Die Toten Hosen Schwarz-Rot-Punk

Wir sind die Jungs von der Opel-Gang: Andi, Breiti, Campino, Vom Ritchie und Kuddel (v. l.) im 30. Jahr der Toten Hosen. Foto: Matias Corral

Heute erscheint „Ballast der Republik“ – das Album zum 30. Geburtstag der Toten Hosen. Die Düsseldorfer wissen längst, dass sie ein Teil der bundesdeutschen Geschichte sind

 

Ein beeindruckender Blick aus dem obersten Stockwerk des Westin Grand. Es ist 15 Uhr. Campino (49) ist noch nicht ganz in diesem Tag angekommen, faltet sich mit akrobatischer Eleganz immer wieder neu in den Ledersessel. Nach dem Interview kommt das Frühstücks-Ei unter silberner Haube angefahren. 30 Jahre Tote Hosen, die Band feiert das mit dem heute erscheinenden Album „Ballast der Republik“. Entwicklung? Die Toten Hosen sind etwas nachdenklicher geworden. Allerdings denken sie laut nach – sehr laut. Denn die Hosen sind Deutschlands beste und verlässlichste Kumpels. Der umfangreichen Version ihres neuen Werkes liegt ein zweites Album bei: „Die Geister, die wir riefen“. Lohnenswert, weil die Hosen hier auf die Düsseldorfer Punk-Szene und ihre Songs zurückblicken und ihre Inspirationsquellen der deutschen Musik- und Geistergeschichte offenlegen.

AZ: Am Anfang und am Ende des neuen Albums bellen Hunde – beißen die auch?

CAMPINO: Das haben wir nicht ausprobiert. Wir haben die Hunde aufgenommen, sind aber nicht näher an den Zwinger rangegangen als nötig. Das waren Hunde in Westfalen, in der Nähe unseres Studios. Es gab die klassischen Momente, dass der Hund bellt, wir klingeln an der Tür, ob wir das mal eben aufnehmen können, und dann macht der nichts mehr. Bei anderen hat man sich gar nicht auf den Hof getraut.

Ihr thematisiert das Verhältnis von Menschen zu Geschichte. Ist Geschichte Ballast oder Notwendigkeit?


Der Ballast der Republik ist der Versuch, ein Lebensgefühl in Deutschland zu beschreiben. Ich habe das mit Marteria geschrieben, einem HipHopper, der in Rostock großgeworden ist. Es war mir wichtig, dass das nicht nur aus den Augen eines „Wessis“ geschrieben wurde. Sondern, dass wir einen Konsens finden, wie es sich anfühlt, mit den Folgen der bundesdeutschen Geschichte zu leben.

Gibt’s da eine Verbindung zu Walsers „Moralkeule Auschwitz“?

Ganz und gar nicht. Es ist kein Plädoyer dafür, sich von den Folgen der Geschichte zu befreien. Ich halte es für sehr glücklich, dass wir ein selbstkritisches Land sind und uns hinterfragen. Das wir auch für das, was geschehen ist, Verantwortung übernehmen. Wir sind in diesem Punkt lange nicht so arrogant wie die Siegermächte USA und England, die mit einer Selbstgerechtigkeit in Kriege ziehen, die erschütternd ist.

Ihr spielt auf „Die Geister, die wir riefen“, die Fritz-Grünbaum-Nummer „Einen großen Nazi hat sie“. Grünbaum starb im KZ Dachau. Ist das Lachen über die Schlächter die größte Freiheit, zu der man fähig sein kann?

Ich maße mir nicht an, solche Gefühle nachempfinden zu können. Aber ich finde, dass der Triumpf bleiben muss und man überliefert, dass es Menschen gab, die dem Teufel ins Gesicht gelacht haben. Die rechtsextreme und faschistische Seite arbeitet mit Drohungen und Macht. Es tut denen fürchterlich weh, wenn man sich über sie lustig macht, sie lächerlich macht.

Kalter Krieg, ABC-Alarm sind Themen der zweiten Platte.

Man sieht an diesen Liedern, was für eine Generation wir waren. Die Texte, die damals von 17, 18-Jährigen geschrieben wurden, sind heute so nicht mehr nachvollziehbar. Wir erinnern uns alle, dass man auf der Autobahn fuhr und alle 20 Minuten kam irgendein Armeekonvoi der Franzosen oder Amis. Dieses Bild ist verschwunden, ohne dass uns das bewusst wurde. Die Texte haben nur in ihrem geschichtlichen Kontext noch eine Berechtigung.

Es gibt ein Lied über die Aussöhnung mit dem schon gestorbenen Vater. Da scheint es möglich, die eigene Geschichte noch einmal neu zu schreiben.

Es ist eine Zyklusgeschichte. Dass man im Leben vom Sohn-Vater-Verhältnis in ein Vater-Sohn-Verhältnis rückt. Es gibt immer wieder Schlüsselmomente, in denen sich das Verhältnis zu den Eltern noch einmal entscheidend verändert: Wenn man sein Zuhause verlässt, die Eltern sterben oder man selber die Elternschaft übernimmt, kommen neue Farben in die Überlegungen. Seitdem ich Vater bin, habe ich ein anderes Verständnis für die Ängste meiner Eltern. Dass diese Ängste manchmal in Wutausbrüchen endeten, weil sie einfach um mich besorgt und hilflos waren. Ich sehe auch die Liebe hinter diesen Wutausbrüchen, mit denen sie mich damals einfach nur genervt haben.

Das hat doch auch etwas mit einem Gefühl für Endlichkeit zu tun. Es gibt auch ein Lied über den Tod, ein Tabuthema.


Für mich gehört der Tod absolut zum Leben. Ich verstehe nicht, wie in dieser Gesellschaft damit umgegangen wird. Es ist eines dieser Grundthemen, zu dem man auch jeden Tag eine andere Einstellung haben darf. Man darf Angst vor dem Tod haben. Man darf dem Tod in einer anderen Verfassung auch ins Gesicht lachen. Oder man malt ihn sich völlig sachlich als Ende, nach dem nichts mehr geschieht. Oder man stellt sich die Hölle vor. Oder man hat, wie in diesem Fall, die Vorstellung, dass da noch eine riesen Party kommt und das Leben davor eine wahnsinnige Last war.

Haben wir eine Verbindung zu unseren Toten?

Ich kann jetzt nur für mich sprechen. Aber wenn ich Mist gebaut habe oder etwas ist mir gut gelungen, denke ich mir sehr oft, was würden wohl jetzt meine Eltern dazu sagen. Solange man mit diesem Bewusstsein durch das Leben rennt, sind sie noch da. Ich denke, dass der Geist unserer Eltern uns noch lange lenkt. Das ist für mich eine sehr schöne Vorstellung. Ich nehme das gerne an und ziehe daraus Stärke.

„Wir würden nie zum FC Bayern München gehen!“ – das hätte sich Campino sicher nicht träumen lassen, dass er das mal im Partykeller von Jens Jeremies singt. Die Toten Hosen sind derzeit auf einer Magical-Mystery-Tour durch Wohnzimmer, Keller und Garagen der Fans. „Das Tolle war, dass er sich genau wie jeder andere Arsch auch beworben hat“, erzählt Campino im Videotagebuch, auf www.dietotenhosen.de. Argumentiert hatte der Ex-FC-Bayern-Spieler Jeremies, er habe bei Bayern München für seine Hosen-Verehrung soviel einstecken müssen, dass es jetzt Zeit für eine Entschädigung sei. Das sah die Band am Samstag auch so.

 

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