Deutschlands Rotweine Nicht nur edle Tropfen, sondern gar Kapitalanlage?

Deutschlands Rotweine: Nicht nur edle Tropfen, sondern gar Kapitalanlage? Foto: Abbildung 1: fotolia© Maksim Pasko (#66705153)

Deutschland gilt nicht als klassisches Anbaugebiet, aber hiesige Rotweine sind groß im Kommen. Und das nicht nur als Genussmittel, sondern auch als Wertanlage. Die AZ erklärt alles, was Sie wissen müssen.

 

Auf jedem Flaschenetikett eines deutschen Rotweins prangt eine Fülle von Angaben und Informationen, die dem Verbraucher unter anderem auch die für die Qualitätsstufe des Weins notwendige Information liefert.

So finden sich neben den obligatorischen Angaben über die abgefüllte Menge, Alkoholgehalt, Herkunftsland, Erzeuger (Winzer) sowie Abfüller je nach Qualitätsgrad auch die Angabe

  • Deutscher (Tafel-)Wein (früher: Deutscher Landwein)
  • Landwein
  • Qualitätswein oder
  • Prädikatswein

auf dem Etikett. Sie ist für den Hersteller verpflichtend und schließt einen Kriterienkatalog mit ein, über den der jeweilige Wein verfügen muss, um sich seinem Qualitätsgrad entsprechend bezeichnen zu dürfen.

Deutscher Wein, früher Deutscher Tafelwein genannt, stellt qualitativ gesehen die niedrigste Stufe dar. Die Weine mit dem geringsten Qualitätsanspruch müssen ausschließlich aus deutschem Lesegut zugelassener Rebflächen und Rebsorten stammen, nur in Deutschland zugelassene Trauben dürfen hierfür verwendet werden. Erlaubt sind beim Tafelwein das Mischen verschiedener Rebsorten, Jahrgängen oder Weinberg-Lagen (Verschnitt) sowie eine externe Zufuhr von Zucker oder konzentriertem Traubenmost vor der Gärung. Über sechs Prozent Alkohol muss ein Tafelwein mindestens verfügen.

Die nächsthöhere Qualitätsstufe „Landwein“ unterscheidet sich vom Tafelwein durch einen Mindestalkoholgehalt von 6,5 Prozent sowie dem Verbot des Anreicherns von Traubenmost-Konzentrat vor der Gärung. Außerdem ist beim Landwein die Herkunft enger gefasst, der Wein ist einer bestimmten Landweinregion zugeordnet. Wurde Zucker versetzt, darf der Wein nicht mehr als 11,5 Prozent Alkohol enthalten.

Kurz vor der Lese: Ein Weinberg mit Blauburgundern im Herbst / fotolia© by-studio (#108280100)

Demgegenüber dürfen Qualitätsweine nur aus den bestimmten Anbaugebieten für Qualitätswein kommen und müssen amtlich analysiert sowie mit einer Prüfungsnummer (AP-Nr.) versehen sein. Müssen die Mindestöchslegrade von einfachen Tafelweinen mindestens 50 Grad betragen, so liegt bei Qualitätsweinen die Mindestmarke bei 72 Grad in Baden sowie 62 Grad in den restlichen Anbaugebieten. Der Winzer darf für einen Qualitätswein nur Rebsorten verwenden, die für die jeweilige Region zugelassen sind.

Qualitativ an der Spitze stehen die Prädikatsweine, die bis Ende 2007 noch unter der Bezeichnung "Qualitätswein mit Prädikat" (QmP) geführt wurden. Anders als bei den restlichen drei Stufen darf der Most von Prädikatsweinen nicht mit Zucker angereichert werden. Je mehr natürlicher Zucker der Traubenmost enthält, desto höher ist die Prädikatsstufe. Sie reicht von

  • Kabinett
  • Spätlese
  • Auslese
  • Beerenauslese
  • Trockenbeerenauslese bis
  • Eiswein.

