Deutschland Kreuzfahrt: Meer-Wert für Kinder

Kiel - Piraten auf Deck 9! Das Heck wurde geentert. Einen mehrere Kabinen großen Bereich im hinteren Bereich der Mein Schiff 2 halten die kleinen Freibeuter besetzt, dazu ein Außendeck mit Minipool. Wer sie besucht, kommt nicht ohne eine Portion Glitzerstaub auf der Kleidung davon. Denn sie sind auf dieser Reise durch die Ostsee vorwiegend weiblich, die Bewohner der „Insel der Seeräuber“. Sechs kleine Mädchen aus der Krabben-Gruppe (3-6 Jahre) sitzen an grünen Tischchen und malen mit Buntstiften. „Magst du auch einen Button gestalten?“, fragt Kinderclub-Betreuerin Diana Jacobs-Waibel. Die sechsjährige Louisa mag und legt gleich los. Vor den Fenstern sieht man ein paar Buben auf dem mit Sicherheitsglas umzäunten Freibereich einem Ball nachjagen. Antonia (9) könnte sich den Seeteufeln (6-9) anschließen, die eine Fotorallye veranstalten. Aber sie entscheidet sich, mit Mama und Papa durch die Ladenstraße auf Deck 7 zu bummeln: „Da kann man shoppen!“ Die Viertklässlerin möchte das Schiff auf eigene Faust erobern.

 

Jeden Tag eine neue Stadt und doch im selben Bett schlafen

„Während der Ferienzeiten sind wir ein Familienschiff, ansonsten verstehen wir uns als Wohlfühlschiff“, erklärt Susann Fabiero, Cruise-Direktorin der Mein Schiff 2. Der Ferienkreuzer gehört der Reederei Tui Cruises, Die Tui-Schiffe sind modern eingerichtet: außen blau und weiß, innen warme Farben, helles Holz. Kein Kitsch, kein Schnickschnack, kein güldener Prunk, wie es der TV-Zuschauer vom „Traumschiff“ kennt. Hier urlauben Menschen, die lässige Eleganz schätzen. Vier Sterne plus Komfort - ja bitte. Smokingzwang und Wunderkerzenparade beim Captain’s Dinner - muss nicht sein. Kreuzfahrten liegen im Trend: 1,4 Millionen Deutsche haben 2011 Urlaub auf hoher See gemacht. Zahlen für 2102 liegen noch nicht vor. Von wegen nur rüstige Rentner: Kinder sind an Bord ausdrücklich erwünscht. Wie bei vielen Reedereien fahren bei Tui Cruises Kinder kostenlos oder zahlen nur Flugkosten, sofern sie sich die Unterkunft mit ihren Eltern teilen. Die meisten Familien an Bord quetschen sich daher alle Mann in eine Kabine.

Je nach Kategorie lassen sich ein bis drei Kinder unterbringen: auf Sofas oder Pullmans, in Schulterhöhe von der Wand klappbaren Betten. Da heißt es Schrankraum effizient nutzen, einen Teil des Gepäcks im aufgeklappten Koffer unter dem Bett lagern und täglich aufräumen. Schließlich misst eine Innenkabine 16 Quadratmeter, eine Außen­kabine ist 17 Quadratmeter groß. Eltern nehmen die beengte Wohnsituation dennoch in Kauf, denn sie bewahrt vor etwas Schlimmeren: ständigem Kofferpacken. Auf einer Rundreise ansonsten unvermeidlich. In zehn Tagen klappert das Schiff sechs Länder an der Ostsee ab. Fast jeden Tag nach dem Aufstehen erhascht man aus dem Fenster einen Blick auf eine andere Stadt. Heute Stockholm, morgen Helsinki, übermorgen Sankt Petersburg. Dennoch schläft man jeden Abend im selben Bett - das ist Reisen mit Meer-Wert. Auch außerhalb der Kabinen ist das schwimmende Hotel komplett auf kleine Seefahrer eingerichtet. Jeder Kellner, jeder Sicherheitsmitarbeiter, jeder Kabinensteward hat ein Lächeln oder ein freundliches Wort für die Kinder. Im Restaurant Atlantik werden sofort Hochstuhl, „Schatzkarte“ zum Ausmalen und Stifte herbeigeschafft. Bei der Sicherheitskontrolle an der Gangway, bei der jedes Handgepäckstück durch die Röntgenkiste muss, wird Louisas Teddy besonders vorsichtig durchleuchtet. Sie spricht ihm dennoch Mut zu: „Tut nicht weh!“ Abends fallen die Freibeuter todmüde in ihre mit Capt’n-Sharky-Bettwäsche bezogenen Betten, neben denen Minirettungswesten liegen. Apropos Sicherheit: Beim Check-in bekommt jedes Kind ein Armband angelegt, auf dem seine Sammelstelle, die sogenannte Musterstation, verzeichnet ist.

