Dietrich Brüggemanns "Heil" Streit um Nazi-Komödie: Heillose Diskussionen

Bei der Berliner „Heil“-Premiere (von links): Dietrich Brüggemann, seine Schwester Anna, die im Film mitspielt, und Benno Fürmann. Foto: dpa

Darf man über Nazis lachen? Die Komödie „Heil“ spaltet die Kritik – und der Regisseur schießt zurück.

 

Alle paar Jahre wieder kommt die Frage auf, in diversen Variationen, aber stets aufs Gleiche hinauslaufend: Darf man über Adolf Hitler, über den Nationalsozialismus, über Neo-Nazis lachen? In der Literatur fachte Timur Vernes mit seinem Roman „Er ist wieder da“ (2012) die Debatte an, was dennoch oder gerade deswegen dazu führte, dass das Buch, in dem Hitler quicklebendig im Berlin von Heute aufwacht, zu einem Bestseller wurde. Im Kino tauchte Helge Schneider 2007 als „Mein Führer“ auf. Auch da wurde diskutiert, wie Humor und die Gräuel des Nationalsozialismus zusammenpassen.

Und nun ist Dietrich Brüggemanns „Heil“ in den Kinos, eine Nazi-Farce, die einem manche Pointe buchstäblich vor den Latz knallt: Der afrodeutsche Schriftsteller Sebastian Klein fährt zu einer Lesung in die ostdeutsche Provinz und wird von den dortigen Neo-Nazis mit dem Baseballschläger begrüßt. Der Schlag auf den Kopf löst bei Klein einen Gedächtnisschwund aus, zudem plappert er alles nach, was ihm ins Ohr geflüstert wird. Was Gruppenführer Sven (Benno Führmann) für seine Zwecke nutzt: Er geht mit Klein auf Lesetour und flüstert ihm rechte Parolen ein – die von den Medien und der Bevölkerung begeistert aufgenommen werden. Nebenbei plant Sven den Einmarsch in Polen, weil er nur so bei Nazi-Braut Doreen landen kann.

Und ist das alles lustig? Das Feuilleton ist gespalten. „Klingt wie eine schlimme Klamotte? Ist es auch. Aber es ist eine sehr, sehr schlaue schlimme Klamotte, denn Regisseur Dietrich Brüggemann macht sich hier mit bitterbösem Witz nicht nur über rechte Dummheit, linke Ideologie und Bio-Bürgertum, sondern auch und vor allem über Medien, Kulturbetrieb und Staatsgewalt lustig“, meint der „Rolling Stone“.

Zeigen sich die Kritiker hingegen abgeneigt, dann sind sie oft genauso polemisch wie der Film. Die „taz“ meint, „Heil“ sei „höchstens halbsmart. Alles, was der Film durch Tempo, Gags und Überschuss reinholt, geht ihm an Reflexionskraft ab.“ Und: „Er ist das quengelnde Kind, dem die ernsten Gespräche der Erwachsenen zu langweilig sind, weil es lieber spielen möchte.“ Noch böser formuliert es die „Süddeutsche Zeitung“. Unter dem Titel „Im Depperlkarussell“ schreibt Rainer Gansera: „Brüggemann bebildert Schenkelklopfer-Ideen, wie man sie spät nachts in der Kneipe hat, in der Stunde des Läppischwerdens, wenn ein fataler Drang, alles und jeden zu verwitzeln, um sich greift. Er will ein rundumschlagendes Horror-Comic-Deutschlandbild entwerfen – als bemühe er sich, eine Art Populär-Schlingensief zu werden.“

Ist der deutsche Feuilletonist eine Giftspritze?

Brüggemann, der Neo-Schlingensief, hat wiederum selbst jahrelang als Kritiker gearbeitet und die Besprechungen zu „Heil“ offenbar intensiv gelesen. Und er lässt sich die Feuilleton-Angriffe nicht gefallen. In einem mit „Kritik der Kritik“ betitelten Text, den er auf seinem Blog d-trick.de/blog veröffentlicht hat, meint er: „Die Komik im Film bespielt eine deutlich größere Bandbreite als das, was da in den Vordergrund gestellt wird.“

Dann zeigt Brüggemann, wie leicht er sich beim SZ-Kritiker verbal revanchieren kann. Und ergänzt: „Was mir nämlich seit geraumer Zeit auffällt, ist der grobe Ton, mit dem in diesem Land öffentliche Debatten geführt werden. Der deutsche Feuilletonist, persönlich meist feinsinnig und zurückhaltend, verwandelt sich zuweilen in eine Giftspritze, wenn er zur Feder greift. Im Internet hat sich das nochmal verschärft. Viele der Dialoge des Films wurden direkt davon beeinflusst, wie die Leute im Netz miteinander umspringen.“

So wird die Diskussion um den Film, der sich, ähnlich wie „Mein Führer“ und „Er ist wieder da“ großteils als Mediensatire versteht, auf den Tonfall der Rezeption zurückgeworfen. Wobei sich nun mit Lars Eidinger auch ein Schauspieler zu Wort meldet: Eidinger lehnt Komödien über Hitler und den Nationalsozialismus generell ab. „Wir lachen viel zu viel über das Dritte Reich“, stellt er in einem Interview mit dem Magazin „Fokus“ fest: „Ich kann darüber überhaupt nicht lachen. Ich finde auch Lachen kein probates Mittel dagegen. Lachen ist eine Form des Ausweichens – und diesem Thema darf man nicht ausweichen, dem muss man sich stellen.“ Die grassierende Ironisierung hält er dabei für „eine Seuche“.

Die Frage, ob man über Nazis lachen kann und darf, beantwortet Eidinger also sicherlich mit einem „Nein“. Ob das Publikum hingegen „Ja“ zu „Heil“ sagt, entscheidet sich an der Kinokasse und in den Sälen. Was dazwischen liegt, sind ein paar schöne Stilblüten, herrlich bis fragwürdig böse Verrisse, Repliken, Widersprüche – und die ewigen Fragen: Was geziemt sich eigentlich in der Filmkritik? Und darf man über sie lachen?

 

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