Ein „rotes Märchen“: Von Trollingern und Rotbergern

Der Spätburgunder führt eine mittlerweile lange Liste von Rotweinsorten an, die in Deutschland kultiviert werden. Der Trend zu roten Rebsorten ist in allen Anbaugebieten unverkennbar und hat zu einer Renaissance der klassischen Rebsorten geführt. Zurzeit werden in Deutschland rund zwölf rote Rebsorten auf einem Flächenanteil von circa 35 Prozent der Gesamtweinanbaufläche für Rot- und Weißweinsorten kultiviert. Dabei stellt sich der prozentuale Anteil der sieben am häufigsten angebauten Rotweinsorten gemessen an den insgesamt über rund 130 in Deutschland kultivierten Rot-und Weißweinsorten folgendermaßen dar:

Weiterhin in Deutschland angebaut werden folgende rote Rebsorten:

  • Saint Laurent
  • Cabernet Sauvignon
  • Domina
  • Acolon
  • Merlot

Der Spät- oder Blauburgunder steht in der Gunst der Winzer und Verbraucher ganz oben. Seit Beginn der 90er Jahre breitete sich die Spätburgunderfläche um mehr als 3.000 Hektar aus. Die meisten Reben jener Sorte stehen in Baden (über 5.500 Hektar) - mit einem Schwerpunkt am Kaiserstuhl - und in der Pfalz (1.660 Hektar). Rheinhessen (1.450 ha), Württemberg (1.300 ha) sowie der Rheingau (400 ha) und die Ahr mit mehr als 350 Hektar zählen zu den wichtigen Anbaugebieten für Spätburgunder.

Der Dornfelder ist im Vergleich zum Blauburgunder eine robuste, gegen Krankheiten besonders resistente Rebsorte, die schnellwüchsig ist und hohe Erträge liefert. Daher wird im Frühherbst ein Teil der sich entwickelnden Reben abgeschnitten, um den Ertrag kleiner zu halten – zu Gunsten der Qualität der am Stock verbleibenden Früchte.

Im Vormarsch. Deutscher Rotwein holt an Beliebtheit auf

Der Dornfelder ist eine in den letzten Jahrzehnten stark in Mode gekommene Rebsorte, ihrer Robustheit und Ertragsfülle geschuldet. Dementsprechend wuchs die Anbaufläche von circa 100 Hektar in den 70er Jahren auf mittlerweile rund 8.000 Hektar in deutschen Weinbergen an. Hauptanbaugebiete sind Anbauflächen in Ostdeutschland, so etwa das Saale-Unstrut Weinbaugebiet oder Thüringer Lagen. Die Rebsorte steht exemplarisch für eine Entwicklung zu roten Weinsorten hin. Längst ist die Dornfelder-Neuzüchtung von vor 50 Jahren zu einem deutschen Rotweinklassiker gereift und erfreut sich seit Jahren einer immensen Nachfrage. So nahmen die Anbauflächen von 13 der 16 gängigsten Rotweinsorten in den letzten rund zehn Jahren zu, besonders beim Dornfelder (+ 6.045 Hektar), Blauen Spätburgunder (+4.171) und Regent (+1.910). Nur der Blaue Portugieser (-1.194), Blaue Trollinger (-246) und Schwarzriesling (-58) verloren in gleichem Zeitraum an Boden.

Die große 13 – Deutschlands Weinanbaugebiete

Die Ahr – Rotes Stammgebiet
Die Ahr gilt als "Rotweinparadies“ und ist das größte geschlossene Weinbaugebiet für Rotwein in Deutschland. Auf den gerade einmal fünfhundert Hektar Rebfläche, die nur ein halbes Prozent des deutschen Weinbaus repräsentiert, müssen sämtliche Trauben auf den extremen Steillagen von Hand gelesen. Den günstigen klimatischen Bedingungen geschuldet gelten die Steilhänge an der Ahr mittlerweile als renommierteste deutsche Rotweinregion.

