Das Geburtshaus von Gunter Sachs verfällt Ein Schloss wird zur Ruine

"Ich gebe die Hoffnung nicht auf: Schonungens Bürgermeister Stefan Rottmann (SPD) vor Schloss Mainberg. Foto: Annette Zoch

Seine Geschichte ist speziell: Es war das Geburtshaus von Gunter Sachs. Sein Verfall ist – leider – typisch 

SCHONUNGEN Der große Wasserfleck ist schon von der Bundesstraße aus zu sehen. Er wird wöchentlich größer, breitet sich über die ganze Fassade aus. In der Dachrinne wachsen kleine Sträucher. Ein Teil der Mauer ist schon eingestürzt. Windschiefe Bauzäune halten Spaziergänger ab.

„Das kann uns morgen zusammenstürzen“, sagt Stefan Rottmann. Der Bürgermeister der unterfränkischen Gemeinde Schonungen steht im Schneetreiben vor Schloss Mainberg und blickt besorgt in Richtung Vorburg. „Die ist akut gefährdet. Manche sagen sogar, sie sei nicht mehr zu retten. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.“ Es gibt viele solcher Geschichten in Deutschland: ein Baudenkmal in Privatbesitz, irgendwann wird der Unterhalt zu teuer, die Gemeinde ist klamm, keiner kann helfen, also verfällt das Gemäuer langsam, aber sicher.

Doch die Geschichte von Schloss Mainberg ist eine besondere, das Schloss ist ein besonderes: Es ist das Geburtshaus des Fotografen und Künstlers Gunter Sachs. Des umschwärmten Playboys, der sich 2011 aus Verzweiflung über eine mögliche Alzheimer-Krankheit das Leben genommen hat. Er hat in diesem Schloss seine ersten Schritte getan. Hier hat er seine ersten Worte gesprochen, ist durch die Flure gekrabbelt, hat mit seinem Bruder Ernst Wilhelm im Burghof gespielt. Sein Großvater Ernst Sachs, der Erfinder der freilaufenden Fahrradnabe, kauft das traditionsreiche Schloss aus dem 15. Jahrhundert im Jahr 1915, als repräsentativen Familiensitz für seine Industriellen-Dynastie.

Sein Sohn, Gunters Vater Willy, hat im ersten Stock des Südflügels seine Junggesellenwohnung. 1925 heiratet Willy Sachs die Industriellentochter Elinor von Opel aus der gleichnamigen Autobauer-Familie. Extra für die junge Familie gestaltet der Münchner Architekt Franz Rank, der in Sendling den Lindwurmhof baute oder das Krankenhaus Dritter Orden in Nymphenburg, die Wohnung um. Richtet ein Biedermeierzimmer ein, ein neubarockes Frühstückszimmer, ein mit rotem Damast bespanntes Empfangszimmer.

In diesen Räumen erblickt Gunter Sachs 1932 das Licht der Welt. Sein Zuhause ist es nur kurz: 1935 reicht Elinor von Opel die Scheidung ein – sie hat genug von den Nazi-Kontakten ihres Mannes, der Freundschaften zu Hermann Göring und Heinrich Himmler pflegt und sie im Schloss empfängt. Sie flieht mit ihren Söhnen in die Schweiz. Später wird Sohn Gunter als Vize-Aufsichtsratschef der Firma Sachs immer wieder nach Unterfranken zurückkehren, bis er Mitte der 80er aus dem Gremium ausscheidet.

Im Lucrezienzimmer siedelt ein holzfressender Pilz

Und das Schloss? Es wechselt nach dem Selbstmord von Gunters Vater Willy 1958 mehrmals den Besitzer. Mittlerweile gehört es Unternehmerin Renate Ludwig, die dort Hochzeiten, Tagungen und Weinfeste ausrichtet. Eine scheinbar rosige Zukunft für das 500 Jahre alte Schloss. Bis zur Hiobsbotschaft 2011: Das Landratsamt Schweinfurt lässt das Schloss schließen. Wichtige Brandschutzvorrichtungen müssen nachgerüstet werden, für 300000 Euro. „So viel Geld habe ich nicht“, sagt Renate Ludwig (64). „Und weil das Schloss zu ist, verdiene ich auch kein Geld mehr damit. Wie soll ich das bezahlen?“

Also ist das Schloss seit Dezember 2011 unbenutzt. Kaum beheizt. Und der Zahn der Zeit nagt. Das Dach ist teilweise undicht, Wasser dringt ein. Im einst prachtvollen Herrenzimmer tropft es aus den Glühbirnen. Ein riesiger Riss zieht sich quer über die Fassade und über Fensterbänke aus Marmor. Im so genannten Lucretienzimmer hat sich der echte Hausschwamm angesiedelt, ein holzfressender Pilz. Im Knappenzimmer schimmelt die Decke. Regenwasser wellt die Tapeten.

„Wir müssen dem Verfall hilflos zusehen“, sagt SPD-Politiker Stefan Rottmann. Und Renate Ludwig meint ganz sachlich: „Noch einen Winter überlebt das Schloss nicht. Dann haben wir eine Ruine.“ Ein Problem sind auch die Luftschutztunnel aus dem Zweiten Weltkrieg. Rottmann: „Der ganze Berg ist durchlöchert.“ Nach dem Krieg wurden die Bunker behelfsmäßig mit Sand zugeschüttet – und jetzt gerät das Material ins Rutschen.

Die Lage scheint aussichtslos. Käufer finden sich nicht. Die Gemeinde ist klamm. Bleibt der Freistaat. Rottmann: „Die Schlösser- und Seenverwaltung müsste sich des Gebäudes annehmen.“ Gestern war Schloss Mainberg Thema im Landesdenkmalrat im Landtag. Der Vorsitzende Thomas Goppel: „Wir wollen vom Landesamt für Denkmalpflege eine Aufstellung über nötige Reparaturen.“ Diese Voruntersuchung wird vom Landesamt finanziert. Innenstaatssekretär Gerhard Eck (CSU) rechnet mit Kosten von rund 150000 Euro. Ziel der Voruntersuchung sei ausdrücklich herauszufinden, „ob es in geeigneter Weise eine Nachverwendung für das Schloss gibt“, sagt Goppel.

Rottmann und die Schonunger sammeln derweil weiter Unterschriften. Sie hoffen auch auf prominente Unterzeichner – die Söhne von Gunter Sachs.

 

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