Die Karte der weißen Flecken in Oberbayern Diese Kommunen haben noch keine Flüchtlinge aufgenommen

Die „weißen“ Flecken sollen nach und nach von der Landkarte verschwinden – noch stehen sie allerdings für die Gemeinden in Oberbayern, die noch keine Flüchtlinge aufgenommen haben. Foto: az

In 16 Prozent der oberbayerischen Gemeinden sind (noch) keine Asylbewerber untergebracht. Die AZ hat bei den Landratsämtern nach den Gründen gefragt.

 

München - Rund 49 300 Geflüchtete leben derzeit in Oberbayern – und jede Woche kommen etwa 2000 dazu.

„Die Kreisverwaltungsbehörden bemühen sich sehr darum, die erforderlichen Unterkünfte zu akquirieren“, sagt Michaela Krem von der Bezirksregierung. Allerdings sei das eine große Herausforderung.

Wo sind die Menschen untergebracht?

In München sowie den kreisfreien Städten Ingolstadt und Rosenheim gibt es schon lange Asylbewerber-Heime. Außerdem wohnen mittlerweile in sämtlichen Gemeinden der Landkreise Miesbach, München, Pfaffenhofen an der Ilm und Starnberg Flüchtlinge.

In einigen oberbayerischen Landkreisen fällt die Bilanz jedoch anders aus:

Von den 497 Städten und Gemeinden im Regierungsbezirk haben 80 noch keine Geflüchteten aufgenommen. Das sind 16 Prozent.

Die Gründe für die „weißen Flecken“ auf der Landkarte sind nach Auskunft der Landratsamts-Sprecher nicht etwa Fremdenfeindlichkeit, sondern eher praktischer Art: zu kleine Ortschaften, schlechte Verkehrsanbindung, mangelnde Infrastruktur.

Die Abendzeitung zeigt in welchen Gemeinden keine Flüchtlingsunterkunft eröffnet wurden.

Kreis Altötting (24 Gemeinden):

Kirchweidach
Halsbach
Teising
Erlbach
Perach
Stammham
Mehring

„Es ist nicht so, dass diese Gemeinden keine Flüchtlinge aufnehmen wollen“, sagt Klaus Zielinski vom Landratsamt. „Vielmehr haben wir dort bis dato keine geeigneten Mietobjekte angeboten bekommen. Die Gemeinde selbst hat darauf keinen Einfluss.“

Bad Tölz-Wolfratshausen (21 Gemeinden)

Königsdorf

„Die Gemeindeverwaltung von Königsdorf arbeitet sehr daran, Möglichkeiten zu schaffen, und es sieht sehr gut aus“, sagt Sabine Schmid vom Landratsamt Tölz.

Berchtesgadener Land (15 Gemeinden)

Anger
Schneizlreuth
Ramsau
Marktschellenberg

Amtssprecher Andreas Bratzdrum: „Keine Gemeinde hat grundsätzlich abgelehnt. Aber gerade in den kleineren sind die Möglichkeiten, Unterkünfte zu finden, sehr beschränkt. Das trifft in besonderem Maß auf Talkesselgemeinden wie Schneizlreuth, Ramsau und Marktschellenberg zu.“

Dachau (17 Gemeinden)

Odelzhausen
Sulzemoos
Hilgertshausen-Tandern

Sprecher Wolfgang Reichelt: „Hier hat sich einfach noch nichts Passendes ergeben. Eine Wohnung für drei Personen bringt uns in der derzeitigen Lage nicht weiter – auch wenn sie uns freundlich angeboten wird. Wir planen und eröffnen jeden Monat eine neue Container-Anlage, demnächst auch in Odelzhausen, und dafür brauchen wir Grundstücke mit mehreren 1000 Quadratmetern. In Sulzemoos ist zudem die öffentliche Verkehrsanbindung schwierig – außerdem gibt es dort keinen Supermarkt, nur einen Bio-Markt, der nicht ganz billig ist.“

Ebersberg (21 Gemeinden)

Frauenneuharting
Baiern

Das Landratsamt teilt mit: Beide Gemeinden gehören zu größeren Verwaltungsgemeinschaften, in denen bereits Flüchtlinge leben.

Eichstätt (30 Gemeinden)

Pförring
Mindelstetten
Egweil
Hitzhofen
Lenting
Pollenfeld
Böhmfeld

„Wir haben in den nächsten Monaten 20 Container-Anlagen in der Pipeline“, sagt Manfred Schmidmeier vom Landratsamt Eichstätt. „Anfang nächsten Jahres wird wohl jede Gemeinde eine Unterkunft haben.“

Erding (26 Gemeinden)

Oberding
Neuching

„Wir legen Wert darauf, dass alle unsere Gemeinden Asylbewerber aufnehmen“, sagt Amtssprecherin Claudia Kirmeyer. „In Oberding wird Anfang 2016 eine Unterkunft eröffnet und in Neuching suchen wir derzeit nach einem geeigneten Grundstück.“

Freising (24 Gemeinden)

Kirchdorf
Kranzberg
Marzling
Zolling
Paunzhausen

„Bis zum Sommer haben wir es noch geschafft, unsere Asylbewerber dezentral in Wohnungen und Häusern unterzubringen“, sagt die Sprecherin des Landratsamtes. „Das geht nicht mehr. In vier der fünf oben genannten Gemeinden sind deshalb bereits Unterkünfte geplant – nur nicht in Paunzhausen. Das ist unsere zweitkleinste Gemeinde und es ist schwer, dort geeignete Immobilien zu finden.“

Fürstenfeldbruck (23 Gemeinden)

Mittelstetten
Adelshofen
Oberschweinbach
Hattenhofen

„Die Bürgermeister haben sich im Landkreis freiwillig auf einen Verteilungsschlüssel geeinigt, den auch die kleinen Gemeinden zu erfüllen versuchen“, sagt Ines Roellecke vom Landratsamt. „In Mittelstetten wird Ende Dezember / Anfang Januar eine Unterkunft bezugsfertig. Zwei weitere Gemeinden haben bereits Grundstücke zur Verfügung gestellt.“

Garmisch-Partenkirchen (22 Gemeinden)

Eschenlohe
Großweil
Ohlstadt
Riegsee
Schwaigen
Spatzenhausen
Uffing am Staffelsee
Unterammergau
Wallgau

„Es finden laufend Gespräche mit allen Gemeinden statt, um weitere Unterkünfte für Flüchtlinge im Landkreis zu schaffen“, sagt Pressesprecher Stephan Scharf.