Hier gedeiht gerade der Spätburgunder (356 Hektar) auf den schieferhaltigen, von der Sonne aufgeheizten Südhanglagen besonders prächtig. Daneben werden auch noch Frühburgunder (37 Hektar) und Portugieser angebaut. An der Ahr nimmt der Anteil der Rotwein-Rebfläche an der Gesamt-Rebfläche mit über 80 Prozent einen Spitzenwert unter den 13 deutschen Weinanbaugebieten ein. 2015 ergab sich folgende Verteilung:

Auf der 564 Hektar großen Rebfläche werden angebaut:

„Rote Inseln“ im „weißen Meer“

Besonders an der Mosel, im Rheingau und am Mittelrhein spielt der erwerbsmäßige Anbau von Rotweinsorten eine eher untergeordnete Rolle. Überall dort, wo Riesling und Müller-Thurgau dominieren, ist offenkundig wenig Platz für Blauburgunder, Dornfelder & Co.

Wo Rotwein schon seit Jahrzehnten kultiviert wird, sind Spätburgunder und Dornfelder die Gewinner mit den höchsten Wachstumsraten seit 1970. So stieg der Anteil bestockter Spätburgunder-Rebflächen zwischen 1970 und heute von 3,6 auf 11,5 Prozent an, eine Steigerung von 219 Prozent. Im gleichen Zeitraum konnten Lemberger-Flächen sogar um 260 Prozent zulegen. Platz drei belegt der Schwarzriesling mit einer 122 prozentigen Steigerungsrate gegenüber 1970. Stagniert hat die Entwicklung dagegen beim Trollinger, wohingegen sich die Anbauflächen von Portugieser im gleichen Zeitraum rund halbiert haben. Vier von den 13 Weinanbaugebieten Deutschlands stellen eine Besonderheit im Kräfteverhältnis zwischen Rot- und Weißwein dar: Nur an der Mosel, in Franken, an der Saale-Unstrut und in Sachsen finden sich 2014 unter den drei flächenmäßig am stärksten vertretenen Rebsorten keine roten Sorten.

Ansonsten dominieren fünfmal der Spätburgunder (Baden, Rheingau, Ahr, Mittelrhein, Hessische Bergstraße), dreimal Dornfelder (Rheinhessen, Pfalz, Nahe) und einmal der Trollinger (Baden-Württemberg).

Der jeweilige prozentuale Anteil der Anbaufläche der betreffenden roten Rebsorte im Verhältnis zur Gesamtfläche ergibt folgendes Bild:

Weinbau – Prägendes Element heutiger Kulturlandschaften

Der Weinbau hat die Kulturlandschaften an zahlreichen Orten in Deutschland über Jahrhunderte geprägt. Als Weinbaulandschaften werden alle Offenlandschaften bezeichnet, in denen Weinbau flächig prägend ist. Weinbaulandschaften weisen unterschiedliche Charakterzüge auf. In manchen Gegenden nimmt Weinbau über 70% der Fläche ein und dominiert so das Erscheinungsbild. In anderen Landschaftsräumen sinkt der Anteil der Weinberge auf etwa ein Viertel der Fläche, prägt aber immer noch den Charakter derselben deutlich mit.

Weinberge wurden und werden in der Regel in den südöstlich bis südwestlich exponierten Hanglagen angelegt. Ausgeprägte Terrassenstufen oder Hanglagen sind auch bei Ost- oder Westausrichtung mit Reben bestockt. Restflächen werden meist mit Ackerbau betrieben und anderweitig genutzt. In typischen Weinbauregionen sind Wälder lediglich auf kleinere Restbestände beschränkt oder fehlen komplett.

