Die Schauspielerin über ihre Karriere Werner: Vom Hinterhof im Prenzlauer Berg nach Cannes

Die "Berliner Göre", die es bis nach Cannes geschafft hat: Ursula Werner Foto: André Kowalski

Bevor Ursula Werner (70) ihre Schauspiel-Karriere startete, erlernte sie den Tischlerberuf. In ihrer Autobiografie "Immer geht's weiter..." (Das Neue Berlin, 240 Seiten, 17,99 Euro) beschreibt sie, wie sie es als "Berliner Göre vom Hinterhof im Prenzlauer Berg" bis zu den Filmfestspielen in Cannes gebracht hat, wo ihr Film "Wolke 9", für den sie 2009 den Deutschen Filmpreis als "Beste Hauptdarstellerin" erhielt, Premiere feierte. Mit der Nachrichtenagentur spot on news sprach Werner über ihre Erfolge, nackte Tatsachen und Starrummel.

 

In Ihrer Autobiografie "Immer geht's weiter..." erzählen Sie, dass Sie während der Arbeit an dem Buch die Frage bewegte, ob Ihr Leben interessant genug für andere sei. Ihr Bruder habe dazu gesagt: "Aber Schwester! Du, ein Mädchen vom Berliner Hinterhof, und bist beim Filmfestival in Cannes!" Jetzt ist das Buch erschienen, sind Sie froh, dass Sie das Projekt in Angriff genommen haben?

Ursula Werner: Dass ich die Aufgabe angegangen bin, ist schon die Überzeugung, dass es eine durchaus typische Biografie einer Schauspielerin der DDR sein kann. Dazu hat mein Bruder beigetragen, als er mir vor Augen führte, dass es durchaus interessant ist, zu erfahren, wie gelangt eine Berliner Göre vom Hinterhof im Prenzlauer Berg nach Cannes in einem Film, in dem sie die Hauptrolle spielt.

Sie haben viele große Erfolge am Theater gefeiert - würden Sie dennoch sagen, dass Cannes und die Filmpreise, die es für "Wolke 9" gab, Ihr beruflicher Höhepunkt waren?

Werner: Nun, ein beruflicher Höhepunkt auf jeden Fall. Aber auch meine Rolle der Mascha in Th. Langhoffs Inszenierung "Drei Schwestern" betrachte ich durchaus als ebenso wichtigen Höhepunkt; das war eine Produktion in der DDR und die Kunst der DDR wurde international nicht sehr beachtet. Aber wir wurden bei Gastspielen im NSA (nichtsozialistischen Ausland) mit großer Anerkennung und Bewunderung bedacht. Ich bin glücklich, dass es eine Fernsehfassung vom nämlichen Regisseur unserer Inszenierung gibt.

Über die Zeit nach der Wiedervereinigung schreiben Sie auch, dass es "befremdlich und ungewohnt" war, dass es plötzlich viel Nacktes auf der Bühne gab. Das Kapitel über die Annäherung zu "Wolke 9" haben Sie mit "Wer A sagt, muss auch nackt sagen" überschrieben. Wie schwer waren die Dreharbeiten für Sie? Ist es ein Unterschied, sich auf einer Theaterbühne nackt zu präsentieren oder vor einer Filmkamera?

Werner: Nackt auf der Bühne und nackt auf der Leinwand empfinde ich als wesentlichen Unterschied: Auf der Bühne ist der Schauspieler mit dem Zuschauer im selben Raum, das ist auch für den Zuschauer eine ganz andere Konfrontation. Der Film ist quasi zweidimensional, wie ein Bild. Naturalistisches und Künstliches. Nackt auf der Bühne kann großartig sein, habe ich erlebt in "Weiße Ehe" und "Einer flog übers Kuckucksnest", beide Male inszeniert von Rolf Winkelgrund. Im Übrigen ist es kein angenehmer Ort zum Nacktsein: Eine Bühne ist immer enorm staubig und voller Verletzungsgefahr durch Splitter oder Schrauben, die herausragen oder umherrollen oder es gibt bühnenbedingte Stolperstellen...

