplomat, der im Ausland lebt und dort offiziell seinen Staat und die Interessen der Staatsangehörigen vertritt. Das Konsulat übernimmt dementsprechend Verwaltungsaufgaben wie die Ausstellung von Pässen oder der Meldung von Geburten an das Heimatland.

Zudem stellt es Einreisevisa für Ausländer aus. Der Konsul leitet das Konsulat und ist hauptsächlich fürs Repräsentieren und die Beziehungspflege zum Gastland zuständig, etwa durch Gespräche mit Wirtschaft, Politik oder Kultur. Öffentlich muss er politisch neutral sein. Die Amtszeit eines US-Konsuls in München dauert jeweils drei Jahre, er ist für ganz Bayern zuständig.

 

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