Die Weinbaulandschaften werden vornehmlich durch ihr Relief bestimmt, das sich wiederum im beschriebenen Nutzungsmuster widerspiegelt. So werden die Weinbaulandschaften Rheinhessens oft von dem Verlauf der Terrassenkanten bestimmt, die bandartig vom Weinbau nachgezeichnet werden, während Hochflächen und Talsohlen überwiegend ackerbaulich genutzt sind. Besonders charakteristische Elemente für typische Weinbergs-Landschaften sind

  • Terrassenlagen mit Trockenmauern, Lesesteinriegeln und, Hohlwegen
  • Felsbildungen mit Trockenvegetation sowie Halbtrockenrasen
  • Restbestände strukturreicher Gürtel um die Ortslagen mit Gärten, Streuobst, Gehölzen, Grünland
  • Bäche und Grabensysteme
  • bachbegleitende feuchte Täler oder Mulden mit Grünlandbändern sowie Ufergehölze
  • aufgegebene Steinbrüche, Sand-, Kies- und Tongruben.

Als deutlich sichtbares Kennzeichen von Weinbaulandschaften sind demnach die typischen Hanglagen herauszustellen, sie heben sich durch strukturbildende Vielfalt von der übrigen Umgebung merklich ab. Vielfalt kann sich beispielsweise in Terrassierungen, Trockenmauern, Böschungen, Hohlwegen und raumbildenden Gehölz- und Streuobst-Strukturen äußern.

Sachgerechter Umgang mit einem Kulturgut

Mythos Weinlagerung

Die meisten Rotweine sind grundsätzlich nicht für langfristige Lagerung ausgelegt, und sollten bereits in den ersten Jahren nach Abfüllung konsumiert werden. Eine Faustregel besagt jedoch: Je höher Alkoholgehalt sowie Oechsle-Grad, sprich der natürliche Zucker- und Säuregehalt sind, umso länger haltbar ist der Wein – und umso mehr empfiehlt sich eine längere Lagerung. Die Lagerung dient dem Reifeprozess von Qualitätsweinen. Vor allem bei höherwertigen Prädikatsweinen der Stufe „Auslese“ kommen Fragen hinsichtlich einer fachgerechten Lagerung ins Spiel. Für solch hochwertige Gewächse wie Auslesen, Trockenbeerenauslesen oder auch Rotweine mit hohem Gerbstoff- (Tannin-)Gehalt bieten beispielsweise die Versiegelung der Korken mit speziellem Siegellack eine längere garantierte Lagerfähigkeit.

So können edelsüße Spezialitäten wie Trockenbeerenauslesen oder Eisweine aber auch hochwertige Rotweine ohne Probleme 20 Jahre und länger aufbewahrt werden. Besonders lange haltbar sind Qualitäts-Rotweine mit einem hohen Gerbstoffanteil und Alkoholgehalten von 13 Volumenprozent oder mehr, besonders wenn sie auch noch im Barrique-Fass (Fass aus Eichenholz) reifen konnten.

Ansonsten gibt es gerade in Bezug auf fachgerechtes Handling von Weinen im Allgemeinen und Rotweinen im Besonderen eine Vielzahl an Ratgebern, Abhandlungen und Broschüren, deren Ratschläge sich im Wesentlichen auf vier Grundanforderungen reduzieren lassen.

Zunächst sollte bei der Lagerung sichergestellt sein, dass die Flaschen waagerecht deponiert werden, damit die Korken nicht austrocknen und spröde werden. Bei der liegenden Lagerung von Wein geht es demnach primär um die Haltbarkeit des Korkens und nicht um den Wein selber. Ihm ist es im Grunde egal, ob er in der Senkrechten oder Waagerechten gelagert wird. Daher können Weine mit Kunststoffkorken, Schraub- oder Glasverschluss auch bedenkenlos stehend aufbewahrt werden. Aber auch mit Kork verschlossene Weine, die für den schnelleren Konsum gedacht sind, können über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren auch stehend aufbewahrt werden, da die Feuchtigkeit aus dem Flascheninneren den Korken ausreichend feucht hält.

