Das Operndebüt des Heimatfilmers Marcus H. Rosenmüller im Cuvilliéstheater Rossinis "Le Comte Ory" mit dem Opernstudio der Bayerischen Staatsoper

Rachael Wilson (Ragonde), Elsa Benoit (Comtesse Adéle) und der Extrachor der Bayerischen Staatsoper in einer Sturmszene. Foto: Robert Braunmüller / TV/Medien

Superb gesungen, nett inszeniert: Rossinis "Le Comte Ory" mit dem Opernstudio der Bayerischen Staatsoper im Cuvilliéstheater

Zum Schlussapplaus stürzte gleich ein Fernsehteam nach vorn. Und jede Zeitung im weiteren und näheren bayerischen Umfeld hatte einen Vertreter entsandt. Alles, was der Erfinder des neuen Heimatfilms und Regisseur des Nockherberg-Singspiels macht, erregt naturgemäß höchste Aufmerksamkeit. Aber Marcus H. Rosenmüllers solid-lustige Inszenierung von „Le Comte Ory“ war trotzdem nicht das Ereignis des Premierenabends im Cuvilliéstheater.

Von der Ritterburg auf eine leicht trashige Bowlingbahn

Das waren die jungen Sänger des Opernstudios. Rossini hat seine 1828 uraufgeführte Komödie für Sänger wie Adolphe Nourrit oder Nicolas-Prosper Levasseur komponiert: Stars der Pariser Opéra, die in den Uraufführungen der Meisterwerke Halévys oder Meyerbeers strahlten und deren Namen historisch informierte Connaisseure noch heute mit der Zunge schnalzen lassen. Der Nachwuchs der Bayerischen Staatsoper singt diese sehr anspruchsvolle Musik mit höchster Perfektion. Die darf man schon mal atemberaubend nennen, ohne der Übertreibung und Abnutzung von Superlativen verdächtigt zu werden.

Da ist beispielsweise die fulminante Mezzosopranistin Marzia Marzo. Sie sang die Hosenrolle des Isolier, den Lehrling des Wüstlings Ory: mit Anmut, aber auch dramatischem Potenzial.

Für die schwierige Titelrolle braucht man eine stratosphärische Höhe, Leichtigkeit und Heldenmut: Alle drei Eigenschaften trafen bei Matthew Grills zusammen. Die zu verführende, zwischen Lust und Melancholie schwankende Gräfin Adéle war bei Elsa Benoit bestens aufgehoben.

Rachael Wilson (Radegonde) hätte den Isolier gewiss genauso gut hingelegt wie ihre Kollegin Marzo. Die Bässe John Carpenter (Raimbaud) und Leonard Bernard (Gouverneur) vereinten sonore Tiefe mit erstaunlicher Beweglichkeit.

Der Extrachor singschauspielerte mindestens so gut wie die Kernformation der Staatsoper. Oksana Lyniv, die charmante Assistentin des Generalmusikdirektors Kirill Petrenko, begleitete rhythmisch straff und ausgesprochen plastisch. Dass das Staatsorchester manchmal laut wurde und das Pezzo concertato im Finale des ersten Akts mehr Gelassenheit vertragen hätte, war mehr der direkten Akustik des Raums als ihrer mangelnden Kontrolle zuzuschreiben. Aber die Dirigentin hat viel Theatersinn: Ihre künftigen Auftritte dürfen mit höchster Aufmerksamkeit erwartet werden.

Nicht alles war neu

Der Operndebütant Marcus H. Rosenmüller bediente sich eines bewährten Kunstgriffs: Er verlegte die Geschichte aus der grauen Vorzeit der Kreuzzüge in die leicht trashige Gegenwart. Die Ritterburg war eine schrapplige Bowlingbahn (Bühne: Doerte Komnick).

Und Ory, der den in der Heimat erotisch darbenden Ritterfräulein in der Kutte eines wundertätigen Eremiten nachstellt, wandelte als Rockstar durch die Welt. Und die heimkehrenden Kreuzzügler erwiesen sich zuletzt als siegreiche Sportmannschaft.

Es war nicht alles neu, was da zu sehen war. Aber bei Komödien sind erwartbare Scherze nicht verboten: etwa wenn Ory mit jedem Spitzenton seiner Auftrittsarie einen alle Gebrechen heilenden Orgasmus auslöst.

Im zweiten Akt gab’s zu Raimbauds Ballade ein nettes Schattenspiel. Literarisch Gebildete konnten eine Anspielung auf das Märchen von den drei Brüdern im siebten Band von „Harry Potter“ entdecken. Schlichtere Gemüter erfreuten sich an Nonnenkostümen in Bowlingkegelform und gewagt unvorteilhaften Leggings unter schiefen Hängekleidchen (Kostüme: Sophia Dreyer).

Rosenmüller hat ein Talent für Komik – auch in der Oper

Manches in dieser Oper wie der flotte Dreier des Finalterzetts war wohl für Rossinis Zeitgenossen frivol, die Verkleidung der männlichen Schlemmer und Sybariten als Nonnen gar provozierend frech.

Aber nichts ist älter wie die Erotik von gestern. Da hätte Rosenmüller das Geschehen ruhig mehr albern überdrehen dürfen. Aber Talent für Bühnen-Komik hat er. Mehr als andere Filmgrößen. Für’s erste Mal war’s nicht schlecht, wenn auch etwas brav. Und so wird diese Opernregie gewiss nicht seine letzte gewesen sein.

Cuvilliestheater, 17. und 19. 4. (ausverkauft), 18. und 21. 6., Restkarten unter Telefon 2185 1920

 

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