Deutsche Wirtschaft warnt vor negativen Folgen Billiglohnland Slowakei wird für Investoren teurer

Teile eines Volkswagens werden im Karosseriewerk im Volkswagen-Werk von Robotern zusammengefügt. Vom 1. Mai 2018 an müssen Arbeitgeber in der Slowakei höhere Zuschläge für Nacht-, Feiertags- und Wochenendarbeit bezahlen. Foto: Koller Jan/CTK/dpa

Niedrige Löhne waren lange das wichtigste Lockmittel für deutsche Firmen in der Slowakei. Je knapper qualifizierte Arbeitskräfte jedoch werden, desto selbstbewusster treten sie auf. Ein Streik bei Volkswagen Slovakia vor einem Jahr hatte Signalwirkung.

Bratislava - Unmittelbar vor Inkrafttreten eines neuen Arbeitsgesetzes in der Slowakei warnt die deutsche Wirtschaft vor negativen Folgen für Investoren. Vor allem die Arbeitsplätze niedrig qualifizierter Arbeiter in strukturschwachen Regionen würden durch steigende Mindestlöhne gefährdet, sagte der Geschäftsführer der Deutsch-Slowakischen Industrie- und Handelskammer (DSIHK), Guido Glania, der Deutschen Presse-Agentur in Bratislava. Vom 1. Mai an müssen Arbeitgeber in dem EU-Land schrittweise höhere Zuschläge für Nacht-, Feiertags- und Wochenendarbeit bezahlen.

Arbeitgeber in der Slovakei sind unzufrieden

Die Steigerung beträgt in den meisten Fällen zwar nur wenige Cent pro Arbeitsstunde, kann aber am Sonntag auch 100 Prozent zusätzlich zum bisherigen Stundenlohn ausmachen. Mit einem gesetzlichen Mindeststundenlohn von weniger als 2,80 Euro gehört die Slowakei zwar weiterhin zu den Niedrigstlohnländern der EU, die Arbeitgeber sind trotzdem unzufrieden.

Schon im November hatte die DSIHK Alarm geschlagen: "Die von der Regierung beabsichtigte dramatische Erhöhung der Mindestzuschläge für Nacht- und Wochenendarbeit gefährdet den Industriestandort Slowakei. Einer der stärksten Vorteile, die flexible und relativ kostengünstige Einrichtung von Nacht- und Wochenendschichten, droht mit einem Schlag verloren zu gehen."

Deutschland ist wichtiger Handelspartner und Investor der Slovakei

Die Slowakei gehörte mehr als zwei Jahrzehnte zu den Ländern, in die Firmen ihre Produktion wegen niedriger Löhne auslagerten. Deutschland war von Beginn an der wichtigste Investor und Handelspartner des EU-Landes. Der Durchschnittslohn in der Slowakei liegt jetzt bei 954 Euro pro Monat.

Signalwirkung für die Erhöhung der Löhne hatte nach Einschätzung von Beobachtern auch der Streik der Beschäftigten von Volkswagen Slovakia im vergangenen Sommer. Dabei hatten erstmals slowakische Mitarbeiter eines großen westlichen Konzerns gegen den Status der Slowakei als Billiglohnland protestiert und schrittweise Lohnerhöhungen um 14 Prozent innerhalb von drei Jahren durchgesetzt.

Verunsicherung: Slovakische Regierung holt ständig neue Investoren

Glania gab zu bedenken, langfristig könne "das Produktivitätswachstum nicht mit den Lohnsteigerungen mithalten". Der DSIHK-Geschäftsführer kritisierte, die Unternehmen könnten die Politik der Regierung nicht mehr nachvollziehen. Diese hole ständig neue Investoren in die Slowakei und erhöhe damit den Facharbeitermangel und Lohndruck, verspreche aber gleichzeitig den Unternehmen, dass sie die benötigten Arbeitskräfte finden werden.

Weniger dramatisch beurteilen Vertreter des für die Slowakei ähnlich wichtigen Nachbarlandes Österreich die Situation. "Zentraleuropa wird langfristig nicht mehr in erster Linie ein Low-Cost-Standort sein, sondern zu einem Best-Cost-Standort werden müssen", sagte der österreichische Wirtschaftsdelegierte Christian Kügerl der dpa. "Die Slowakei hat sehr gute Chancen, weil sie anders als Tschechien, Polen oder Ungarn Mitglied der Eurozone ist."

Lohnniveau in der Slovakei ist immer noch verlockend niedrig

Der für deutsche, österreichische und slowakische Firmen tätige Steuerberater Ulrich Paugger spielte die Auswirkungen der Gesetzesnovelle herunter: "Das ist doch reiner Populismus der slowakischen Regierung zur Beruhigung ihrer eigenen Wählerschaft. Für ganz wenige Geringstverdiener bringt das zwar wirklich mehr Geld, aber für die anderen sind die nun wirksam werdenden Zuschläge nur symbolisch." Grundsätzlich bleibe das Lohnniveau in der Slowakei mit Ausnahme von besonders gefragten Qualifikationen verlockend niedrig für ausländische Firmen.

Deutsche wie österreichische Wirtschaftsvertreter sind sich aber einig, dass der immer dramatischere Fachkräftemangel das allergrößte Problem in der Slowakei bleibe. Dies werde auch dadurch verschärft, dass sich ausländische Firmen gegenseitig Spezialisten abwerben.

 

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