Besonders in Eiche-Fässern gelagerter Rotwein erhält über die Jahre einen höheren Tannin-Gehalt und macht ihn langlebiger. / fotolia© Shchipkova Elena (#84153454)

Eine gleichmäßige Feuchte ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass der klassische Korken aus Kork – und damit auch der Wein selbst – länger hält. Denn: Trocknet der Korken aus, wird er spröde, rissig und schrumpft ein. Durch entstehende Risse und Volumeneinbußen sind auf Dauer Verdunstungsverluste und schädliche Oxidationsvorgänge des Weins unvermeidbar. Allerdings: Neben schwankender Luftfeuchtigkeit und allzu trockener Luft sollten Weine auch unter keinen Umständen zu warm gelagert werden. Ab einer Lagertemperatur von nur 21 Grad Celsius reift ein Wein schneller als er eigentlich soll, bei länger anhaltenden Temperaturen über 25 Grad droht das Aroma zu kippen, der Geschmack verändert sich zu seinem Nachteil: Der Wein wird fade im Aroma und erhält eine unangenehme Essig-Note. Die perfekte Lagertemperatur liegt um die zwölf bis 13 Grad, die Umgebungstemperaturen sollten jahreszeitlich so wenig schwanken wie möglich.

Einfach so trinken? – Belüfter und Thermometer und was alles zum Genuss benötigt wird

Die Trinktemperatur spielt für optimalen Genuss eine nicht minder wichtige Rolle. Ein kühles Plätzchen ohne wärmende Sonneneinwirkung im Keller ist zwar optimal, für Rotweine dürfen die Verzehr-Temperaturen etwas über dem Keller-Temperaturniveau liegen. Ihre komplexen Aromen und Gerbstoffe kommen bei einer Trinktemperatur von 14-16 Grad am ehesten zu Geltung kommen.

Zu einem stilechten Accessoire für perfekten Rotweingenuss gehören neben Thermometer und Belüfter das klassische Kellner-Messer, das idealerweise dabei hilft, den Korkenzieher richtig in die Weinflasche zu drehen. Es besteht aus drei Teilen: Einem kleinen Messer, dem Hebel und einer Spindel. Normalerweise gibt es eine Art Kante am Flaschenhals, unter der so genannten Kapsel. Wenn die Kapsel am unteren Rand der Kante durchtrennt und der metallene Aufsatz entfernt ist, wird die Spindel in einem leichten Winkel in die Mitte des Korkens angesetzt und in den Korken gedreht. Damit die Spindel genau mittig und gerade bleibt, sollte sie beim Eindrehen aufgerichtet werden. Das Eindrehen erfolgt so lange, bis der erste Teil des Hebels genutzt werden kann, um den Korken bereits leicht herauszuziehen. Bei Bedarf kann dann noch der zweite Teil des Hebels verwendet werden, bis der Korken komplett herausgezogen ist.

Beim Ausgießen empfehlen Experten gerade bei älteren Rotweinen, die Flasche gegen das Licht zu halten, um nicht den Bodensatz sowie eventuellen Weinstein - auskristallisierte Salze der Weinsäure – mit in das Glas einzuschenken, da beides bitter schmeckt. Eine Filterung kann den gleichen Zweck erfüllen. Da ein Wein grundsätzlich vor dem Verzehr nicht noch zusätzlich mit Sauerstoff angereichert werden sollte, macht das Umfüllen in eine Karaffe („Dekantieren“) entgegen landläufiger Meinung wenig Sinn. Mehr noch: Gerade alte Weine können bei zu hoher Anreicherung mit Sauerstoff schnell oxidieren und sollten zügig konsumiert werden. Es gilt die Faustregel: Je älter der Rebensaft ist, desto schneller laufen geschmackbeeinträchtigende, chemische Prozesse ab.

Beim "Karaffieren" handelt es um die Sauerstoff-Anreicherung von jüngeren Rotweinen, in dem Fall hat das Belüften den gegenteiligen, eher positiven Effekt auf Geschmack und Aroma.

Rotwein – Landwirtschaftliches Erzeugnis oder doch mehr?

