Der verzweifelte Kampf im Kraftwerk von Fukushima Sie opfern sich für Japan

Der zerstörte Reaktor drei in Fukushima. Foto: dpa
 

50 Techniker riskieren ihr Leben im Havarie-Meiler, um wenigstens die ganz große Katastrophe noch zu verhindern.

Tokio - Sie sind Japans letzte Chance: 50 Techniker harren im Höllen-Meiler Fukushima aus. Sie opfern sich, nehmen größte Risiken für ihre Gesundheit in Kauf, bis hin zum Tod. Wenn auch sie aufgeben würden, wäre der Havarie-Reaktor sich selbst überlassen: Der Super-Gau.
Ihre Versuche, etwa die Reaktoren mit Meerwasser zu kühlen oder mit Wasserwerfern zu besprühen, verraten Verzweiflung und Hilflosigkeit. Doch ohne sie wäre eine komplette Kernschmelze unvermeidbar; Millionen von Menschen wären bedroht.

Als die Fukushima-50 werden sie gefeiert, auch wenn es nun mehr als 50 sein sollen. Erst hatte die Betreiberfirma Tepco 750 der 800 Mitarbeiter abgezogen. Kurz mussten auch die letzten 50 den Reaktor verlassen, weil die Gefahr zu groß wurde; aber sie kehrten zurück. Jetzt will Tepco 130 weitere Mitarbeiter schicken, um die Strahlenbelastung für den Einzelnen zu reduzieren. „Für manche Aufgaben stellen sie sich in einer Schlange auf”, erklärt Atomexperte Katsuhiko Ishibashi. „Jeder erfüllt sie 60 Sekunden, dann kommt der nächste.” Sonst wäre die Dosis zu hoch.
Ohnehin gefährden die 50 ihre Gesundheit massiv. Von langfristigen Folgen wie der Krebsgefahr ganz zu schweigen – sondern akut. Gestern wurden kurz 1000 Millisievert erreicht. Schon darunter können milde Formen der Strahlenkrankheit auftreten; Männer werden temporär unfruchtbar. Zwischen 1000 und 2000 Millisievert ist die Strahlenkrankheit bereits so gravierend, dass die Todesrate nach 30 Tagen bei zehn Prozent der Betroffenen liegt – nach einer kurzen Erholung („Walking-Ghost-Phase”). Bisher sind seit dem Erdbeben fünf der Arbeiter gestorben, 22 wurden verletzt, zwei zeigen Symptome der Strahlenkrankheit.

Wer sind diese Männer, die sich dieser existenziellen Gefahr aussetzen? Die Betreiberfirma Tepco verweigert alle Angaben; nicht die Namen, nicht die Funktionen, nicht die Frage, wo sie schlafen und essen. Tepco steht massiv unter Druck. Regierungschef Naoto Kan hat die Firma öffentlich aufgefordert, nicht aus dem Meiler rauszugehen, bevor er gesichert ist. „Sie müssen entschlossen sein, das zu lösen.” Das Gesundheitsministerium hat flugs den Grenzwert der zulässigen Strahlendosis von 100 auf 250 Millisievert erhöht, damit die Arbeiter nicht so schnell abgelöst werden müssen.

Auch, ob die 50 Freiwillige sind, will Tepco nicht sagen. Michael Friedlander, US-Atomkraftwerktechniker, geht davon aus. „Bei uns würden sich auch 50 finden, die das freiwillig machen würden. Man bringt erst seine Familie in Sicherheit und dann geht man wieder rein. Man hat seine Pflicht, man ist seit Jahren darauf trainiert.” Erst recht in Japan, wo Hingabe und Loyalität für einen oft lebenslangen Job noch stärker ausgeprägt sind, wo die Firma noch viel mehr Teil der Identität ist. Und wo den Kindern von klein auf beigebracht wird, dass das Individuum Opfer bringen muss für das Wohl der Gruppe. 

 

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