Der Schauspielerberuf war in der ehemaligen DDR noch anders angesehen, die Schauspieler waren sozial abgesichert. Heute unterrichten Sie auch den Nachwuchs. Für viele junge Leute ist es noch immer ein Traumberuf. Würden Sie es selbst auch so bezeichnen?

Werner: Wer diesen Beruf ergreift, ganz gleich, ob damals oder heute, träumt davon, in eine andere Haut zu schlüpfen und für Stunden eine andere Biografie zu leben. Es spielt bei der Berufswahl meist nicht die erste Rolle, ob ich "ganz groß" rauskommen will. Die Schwierigkeiten, die sich mit dem Beruf verbinden, die lernt man erst später kennen. Aber man ist eher geneigt, diese zu bewältigen, als die Wahl zu bereuen.

Sie haben sich selbst nie als Star begriffen, schreiben Sie. Ein Star in Ihrem Sinne stehe ganz und gar in der Öffentlichkeit, zuallererst mit seiner künstlerischen Leistung, mit der er über andere hinausragt und daher zu einer Autorität wird. Erschreckt es Sie manchmal, um welche Personen heutzutage Starrummel betrieben wird? Gab es da schon mal Diskussionen mit Ihren Enkeln?

Werner: Stars oder gar Starrummel waren in der DDR nicht angesagt. Das hat damit zu tun, dass man sich nicht auf dem Markt präsentieren musste. Arbeit hat man gehabt in der DDR. Und die Filme- oder Theatermacher mussten demzufolge ihre Produkte nicht marktschreierisch anpreisen. Eine Diskussion gab es bis jetzt noch nicht mit meinen Enkeln, wahrscheinlich sehen sie an meinem Beispiel, dass diese Tätigkeit mit viel Aufwand und zeitlichen Einschränkungen verbunden ist. Das verschafft ihnen - glaube ich - eine gesunde Einschätzung dazu.

Ihr Bruder ist früh in den Westen gegangen und hat Karriere bei der NASA gemacht, ist viel herumgekommen. Haben Sie sich zu DDR-Zeiten mal nach einem Leben wie diesem gesehnt?

Werner: Nein, nach diesem Leben habe ich mich nicht gesehnt. Ich wünschte es meinem Bruder von Herzen, denn das war seine Sehnsucht. Ich hatte meinen wunderschönen Beruf ergreifen können, hatte meine Eltern, meine Kinder, meine Freunde um mich... Ich war auch erfüllt in dem Leben.

Ihr Beruf brachte es mit sich, dass Ihre Tochter viel von Ihren Eltern betreut wurde, Ihr Sohn, der später zur Welt kam, von Kindermädchen. Wenn Sie zurückblicken: Würden Sie heute irgendetwas anders machen in der Kindererziehung?

Werner: Nein, in der Kindererziehung würde ich nichts anders machen.

Sie haben den Tischlerberuf erlernt, bevor Sie auf die Schauspielschule gegangen sind. Sind Sie in Ihrer Freizeit noch handwerklich aktiv?

Werner: Handwerklich tätig bin ich schon noch ab und an, aber es handelt sich mehr um Reparaturen im Haus oder um Holz machen für den Ofen oder den Wald etwas aufräumen oder was sonst noch so anfällt. Aber ich liebe Werkzeuge.

Sie sind jetzt 70 Jahre alt, Ihr Buch heißt "Immer geht's weiter..." Haben Sie sich ein Limit gesetzt, wie lange es für Sie auf der Bühne noch weitergeht?

Werner: Ich habe mir kein Limit gesetzt, will der Zeit nicht vorgreifen. Sie bestimmt, wann ich in den Hintergrund zu treten habe.

 

0 Kommentare