Image und Preise – Was alles hinter der roten Traube steckt

Deutschland genießt als Riesling-Land international hohe Anerkennung. Riesling-Erzeugnisse gehören unbestritten zu den bekanntesten Deutschen Weinen, auch und gerade im Ausland. Da die Rebsorte kühle Regionen bevorzugt, gedeiht der Riesling am besten in der Nähe des 51. Breitengrads. Hinzu kommt, dass Deutschland mit seiner Vielfalt an unterschiedlichen Böden dem Riesling den Stempel der geschmacklichen Vielfalt aufdrücken konnte. Deutschland hat im weltweiten Vergleich die größte Reb-Anbaufläche für Riesling. Da haben es Rotweine naturgemäß immer noch besonders schwer, aus dem Schatten der „großen weißen Schwester“ herauszutreten.

Deutscher Riesling ist schon längst Weltspitze, deutscher Blauburgunder ist jedoch auch stark im Kommen. / fotolia© natashaphoto (#92581841)

Jedoch: Galt es vor einigen Jahren Weintrinkern noch als besonders schick, importierte Rotweine aus Chile, Australien oder Kalifornien zu kaufen, hat sich die Entwicklung zu Gunsten einer zunehmenden Bevorzugung heimischer Gewächse gedreht: Deutsche Wein sind angesagter denn je. So stammen die Trauben, statistisch gesehen, für jede zweite Flasche Wein, die in Deutschland mittlerweile geöffnet wird, aus hiesigen Weinbergen.

Obwohl Merlots, Cabernet Sauvignons und Co. auch hierzulande immer besser gedeihen, sind die klassischen Rebsorten aus dem Bordeaux und natürlich der Pinot Noir immer noch das Maß aller Dinge. Die besondere Flasche Rotwein kommt trotz hoher Qualität immer noch nicht aus deutschen Landen. Sie kommt aus Frankreich, Italien, Spanien oder Übersee. Offensichtlich fehlt das Vertrauen unter den Verbrauchern in das Besondere unter hiesigen Rotweinerzeugnissen immer noch. Es mangelt an Bewusstsein für herausragenden deutschen Rotwein, der sich auch in einem angemessenen, höheren Preis niederschlägt.

Rotwein nicht nur für Genießer? – Von Wertentwicklungen und Spitzenpreisen

Daher nimmt es kaum Wunder, dass die Preise für Weine hierzulande seit Jahren nur unwesentlich gestiegen sind, und deutsche Rotweine im Verhältnis zu Weißweinen alles andere als Exportschlager sind.

Wie die Angaben in der Spalte „Euro pro Hektoliter“ nahelegen, wird einem Qualitätsanspruch von Rotwein geringeren Glauben geschenkt als Weißwein - was sich letztlich in einem niedrigeren Preis niederschlägt und indirekt auch auf ein nur mäßiges Image hinweist. Auch werden immer noch deutsche Rotweine am häufigsten importiert - ein weiteres Indiz für einen Mangel an Vertrauen in die Qualität deutschen Rotweins.

Die Preise für ausländische Spitzen-Rotweine haben in den letzten 20 Jahren jedoch stark angezogen, wobei vor allem langlebige, französische Erzeugnisse klassischer Weinanbaugebiete wie Bordeaux preislich enorm zugelegt haben. Ihre Wertzuwächse übersteigen selbst die Renditen so mancher festverzinslicher Wertpapiere oder Aktien.

Der Boom nach Rotweinklassikern als Geld- und Wertanlage scheint ungebrochen, manche Weine sind mehr zu begehrten Spekulationsobjekten als Genussartikel geworden und erzielen auf Auktionen Spitzenpreise. Zu den ausgesuchten Spitzentropfen, die jeden Weinkenner in Verzückung versetzen, zählen Château Lafite-Rothschild, Château Mouton-Rothschild, Château Latour, Château Margaux und Château Haut-Brion. So wandert manche Flasche nie in einen Gaumen, sondern eher in ein Schließfach oder Tresor. Spekulanten betrachten Wein als ein Wertpapier, das sie eine Zeitlang behalten und dann wieder am besten mit Gewinn abstoßen.

