Deutschland Liebe auf den zweiten Blick

Kassel - Der Herkules hat schon viel gesehen. Seit fast 300 Jahren blickt der griechische Halbgott von seiner hohen Warte im Habichtswald über Kassel und weit ins Fuldatal hinaus. Unter ihm die schnurgerade Achse der Wilhelmshöher Allee, die sich vom Schloss Wilhelmshöhe in die Kasseler Innenstadt zieht, und der Bergpark, der sich unter den Riesenfüßen des achteinhalb Meter hohen Kupferkolosses ausbreitet. In 70 Meter Höhe lehnt der Muskelmann lässig auf seiner Keule und scheint spöttisch das Schauspiel zu verfolgen, das zwischen Mai und Oktober Menschen aus der ganzen Welt anlockt: die Wasserspiele! Noch immer ist die Mechanik von 1714 am Werk, wenn nach einer fein abgestimmten Choreografie eine Stunde lang die Wasserfluten über eine breite Steintreppe von Becken zu Becken fließen, sich dann in wildromantischem Schwalle über Felsen ergießen und durch Rinnen und Bächlein gurgeln, bis sie schließlich als große Fontäne weit unten am Schloss gut 50 Meter hoch in den Himmel schießen.

 

Höher, schöner, weiter galt auch schon vor 300 Jahren, als Landgraf Karl dem Sonnenkönig in Versailles ein Schnippchen schlug und dessen läppischen Wasserstrahl um das Doppelte überbot. Das sollte eine Aufnahme in die Liste der Unesco-Weltkulturerbe-Stätten wert sein, um die sich das Land Hessen mit Bergpark, Herkules und Wasserspielen gerade bewirbt. Die Stadt ist im Aufwind. In diesem Jahr kürte sie gar ein Wirtschaftsmagazin zur dynamischsten Stadt Deutschlands. Auch unter den lebenswertesten Städten Deutschlands erreichte Kassel Rang drei. Das erstaunt, denn Besucher finden in der nordhessischen Stadt keine winkeligen Altstadtgassen, kein Fachwerk und keine imposanten alten Bauten mehr, dafür viel Beton und breite, verkehrsreiche Straßen. Dabei wurde die hessische Residenzstadt „Cassel“ einst zu Recht als eine der schönsten Städte Europas gepriesen, wie alte Stadtansichten belegen. Bis in einer Bombennacht 1943 „Klein Paris“ abbrannte. Nach dem Krieg entstand ein neues Kassel mit „K“, praktisch und ohne Pracht, verkehrsgerecht geplant, mit ein paar Hochhäusern und der ersten Fußgängerzone der Republik, der Treppenstraße. In dieser Zeit begann aber auch eine Erfolgsgeschichte, die bis heute andauert: die Documenta. Seit 1955 versammeln sich in Kassel internationale Künstler zur weltweit bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Ausgerechnet in Kassel?

„7000 Eichen, Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“

Das hat zum einen Tradition, denn hier sammelten schon die Landesfürsten Kunst vom Feinsten und bauten dafür öffentliche Museen. Zur Kunstweltstadt avancierte Kassel, nachdem der Künstler und Dozent Arnold Bode zur ersten Bundesgartenschau 1955 eine derart erfolgreiche Ausstellung zeitgenössischer Kunst präsentierte, dass aus dieser „Dokumentation“ eine Institution wurde. Zeugnisse dafür findet man im öffentlichen Raum zuhauf - wie den „Himmelsstürmer“ von Jonathan Borofsky auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof. Das alte Backsteingebäude mit seiner Glasüberbauung ist viel mehr als ein regionaler Verkehrsknotenpunkt, obwohl die Fernzüge schon lange am neuen Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe halten. Frei gewordene Räume wurden mit originellen Museen wie der Galerie für komische Kunst, einem Programmkino und Kneipen gefüllt, so entstand der Kulturbahnhof. Im Süd- und Nordflügel wurden für die laufende Documenta in Schuppen, ehemaligen Zollamtsräumen, dem ausrangierten Briefverteilerzentrum der Post und in der Nachrichtenmeisterei überraschende Kunstwerke aufgebaut und selbst die Gleise bespielt. Draußen taucht man wieder in den 50er Jahren auf, deren Architektur sich für viele erst auf den zweiten Blick erschließt. Die Kunstpilger treffen sich auf dem Friedrichsplatz am Fridericianum, dem Herz der Kunstschau. Zwischen Gastronomie-Angeboten, Ticket-Containern und Protest-Zelten gehen die drei Kunstwerke vergangener Documenta-Schauen fast unter: die Fremden von Thomas Schütte auf dem Portikus des Roten Palais, drei eindringliche Gestalten, die das Kaufhaus SinnLeffers 1992 nach der 9. Documenta erwarb. Der vertikale Erdkilometer von Walter de Maria, der 1977 in den Platz gebohrt wurde und heute mit einer schlichten Messingplatte an die Documenta 6 erinnert. Und die beiden Beuys-Eichen mit ihren Basaltstelen der Kunst-Aktion „7000 Eichen, Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ bei der zwischen 1982 und 1987 von Kasseler Bürgern 7000 Bäume gekauft und über die gesamte Stadt verteilt gepflanzt wurden. So hat sich die Stadt mit den Documenta-Jahren verändert. Am Fuldaufer blieb die Giganten-Spitzhacke von Claes Oldenburg stecken.

Am Rande des Landschaftsschutz­gebietes Dönche wurde 1982 eine experimentelle Wohnsiedlung gebaut, die Documenta urbana. Und schon vor Ende der diesjährigen 13. Ausstellung zeichnet sich ab, dass Kassel ein weiteres Kunstwerk behalten wird: Auf einer Wiese in der Aue haben die Kasseler das Kunstwerk „Idee di Pietra“ von Giuseppe Perone längst adoptiert. Um den Bronzebaum mit einer riesigen Steinfrucht im Geäst lagern ständig junge Leute, lehnen sich oder ihre Fahrräder an den stabilen Stamm. Die Karlsaue, unterhalb des Friedrichs-platzes und der Documenta-Halle, ist nicht nur während dieser Schau mit ihren fröh­lichen Kunst-Gartenhäuschen einer der schönsten Plätze der Stadt. Hier halten alle inne, setzen sich in die weißen Liegestühle am Kanal, auf die Wiesen zu den heimischen Joggern und Müßiggängern oder an den Rand des sechs Meter hohen Grashügels in der Mitte der Karlswiese.

 

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