Der Flaneur Wie ich einmal Wilhelm Tell wurde

Der Flaneur Foto: AZ

Der Wiesnbesuch wird von den Intellektuellen gehörig unterschätzt

 

Noch weiss man nichts Genaues, es gibt nur erste Hochrechnungen und vorsichtige Einschätzungen von Experten. Erst wenn am Sonntagabend das Oktoberfest zu Ende ist, schlägt die Stunde der Statistiker und Wiesnanalytiker, und wir werden erfahren, wieviele Millionen Mass Bier mehr oder weniger als in den Vorjahren getrunken wurden, wieviele Bierleichen gezählt wurden, wie oft der Notarzt anrücken musste, wieviele Prügeleien es gab, und wieviele Geldbeutel gestohlen, verloren oder gefunden wurden. Im vorigen Jahr habe ich den Wiesnbesuch geschwänzt.

Es gab eine Zeit, da wäre diese Beichte nur mit einem Schulterzucken beantwortet worden. Längst ist die Wiesn an dem Ort angekommen, den man als "Mitte der Gesellschaft" bezeichnet. Immer mehr Frauen rüsten sich mit Dirndln, immer mehr Männer mit Hirschlederhosen aus, immer mehr Prominente drängen in die Festzelte. Nicht auf die Wiesn zu gehen, gilt als eine Art Landesverrat, zumindest als ein Verrat der guten Landessitten. Immer mehr Prominente, die auf sich halten, stellen sich dem Ritual und lassen sich mit fröhlich erröteten Gesichtern zwischen prominenten Artgenossen fotografieren.

Da ich keine Lust hatte, endgültig für einen elitären Schnösel, einen engstirnigen Traditionsverächter, einen arroganten Volksvergnügungsverweigerer gehalten zu werden, stürzte ich mich ins Getümmel, um die Stimmung am eigenen Leib zu erkunden und meine Haltung zum grössten Volksfest der Welt zu überprüfen. Zum Glück wird man auch ohne ein Trachtenteil am Leib noch in die Bierzelte gelassen und darf nach einem freien Platz suchen. Schon bei der zweiten Mass sehnte sich mein Magen nach einer Grundlage. Neben mir ein junges Elternpaar, das seinen zwei Kindern Brathendl mit grüner Ökozertifikatschleife bestellt hatte. Vater und Mutter lösten das Biofleisch sorgfältig von den Knochen, aber der mäkelige Nachwuchs rührte nichts an. Schade drum.

Die Eltern deuteten meinen Blick richtig, überliessen mir die fein säuberlich präparierte Kost und leisteten damit einen entscheidenden Beitrag zum Abbau meiner Wiesn-skepsis. In einem Wirtshaus wird man eher nicht vom Teller anderer Gäste essen. Nach der dritten Mass konnte ich noch gerade gehen, bemerkte aber eine gewisse Enthemmung daran, dass ich ungeniert einen Armbrustschiessstand ansteuerte. Im nüchternen Zustand lehne ich jeglichen Gebrauch von Waffen ab, auch von mittelalterlichen. Jetzt fand ich Gefallen daran, mit jenem mörderischen Gerät, das Wilhelm Tell so gut beherrschte, auf eine Scheibe zu zielen und zu treffen.

 

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