Wer heute mit Wein längerfristig Geld verdienen will, der kann also auf Nummer sichergehen und auf Flaschen aus der Region um die Stadt Bordeaux setzen. Und dabei auch nur auf Weine, die bei dem wichtigsten Weintester der Welt, bei Robert Parker, eine hohe Punktezahl erhalten haben. Weine aus anderen Anbaugebieten wie der Toskana oder aus Burgund erzielen bislang keine sinnvolle Rendite.

Für deutsche Weine hingegen entsteht langsam ein Markt für rest-süße Spätlesen, Auslesen und Trockenbeerenauslesen, der spekulativen Sammlern noch erstaunliche Erträge bringen könnte. Deutsche Rotweine jedoch scheinen jedoch noch weit davon entfernt zu sein, zu Spekulationsobjekten zu werden. Spitzenpreise für einzelne deutsche Erzeugnisse gibt es schon: So kommt jetzt der teuerste junge Wein der Welt aus Deutschland, genauer gesagt aus Trier, wo ein Riesling für stolze 14.566 Euro den Besitzer wechselte. So geschehen auf der Auktion „Großer Ring 2015“ in der Moselstadt, Hauptdarsteller war eine Trockenbeerenauslese 2003 vom Scharzhofberg an der Saar - Der teuerste „junge“ Wein der Welt ist somit ein Saar-Riesling und zur Verwunderung vieler Weinkenner und -Experten kein Franzose, kein Chateau Margaux, kein Pétrus oder Lafite.

Der Weinbau – Ein prägendes Element heutiger Kulturlandschaften

Valentin Brodbecker, Unternehmensberater und Weinkenner von der Firma Wine-Land in Mainz sieht in der spektakulären Auktion nur die Spitze einer Entwicklung, die seit wenigen Jahren anhält, und durch ein deutliches Anziehen der Preise für deutsche Weine aus einzelnen Topplagen gekennzeichnet ist. Für sie würden heute häufig das Doppelte gezahlt werden wie vor zehn Jahren. Ähnlich wie Spitzenrotweine aus Frankreich ist auch die Haltbarkeit von deutschen trockenen Qualitätsrieslingen mit hohem Oechsle- und Säuregrad sehr lang, die Flaschen können problemlos 20 Jahre und länger gelagert werden.

Hochklassige Bordeaux-Weine sind das Maß aller Dinge, wenn es um Wein als Kapitalanlage geht. / fotolia© Igor Normann (#58210190)

Rieslinge sind mittlerweile von Tokio bis New York zum wahren Szene-Getränk avanciert, wie auch in deutschen Szene-Bars kein Barkeeper mehr auf einen oder mehrere Rieslinge verzichten will. Dennoch sollte die üppige Preisentwicklung bei deutschen Rieslingen nicht davor hinwegtäuschen, dass einerseits deutsche Rotweine noch weit hinter dieser Entwicklung hinterherhinken, und andererseits der Markt für kapitalspekulative Weine auch künftig eine französische Domäne bleiben wird – mit rund 80 Prozent der Handelsumsätze auf Tropfen der Bordeaux-Region. Dafür spricht auch der strukturelle Umstand in der deutschen Weinwirtschaft, dass hiesige Weingüter meist kleine Familienbetriebe mit entsprechend geringerem Ausstoß sind – im Gegensatz zu den riesigen Anbaugebieten rund um Bordeaux.

Da ändert auch der Umstand nichts daran, dass deutsche Spitzenrotweine, allen voran der Spätburgunder, langsam aber sicher zu den Franzosen aufschließen. Deutsche Winzer trauen sich auch immer häufiger an ausländische rote Sorten heran wie Merlot und Cabernet Sauvignon heran. Allmählich können sich heimische Tropfen gegen die vermeintlich übermächtige französische Konkurrenz erwehren. Dementsprechend ist auch zu erwarten, dass die Preise in den nächsten Jahren für Spitzenlagen von Rotweinen anziehen werden. Schon heute muss für manchen Spätburgunder innovativer junger Winzer bereits schon um die 20 Euro auf den Tisch geblättert werden.

 

0 Kommentare