Landsberg am Lech (31 Gemeinden)

Kiensau
Apfeldorf
Schwifting

„Wir haben uns wegen der besseren Infrastruktur zunächst auf unsere Zentren Landsberg und Kaufering beschränkt“, sagt Behörden-Sprecher Wolfgang Müller. „Aber so haben wir jetzt keine Chance mehr. Deshalb wird es bald in allen unseren Gemeinden Asylbewerber geben.“

Mühldorf am Inn (31 Gemeinden)

Kirchdorf
Niederbergkirchen
Schönberg
Taufkirchen
Lohkirchen

„Da der Druck steigt, wurde in unserem Landkreis eine Übereinkunft getroffen, dass bis Ende des Jahres jede Gemeinde Flüchtlinge aufnimmt – und zwar bis zu zwei Prozent ihrer Einwohnerzahl“, heißt es aus dem Landratsamt. „Die Realisierung wird sich aber vermutlich noch bis ins erste Quartal 2016 hinziehen.“

Neuburg-Schrobenhausen (18 Gemeinden)

Burgheim
Weichering
Langenmosen
Oberhausen

„Der Landkreis hat bereits von allen Gemeinden potenzielle Flächen bzw. Unterkünfte angeboten bekommen, die entsprechend geprüft wurden“, sagt Sprecher Marcus Csiki. „Aber nicht immer können und konnten diese Angebote umgesetzt werden – zum Beispiel aus baurechtlichen Gründen: Burgheim hat uns einen Volksfestplatz angeboten, um dort Container aufzustellen. Das durften wir nicht, weil in der Nähe ein Zug vorbeifährt. In einigen dieser kleinen Gemeinden gibt es außerdem keinen öffentlichen Nahverkehr, andere haben keine leerstehenden Gebäude, die geeignet wären.“

Rosenheim (46 Gemeinden)

Babensham
Chiemsee
Gstadt
Halfing
Nußdorf am Inn
Prutting
Soyen

Amtssprecher Michael Fischer: „Aus diesen Gemeinden wurden uns bislang keine Angebote gemacht – oder die Konditionen waren nicht annehmbar: die Miete zu hoch, die Wohnung in einem unzumutbaren Zustand oder keine verkehrstechnische Anbindung. Aber: In Halfing hat man sich gerade für eine Holzhaus-Lösung entschieden und in Soyen wird wohl noch Mitte Dezember ein Container aufgestellt – und zum Glück lässt das neue Baurecht in Zukunft temporäre Bauten im Außenbereich zu.“

Traunstein (35 Gemeinden)

Kienberg
Taching am See
Pittenhart
Surberg
Vachendorf
Staudach-Egerndach
Reit im Winkl

„Oberster Grundsatz im Landkreis Traunstein ist die möglichst gleichmäßige Verteilung der Flüchtlinge auf alle Kommunen gemäß ihrer Einwohnerzahl“, sagt Sprecher Roman Schneider. „Es ist sehr schwer, geeignete Unterkünfte zu finden und das ,Soll’ zu erfüllen. Keine einzige Gemeinde verweigert jedoch die Unterbringung von Flüchtlingen. Noch vorhandene ,Lücken’ können in absehbarer Zeit geschlossen werden.“

Weilheim-Schongau (34 Gemeinden)

?
?
?
?
?
?
?
?
?
?

„Um welche zehn Gemeinden es sich handelt, sagen wir nicht – aus Rücksicht auf die Bürgermeister“, sagt Hans Rehbehn vom Landratsamt. „In einigen Gemeinden läuft schon was, in anderen gibt es weder Grundstücke, auf die man bauen könnte, noch Immobilien. Hinzu kommt: Eine große Anlage in einer kleinen Gemeinde – das funktioniert nicht.“

Flüchtlingsrat erklärt, warum nicht alle helfen können

Wenn eine ländliche Gemeinde nur wenig Infrastruktur hat, können dort auch keine Flüchtlinge untergebracht werden. Was gebraucht wird, sind vor allem Einkaufsmöglichkeiten, Schulen und Kindergärten.

Oder aber öffentlicher Nahverkehr, mit dem solche Einrichtungen in Nachbargemeinden erreicht werden können. Eben alles, was auch die alteingesessene Landbevölkerung zum Leben braucht – nur mit dem Unterschied, dass Flüchtlinge oft keinen Führerschein und erst recht kein Auto haben. „Wenn ein Syrer Anspruch auf einen Sprachkurs hat, den aber nicht erreichen kann, bringt ihm das wenig“, sagt Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Doch nicht nur Einrichtungen des täglichen Bedarfs sind wichtig: Flüchtlinge müssen Termine beim Sozialamt oder der Ausländerbehörde wahrnehmen – gerade auf dem Land können die oft weit entfernt sein.

Ohne Unterstützung geht es dann nicht. „Dann bleiben nur die ehrenamtlichen Helfer, die Transport mit ihren privaten Autos anbieten.“

 

25 Kommentare