Der Flaneur Was von der Lippe übrigblieb

Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". Foto: dpa

Der Flaneur sinniert darüber, dass der offene Mund aus der Mode gekommen ist.

 

Schmallippigkeit gilt als typisches Merkmal der Intellektuellen. Wer als gefühlloser, asketischer, mit Vorsicht zu genießender, heimtückischer Geistesmensch geschmäht werden soll, wird gern als schmallippig bezeichnet, egal, wie dick oder keck die Lippen des Betreffenden in Wirklichkeit sind. Das Adjektiv ist billig, aber bildhaft und wird meist unbesehen und unüberlegt angehängt. Auch Unternehmer, die sich zieren, die Löhne der Arbeiter zu erhöhen, werden von vollmundigen Gewerkschaftsführern als schmallippig bezeichnet, um kapitalistische Knauserigkeit zu unterstreichen.

Nach meinen Beobachtungen ist die Schmallippigkeit seit einiger Zeit auf einen weiteren Personenkreis übergegangen: auf die Jogger und Schnellradler. Die liefen und fuhren bislang mit einem Mund durch die Gegend, der zum Schnaufen und Keuchen geöffnet war. Manchmal schnappten sie so erbärmlich nach Luft, dass man Angst haben musste. Was macht man, wenn einem so einer vor die Füße fällt? Neuerdings aber pressen diese Freizeitsportler die Lippen fest aufeinander, wie um aller Welt zu zeigen, dass bei ihrer Top-Kondition heftiges Atmen gar nicht mehr nötig sei. Vielleicht ein Tipp ihrer Fitnesszeitschriften: um nicht mehr so bedauernswert überanstrengt auszusehen.

Wirkt aber leider verbissen. Von den modernen Olympiastars ist man mittlerweile gewöhnt, dass sportliche Leistung mit ein paar Faxen und einem Lachen auf den Lippen er- bracht wird und nicht mit einem todernst verschlossenen Intellektuellen- oder Unternehmerantlitz.

Am schlimmsten sind sie Krampf- und Kampfradler. Sie fahren auch bei Tag mit blendendem Licht, damit man ihnen rechtzeitig ausweichen kann. Kein Polizist hält sie an und kontrolliert sie, die Verkehrssicherheit dieser Räder ist unübersehbar. Man könnte mit ihnen durch die Gebirge des Mars fahren. Und wie vom Mars sehen ihre bebrillten und designbehelmten Fahrer aus. Was war dagegen Neil Armstrong für ein gemütlich tapsiger Mann im Mond, verglichen mit diesen fanatischen Marsmountainbikern, die alle wie geklonte Lance Armstrongs aussehen.

Arme Studentinnen zahlen Strafe, weil am Rostrad das Rücklicht nicht geht, angesäuselte Radler auf nächtlichen Gehwegen bekommen es mit der Staatsanwaltschaft zu tun. Die nüchternen Schmallippenmonster aber haben keine Sperre zu fürchten. Sie sollten vor ihrer Fahrt zwei Maß Bier trinken müssen, um schwere Beine zu bekommen und weniger ekstatisch durch die Gegend zu fahren, langsamer, und vielleicht sogar lächelnd.

 

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