Der schnellste Rentner der Welt Sporteln im Alter: Ein Extremfall vor den Toren Münchens

„Eigentlich bin ich kein Vorbild“, sagt Guido Müller über sich selbst. Foto: privat/Laszlo Ertl

Guido Müller gilt als der schnellste Rentner der Welt. Wieso es dafür einen zweiten Anlauf brauchte – und was ihm heute (fast) noch wichtiger ist als Sport

 

Wenn er seine Erfolge aufzählt, klingt es fast lapidar. „Das ist die aktuelle Bilanz“, sagt Guido Müller nüchtern – und meint damit 15 Weltrekorde, die er aktuell im Seniorensport hält, 44 WM-Titel, 95 EM-Titel und 145 Deutsche Meistertitel. Der 78-jährige Leichtathlet mit den Wettkampfdisziplinen 100 Meter, 200 Meter und 400 Meter sowie den beiden Hürdenstrecken 80 Meter (60 Meter in der Halle) und 300 Meter, ist außerdem dreimaliger Senioren- Weltsportler des Jahres seit der Einführung dieser Ehrung in Monaco im Jahre 2004.

Auf der Couch bei Kaffee und Kuchen sitzen – für Müller ist das nichts. Schon mit 11 Jahren schließt er sich dem SV Salamander Kornwestheim an, dem Sportverein seines Heimatorts bei Stuttgart. Er ist kein Naturtalent: „ Ich war in der Entwicklung immer ein bisschen zurück gegenüber den anderen“, erinnert er sich. Nur auf der 300 Meter langen Laufbahn, auf der die Buben gegen Ende des Trainings um die Wette rennen, ist er von Anfang an immer der Beste. Trotzdem muss er fleißig trainieren, um sich von Jahr zu Jahr zu verbessern. Seine Erfolge seien nicht so „sprunghaft“ gewesen wie bei den Kameraden.

Das harte Training und die Treue zum Verein trotz Pubertät zahlen sich aus. Als er älter ist, kommen größere Sportfeste dazu und schließlich: Olympia. Müller soll sich für die Olympischen Sommerspiele 1964 in Tokio qualifizieren. Es ist das letzte Jahr, in dem DDR und BRD noch eine gemeinsame Mannschaft stellen müssen. Der Finallauf über 400 Meter Hürden. Guido Müller wird Fünfter. „Damit war ich gescheitert. Das war eine sehr große Enttäuschung“ – und das vorläufige Ende seiner Karriere im Leistungssport.


13. April 1947: Guido Müller bei seiner Erstkommunion.

Thematisch bleibt Müller dem Laufen im weitesten Sinne treu. Er macht eine Lehre bei der Schuhfabrik Salamander und lässt sich in verschiedenen Abteilungen ausbilden, darunter auch im italienischen Zweigwerk in der Schuhstadt Vigevano bei Mailand. Dann bekommt er die Möglichkeit, für zwei Jahre nach New York zu gehen.

Nach seiner Rückkehr heiratet er Helga, eine gebürtige Münchnerin. Nachdem sie ihr erstes Ehejahr noch in Vigevano verbracht haben, kehrt er ins Salamander-Hauptwerk nach Kornwestheim zurück. Vier Jahre später macht er sich in der Heimatstadt seiner Frau als Importeur und Vertreter für italienische Schuhe selbständig.

Heute ist Müller Ehrenmitglied bei seinem Heimatverein – das habe auch den Vorteil, dass der Mitgliedsbeitrag entfällt, sagt der Schwabe augenzwinkernd. Das Laufen lässt ihn nicht los. Und so beginnt er 1982 seine zweite Karriere als Seniorensportler beim TSV Vaterstetten.

Seine Frau, das gibt der 78-Jährige zu, musste häufig wegen des intensiven Trainings und den Meisterschaften auf ihre eigenen Interessen verzichten. „Aber sie meint, ich brauche das und unterstützt mich dabei, wofür ich ihr dankbar bin.“ Dass nicht alle Senioren auf seinem Niveau trainieren, ist klar. „Eigentlich bin ich für Senioren, die keinen Wettkampfsport ausüben, kein Vorbild. Man muss Sport altersangepasst betreiben und das ist bei mir genau das Gegenteil. Das weiß ich.“

Seit er im Ruhestand ist, engagiert sich Müller nicht nur sportlich: Er ist gläubiger Katholik, seine Frau Protestantin. Wann immer möglich, gehen sie sonntags zum Gottesdienst und beten vor dem Essen. Als Rentner hat er sich vor zehn Jahren beim Christophorus Hospiz Verein als Hospiz Helfer ausbilden lassen und besucht gegenwärtig zwei alte Damen im Altenheim St. Josef in Haidhausen. Müller ist außerdem Mitglied bei „MISSIO“, dem internationalen katholischen Missionswerk und seit circa 30 Jahren auch bei Aktionskreis Ostafrika in Traunstein, der im Kilimandscharo-Gebiet Jugendliche beruflich ausbildet und Strom- und Wasserleitungen installiert. „Es gibt sehr viel ehrenamtlich Tätige, die mehr tun als ich“ sagt er, „aber auch solche, die nur ihr eigenes Wohlergehen im Sinn haben.“


Müller 1963 beim Hürdenlauf über 400 Meter.

Im nächsten Jahr wird er 80 – und kommt dann in die Altersklasse „M 80“. Obwohl er noch immer von Weltrekorden träumt, ist er vor allem froh, dass er seinen Sport so lange ohne große Verletzungen ausüben konnte. „Ich kann auf mein bisheriges Leben mit Dankbarkeit zurückblicken“, sagt Guido Müller, „auch dem lieben Gott gegenüber.“


Auch für Anfänger: Beim BKK Mobil Oil-Lauftreff macht man gemeinsam Sport und bekommt Tipps von Profis. Dienstags und donnerstags, 19 Uhr, Treffpunkt: HVB Club (Am Eisbach 5); keine Anmeldung notwendig.

 

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