Design Der Sarkasmus sitzt im Stuhl

Auf einem „Classroom Chair“ wie diesen roten Exemplaren wird der Unterricht sicher nicht langweilig. Foto: Die Neue Sammlung/A. Laurenzo

Die Neue Sammlung zeigt in der Pinakothek der Moderne das Werk des Schrägdenkers Stefan Wewerka

 

Das „Abendmahl” wird bei Stefan Wewerka zur „Reise nach Jerusalem”: Ein Tisch und zwölf Stühle – einer zu wenig. Und es ist eine exklusive, aber äußerst unbequeme Veranstaltung. Die Mahagoni-Möbel sind rautenförmig derart in die Diagonale gezogen, dass das Sitzen zur Tortur werden muss. Diese Installation von 1969 ist Handwerk mit Hintersinn, die Gestaltung steckt voller Sarkasmus. Jetzt würdigt die Neue Sammlung in der Pinakothek der Moderne den 84-jährigen Quer- und Schrägdenker mit der Ausstellung „Querschnitt. Stefan Wewerka”.
Der gebürtige Magdeburger ist eigentlich Architekt, studierte bei Max Taut, arbeitete bei Scharoun und den Luckhardts, machte Ausstellungen mit Daniel Spoerri (für dessen Düsseldorfer Eat-Art-Restaurant hat er das Ambiente gestaltet) und Dieter Roth und hatte 1977-93 eine Professur in Köln inne.

Seine Objekte schillern zwischen Design und Kunst, Sitzmöbel sind die meisten seiner Stühle nicht: Sie sacken schlaff ab wie die „Schaumstoffstühle” (1961), klemmen sich, unbesitzbar, an die Wandkante wie der „Eckstuhl” (1961) oder sind gleich komplett auf Beine und Lehne zusammengeschoben wie bei einer der „Stuhl-skulpturen Reduktion” von 1970. Einige dieser eigenwilligen Innenraum-Wesen erscheinen schon fast wieder kreatürlich: wie Katzen, die sich strecken oder Rehe, die zum Sprung ansetzen.

Recht praktisch, gerade fürs kompakte Wohnen, ist hingegen der „Küchenbaum” von 1984, den Wewerka im Rahmen seiner Mini-Wohneinheit „Cella” (für Tecta) schuf: Um eine Stahlstütze herum wachsen trapezförmig Waschbecken, Arbeitsplatte, Herd und Abtropfgitter. Und auch der rote „Long chair”, der zur Chaiselongue-artigen Bank langgestreckt wird, sieht gut und gut benutzbar aus.

Er bringt Form und Inhalt seiner Interior-Kunststücke auf den Punkt: Die „Krümmlinge” (2003) erscheinen wie Kinderstühlchen in Rot, Gelb, Grün, sind aber völlig unfunktional. Sie waren vielleicht mal Sitzmöbel, jetzt machen sie sich rund wie scheue Tiere. Sein anti-konformes Design wirkt wie ein sozialkritisch-ironischer Appell. Stefan Wewerka lässt Möbel sprechen: „Krümm’ dich beizeiten... (Bloß nicht!)” muss man mit Marie Marcks denken.

Bis 3. Februar, Di bis So 10 bis 18, Do bis 20 Uhr

 

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