"Kinder finden sich auf dem Schiff besser zurecht als ihre Eltern."

„Falls etwas passiert, bringen die Mitarbeiter jedes Kind dorthin, wo es wieder auf seine Eltern trifft“, erklärt Kinderclub-Leiterin Sina Kronberg (23). Die meisten Eltern haben dennoch ein etwas mulmiges Gefühl. Schließlich ist es kaum ein Jahr her, als das Costa-Concordia-Unglück für Aufsehen sorgte. Die Bedenken legen sich zumindest bei denen, die Kapitän Kjell Holm in die Augen schauen konnten. Der 1949 in Helsinki geborene Finne ist ein erfahrender Seebär. Seine ruhige, gelassene Art strahlt Vertrauen aus. 32-mal hat er in seiner Karriere schon die Welt umfahren. „Ich habe Segeln gelernt, bevor ich spazieren konnte“, erzählt er. Auch für Kinder hat der mehrfache Vater und Großvater ein Herz: der Kinderclub besichtigt im Verlauf der Reise die Brücke. Manches Kind darf sogar mit Kapitänsmütze auf dem Kopf am Steuerrad sitzen. Nur eine von unzähligen Aktivitäten, die täglich für Groß und Klein an Bord geboten werden. Manche Kinder verbringen den kompletten Tag im Kinderclub. Sophie etwa hat keine Lust auf kulturellen Landgang mit Mama und Papa, den die Eltern dafür umso mehr genießen. Antonia und Louisa hingegen nutzen nur an Seetagen das Freibeuterangebot. Etwa den Malkurs im Atelier auf Deck 6 mit dem wohl schönsten Ausblick der Welt: vor der Fenstern nichts als wogende Wellen, Gischt und vorüberziehende Boote.

Ansonsten finden sie das Schiff selbst viel zu spannend. Binnen kürzester Zeit hat der Nachwuchs den 263 Meter langen und 33 Meter breiten Abenteuerspielplatz erobert, spielt Fangen auf dem Promenadendeck und weiß, wo es rund um die Uhr Eis oder Pommes frites gibt. „Viele Eltern sorgen sich, ihre Kinder allein übers Schiff gehen zu lassen. Aber sie finden sich meist schneller zurecht als ihre Eltern“, so Kinderclub-Leiterin Sina Kronberg. Heck ist hinten, Bug vorn, Steuerbord rechts, Backbord links. Antonia und Louisa haben das längst kapiert, als ihre Eltern noch überlegen müssen. Zum Glück gibt es überall Wegweiser. Ein Kreuzfahrtschiff ist eine Art schwimmende Kleinstadt. Hoch wie ein Wolkenkratzer, lang wie eine ganze Straße mit 2000 Einwohnern. Auf dieser Reise sind knapp 200 davon unter 18 Jahre alt. „Das ist stark vom Fahrgebiet abhängig“, sagt Cruise-Direktorin Susann Fabiero, „auf den Mittelmeerrouten haben wir bis zu 400 Kinder an Bord.“ Die Mitreisenden ohne Kinder stört der Trubel nur wenig: „Ach“, sagt die auf den Spuren ihrer früheren Heimat reisende Pensionärin Hildegard Borchers aus Hannover, „dann ist doch endlich Leben in der Bude.“

 

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