DFB-Gegner Frankreich Ismael: "Solche Spieler hat das deutsche Team nicht"

Offensivkünstler in der französischen Nationalmannschaft: Antoine Griezmann (links) und Kylian Mbappé. Foto: firo/Augenklick

Ex-Bayern-Profi Valérien Ismael spricht in der AZ über die Frankreich-Stars Griezmann und Mbappé, das Nations-League-Duell in Paris und die Sorgen der DFB-Elf. "Bei der WM ist etwas kaputtgegangen."

 

Der 43-jährige Franzose spielte von 2005 bis 2007 beim FC Bayern. Zuletzt war er als Trainer von Apollon Smyrnis in Griechenland tätig.

AZ: Herr Ismael, was macht Frankreich-Trainer Didier Deschamps seit der WM 2014 besser als Joachim Löw?
VALERIÉN ISMAEL: Die Franzosen waren 2014 noch in einem Lernprozess, deshalb gab es die Niederlage im Viertelfinale gegen Deutschland. Und auch bei der EM 2016 hat Frankreich Lehrgeld gezahlt im Finale gegen Portugal. Das war eine schmerzhafte Niederlage. Aber die Mannschaft hat das angenommen – und ein Spieler wie Kylian Mbappé ist seitdem explodiert. Bei der WM in Russland hatte das Team nun die Erfahrung und Spieler auf höchstem Niveau wie Mbappé und Antoine Griezmann. Didier Deschamps hat dafür gesorgt, dass diese Generation zusammenwächst. Eine ähnlich starke Generation hatte Deutschland 2014.

Hat Bundestrainer Löw danach den Umbruch verpasst?
Das Team ist definitiv auf der Suche nach Leichtigkeit und einer neuen Identität. Frankreich befindet sich gerade in einem Flowzustand, der Hunger nach Titeln ist dieser Mannschaft anzumerken. Bei Deutschland kann ich das nicht beobachten. Ich glaube, dass der Stachel vom WM-Aus sehr tief sitzt. Die Spieler wollen alle, aber es geht nicht mehr. Bei der WM ist etwas kaputtgegangen. Auch der Glaube scheint zu fehlen, das Selbstvertrauen.

Valérien Ismael: "Die Dominanz hinten fehlt"

Ist es dann nicht an der Zeit, auf jüngere Spieler zu setzen?
Löw hat viel ausprobiert in den vergangenen Jahren, das kann man ihm nicht vorwerfen. Generell ist eine funktionierende Achse wichtig, du kannst keinen kompletten Neuanfang machen und nur auf junge Spieler setzen. Deutschland hat den Fußball zu sehr dominiert, als dass man jetzt einer jüngeren Generation einfach so Niederlagen zugestehen würde. Ein dosierter Umbruch wäre gut, du brauchst auch Führungsspieler. Bei den Bayern-Stars merkt man aber, dass es zur Zeit nicht so gut läuft.

Auch das Weltmeister-Duo in der Innenverteidigung, Jérôme Boateng und Mats Hummels, schwächelt.
Die Leistung ist weit von dem entfernt, was beide können. Die Dominanz hinten fehlt. Früher hatte man bei Kontern das Gefühl, dass Hummels oder Boateng immer noch eingreifen können. Jetzt nicht mehr. Es liegt nicht an der Qualität, sondern am Selbstvertrauen.

Niklas Süle wird beim Spiel in Paris wohl Boateng ersetzen. Ist er schon auf Augenhöhe?
Süle kann das spielen, aber ihm fehlt die Erfahrung auf höchstem Niveau. Die Frage ist, ob er konstant Topleistungen bringen kann. Dafür muss man ihn spielen lassen.

Valérien Ismael: "... sonst wird eine Lawine kommen" 

Wären Süle und der französische Weltmeister Benjamin Pavard, der 2019 aus Stuttgart zu den Bayern wechseln soll, gute Nachfolger für Boateng und Hummels?
Das muss man sehen. Pavard hat sich bei der WM als Rechtsverteidiger entwickelt, Innenverteidiger ist eine andere Position. Momentan hat er in Stuttgart so seine Probleme. Seit der WM hat er natürlich ein neues Standing, es wird mehr von ihm erwartet. Er muss jetzt mit dem Druck klarkommen, mit dem Abstiegskampf in Stuttgart. Dann ist er bereit für die neue Aufgabe.

Offensiv ist der Qualitätsunterschied zwischen Frankreich und Deutschland aktuell wohl am größten.
Die DFB-Elf hat jahrelang auf Teamgeist gesetzt, es gab nie wirklich einen Star. Die Franzosen haben diesen Teamgeist jetzt auch – und dazu Stars wie Mbappé und Griezmann, die jederzeit den Unterschied machen können. Solche Spieler hat das deutsche Team nicht. Leroy Sané hat das Talent, um dieses Niveau irgendwann erreichen.

Was für ein Spiel erwarten Sie heute Abend?
Das Spiel ist ganz wichtig für die deutsche Mannschaft. Sie muss punkten. Sonst wird eine Lawine kommen, die nicht mehr aufzuhalten ist. Wenn man aber die Form sieht, tippe ich auf 2:1 für Frankreich.

 

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