Dieter Hildebrandts Vermächtnis Sein Kampf für die Rechte alter Menschen

Dieter Hildebrandt bei seinem letzten öffentlichen Auftritt im Juli 2013 in Passau. Foto: Rudolf Klaffenböck
 

Dieter Hildebrandt lernte Claus Fussek Ende der 70er Jahre kennen und kämpfte mit ihm für  Menschenwürde und Gerechtigkeit bei der Versorgung von Pflegebedürftigen

Es ist genug! Auch alte Menschen haben Rechte", heisst das neue Buch von Claus Fussek und Gottlob Schober ("Report Mainz", SWR). Die beiden Pflege-Kritiker formulieren Rechte für alte Menschen in der Pflege und fordern Grund-rechte ein, die alten Heimbewohnern manchmal verwehrt werden. An ihrer Seite mitgekämpft hat Dieter Hildebrandt, mit dem die beiden für das Buch ein Interview geführt haben. "Seelische Folter" nennt Hildebrandt dort Situationen, wenn die Hilflosigkeit der alten Menschen negiert wird. So entstehen entwürdigende Situationen, wenn beispielsweise im Doppelzimmer ein Mensch auf den Toilettenrollstuhl gebracht wird, während der andere essen soll. Claus Fussek hat Dieter Hildebrandt noch vergangenen Montag und Dienstag auf der Palliativstation einer Münchner Klinik besucht, in der Deutschlands bedeutendster Kabarettist in der Nacht zum Mittwoch im Alter von 86 Jahren starb.

AZ: Herr Fussek, wie haben Sie Dieter Hildebrandt zuletzt erlebt?

CLAUS FUSSEK: Er war geschwächt, aber auch sehr gefasst. Am Montag haben wir noch ein bisschen geplänkelt. Ich habe ihm auch ein Foto mitgebracht von unserem gemeinsamen Stadionbesuch bei den Löwen gegen Aue im November 2011. "Da haben wir mal gewonnen", hat er gesagt und gelächelt. Dann ist er kurz eingenickt und als er wieder erwachte, sagte er: "Schön, dass Du noch da bist. Ich habe von der Adria geträumt. Ich brauch' jetzt ein Glas eiskaltes Wasser, in der Adria war es so salzig." Und dann hat uns die Schwester Wasser gebracht in einer blauen Schnabeltasse - löwenblau.

Wann begann ihre Freundschaft?

Ende der 70er Jahre habe ich bei der Pfennigparade gearbeitet. Damals habe ich Werner Schneyder und Dieter Hildebrandt gefragt, ob sie auch einmal bei uns auftreten würden. Sie haben sofort zugesagt. Hildebrandt hat sich früh für das Thema Pflege interessiert, und ich wurde sein Informant, wie er immer gesagt hat. So auch für den "Scheibenwischer" vom 18. November 1985, der sich ausschliesslich mit dem Altwerden und Altsein befasste. Die Sendung hat damals riesigen Wirbel verursacht. Und eine Beschwerde von der Arbeiterwohlfahrt. Aber Dieter hat haufenweise Briefe und Anrufe bekommen von Pflegern und Angehörigen, die ihn bestärkt haben.

Er hat das Thema häufig kabarettistisch aufgenommen?

Er wollte von mir einmal Information zum Stichpunkt "Minutenpflege" haben. Die Kriterien der Pflegebranche habe ich ihm vorgelesen und er war fassungslos: "Wer hat sich denn das ausgedacht?", sagte er, "das glaubt mir ja niemand. Das kann ich als Kabarettist ja nicht einmal mehr überspitzen. Das kann man nur so vorlesen!"

Sie haben für Ihre Aufklärungsarbeit von den Verbänden auch viel Kritik eingesteckt.

Natürlich, wir wurden als "Nestbeschmutzer" bezeichnet. Aber für Dieter Hildebrandt war es besonders wichtig, dass die Pflegekräfte begreifen, dass wir nicht ihre Gegner sind, wenn wir haltlose Zustände in den Heimen anprangern, sondern ihre Partner. Der Dieter hat immer gesagt: "Ihr dürft diese Zustände nicht dulden!" Das ist ja die fatale Situation: Wir lassen die Alten im Stich, weil wir Verständnis für das vollkommen überlastete Personal haben.

Das Personal haben Sie dann mit ihren Pflegestammtischen erreicht.

Zumindest viele von ihnen. Und Dieter war von Anfang an von der Idee begeistert. Im November 2002 übernahm er selbstverständlich die Schirmherrschaft des Stammtisches und begeisterte regelmässig mit Lesungen, wenn es sein Terminplan erlaubte. Er hat für den Pflegestammtisch nicht einfach nur seinen Namen gegeben, er war authentisch mit dabei, es war seine Herzensangelegenheit. Er hat den Pflegekräften gesagt: "Ihr seid die Schutzengel der Alten. Macht den Mund auf bei Missständen, beendet euer Schweigen, verbündet euch mit den Angehörigen und den Ärzten und übernehmt die Verantwortung." Er war kompromisslos, wenn es um Grund- und Menschenrechte ging, immer leidenschaftlich. Ich habe so einen Menschen noch nie erleben dürfen. Jeder Pathos passt bei ihm. Dieter war für mich unsterblich. Er war auch für meine Arbeit der wichtigste Mensch. Dieser Einsatz für alte Menschen ist sein Vermächtnis.

Trotz prominenter Unterstützung Ihrer Arbeit scheinen die Fortschritte ja eher langsam zu sein.

Dieters Antwort auf die Frage, warum sich so wenig in der Pflege bewegt, obwohl doch alle Bescheid wissen: "Wer überall die Finger drin hat, der kann keine Faust mehr ballen!" Die Verbände, die Heime betreiben, kritisieren sich ja nicht selbst. Dieter hat immer gesagt: "Für viele der Heimfunktionäre gibt es Würde nur im Konjunktiv." Mit Dieter Hildebrandt verlieren auch die pflegebedürftigen, alten Menschen sowie deren Angehörige und die motivierten Pflegekräfte ihren engagiertesten, leidenschaftlichsten, ehrlichsten und prominentesten Mitstreiter und Fürsprecher.

Als Sie Hildebrandt vor ein paar Monaten für das Buch interviewten, schien sein Tod noch für alle weit entfernt.

Einer seiner beiden Hunde ist damals sehr krank gewesen. Dieter Hildebrandt hat sich Gedanken über das würdevolle Sterben des geliebten Tieres gemacht - und dann über sich gesprochen: "Ich bin als Patient ein wenig störrisch, Ich möchte eigentlich nicht zu viele Menschen um mich herum haben. Ich möchte auch nicht nach einer Operation, dass das ganze Krankenzimmer voller Menschen ist, die mir Blumen auf die Bettdecke schütten. Ich möchte die Menschen, die ich liebe, um mich haben. Die sollen bei mir sein. Nicht alle. Ich hoffe aber, dass es mehr sind als zwei. Aber meine Frau soll dabei sein." Nun wurde sein Wunsch leider zu schnell wahr. Er hätte noch so viel zu sagen gehabt.

 

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