Haidhauser Widerstand gegen die zweite Stammstrecke Abgesagt! Eklat auf der Bürgerversammlung

, aktualisiert am 22.02.2017 - 23:28 Uhr
Hundert Haidhausener demonstrierten am Mitwochabend vor dem Hofbräukeller gegen die zweite Stammstrecke. Foto: Sigi Müller

Debatte um die Zweite Stammstrecke mit Minister Herrmann: Weil der Hofbräukeller zu klein ist, platzt die Versammlung – Demo von 100 Haidhausern gegen das Großprojekt.

 

Sollte die große Politik gemeint haben, dass mit ihrer Entscheidung für die zweite Stammstrecke der Protest in Haidhausen verstummt, hat sie sich getäuscht.

Laut und wütend ging es gestern Abend bei einer Demo am Wiener Platz in Haidhausen zu. Und die anschließende Bürgerversammlung im Hofbräukeller mit Innenminister Joachim Herrmann platzte, weil der Festsaal für den riesigen Ansturm viel zu klein war.

Mit Trillerpfeifen und Plakaten demonstrierten zunächst mehr als 100 Bürger auf dem Wiener Platz gegen den Bau. Anschließend sollte im Hofbräukeller eine Bürgerversammlung zum Thema mit Innenminister Joachim Herrmann stattfinden. Bis zu 400 Plätze fasst der Saal, doch als sämtliche Stühle besetzt waren, standen in den Gängen und vor den Türen immer noch etwa 150 Menschen – chaotische Zustände.

Info

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Braucht München eine zweite Stammstrecke?
Die Strecke durch die Innenstadt ist chronisch überlastet. Dort bündeln sich alle S-Bahnlinien. Deshalb limitiert die knapp elf Kilometer lange Trasse zwischen Pasing im Westen und dem Ostbahnhof den Takt - und der ist angesichts des stetigen Bevölkerungszuwachses in der Landeshauptstadt längst an der Kapazitätsgrenze. Derzeit werden dort rund 840.000 Fahrgäste pro Tag befördert. Dabei war die Strecke beim Bau vor den Olympischen Spielen 1972 in München auf rund 250.000 Passagiere ausgelegt. Derzeit fahren 30 Züge pro Stunde und Richtung. Mit der zweiten Röhre sollen perspektivisch bis zu 54 Zugfahrten möglich sein. Legt bisher eine Störung im Tunnel oft den S-Bahnverkehr in der Innenstadt lahm, soll der zweite Tunnel einen Bypass bieten und den Verkehrsfluss sichern.

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Was wird genau gebaut - und wie ist der Zeitplan?
Zwischen den Bahnhöfen Laim im Westen und Leuchtenbergring im Osten soll die rund zehn Kilometer lange zweite Stammstrecke entstehen. Kernstück ist ein sieben Kilometer langer Tunnel zwischen Haupt- und Ostbahnhof. Der erste Spatenstich ist für den 5. April 2017 geplant. Die ersten Züge sollen voraussichtlich im Dezember 2026 rollen.

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Was kostet das Bauprojekt?
Einschließlich eines Risikopuffers von rund 670 Millionen Euro soll das Mammutprojekt rund 3,85 Milliarden Euro kosten. Ohne die Risiken, etwa durch Lohnsteigerungen bei den Baufirmen oder teureres Material, liegen die voraussichtlichen Kosten laut bayerischem Verkehrsministerium bei knapp 3,18 Milliarden Euro. Zum Vergleich: 2012 ging der damals von allen Beteiligten beschlossene Kostenplan noch von 2,05 Milliarden Euro aus.

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Wer zahlt?
Darüber gab es ein jahrelanges Hick-Hack. Inzwischen ist entschieden: Gut 1,55 Milliarden Euro werden von der Bundesregierung übernommen, der Freistaat stemmt rund 1,29 Milliarden Euro, die Stadt rund 160 Millionen Euro. Die Bahn beteiligt sich mit circa 180 Millionen Euro.

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Kann der Bau beginnen, obwohl über Klagen von Anwohnern gegen das Projekt noch nicht entschieden wurde?
Tatsächlich sind am Verwaltungsgericht München noch Klagen gegen den Bauplan anhängig. Zumindest Bayerns Verkehrsminister Joachim Herrmann (CSU) rechnet aber nicht mit juristischen Problemen: "Wir sehen ohnehin keinen Anlass für große Bürgerproteste", sagte er im Oktober.

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Gibt es außer den Anwohnern Gegner des Projekts?
Die Grünen im Landtag etwa lehnen den zweiten Tunnel ab. Es sei nicht ausreichend, eine zweite Stammstrecke zu bauen, um dann festzustellen, dass auf den Außenstrecken trotzdem nicht mehr Züge fahren könnten. Sie favorisieren deshalb einen Ausbau des Südrings als neue Stammstrecke. Damit wäre bis 2030 ein Zehn-Minuten-Takt im Münchner S-Bahn-Verkehr sowie die Verdopplung der Fahrgastzahlen auf mehr als 1,5 Millionen am Tag möglich.

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Versammlung vertagt

Als die Türen geschlossen wurden, riefen Bürger drinnen und draußen "Absagen!". Andere, die zuvor auf dem Wiener Platz demonstriert hatten, hielten ihre Schilder hoch. Als Joachim Herrmann die Bühne betrat, wurde er erst einmal ausgebuht und ausgepfiffen.

"Ich habe gemerkt, dass es noch sehr viele Vorbehalte gibt, und möchte mit Ihnen diskutieren – heute oder an einem anderen Abend", sagte der Innenminister. Joachim Herrmann ließ die Anwesenden im Saal abstimmen: Solle man die Versammlung trotzdem durchführen – oder lieber vertagen und einen größeren Saal suchen?

Die Mehrheit der Bürger war für Vertagen. Ingeborg Michelfeit von der Bürgerinitiative gegen die Stammstrecke missfiel die Entscheidung: "Ich finde, man hätte die Versammlung durchführen sollen und eine zweite in einem größeren Saal – etwa im Landtag."

Joachim Herrmann und Manuel Pretzl (beide CSU) – letzterer sollte die Veranstaltung moderieren – waren sich einig: Nächstes Mal solle auch OB Dieter Reiter bei der Bürgerversammlung dabei sein.

 
 

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