Das Drama auf dem Rindermarkt Hungerstreik: Die Situation eskaliert

Das Camp der Flüchtlinge auf dem Rindermarkt: Die 49 Demonstranten hungern seit einer Woche. Seit Dienstag nehmen sie auch keine Flüssigkeit mehr zu sich. Foto: Daniel von Loeper

Die Hungerstreikenden sind in Lebensgefahr. Mindestens einer musste reanimiert werden. Auch Kinder sind betroffen. Und ringsherum streiten, gaffen und essen Passanten und Schaulustige.

München - Die Frau im braunen Rock beißt gedankenverloren in eine üppige Wurstsemmel und studiert den „Offenen Brief an Angela Merkel und Andreas Voßkuhle“, der am Absperrband um das Lager der hungerstreikenden Flüchtlinge auf dem Rindermarkt baumelt. Sie drohen mit Selbstmord, sollte die Bundesregierung ihre Forderungen nicht erfüllen.

Doch die Wurstsemmel-Frau nimmt die Menschen hinter dem rot-weißen Band gar nicht wahr: 49 Asylsuchende, die seit Samstag keine Nahrung und seit Dienstag auch keine Flüssigkeit mehr zu sich genommen haben. Menschen mit eingefallenen Gesichtern und glasigen Augen, die auf Euro-Paletten in ihren Schlafsäcken kauern. Darunter eine Afghanin mit verbundenen Händen, in denen Krankenhaus-Kanülen stecken. Wie mindestens 18 andere ist sie kollabiert, hat in der Klinik Infusionen bekommen und ist zurückgekehrt, die blauen Hygiene-Überschuhe noch an den Füßen.

Ein dunkelhäutiger Mann hält ein Kind in den Armen. Die Kleine ist 16 Monate alt, ihre Mutter ist hoch schwanger – und hat ebenfalls mehrere Tage gehungert. Einen Bub und ein Mädchen (8 und 9) hat die Stadt vorübergehend aus dem Camp geholt.

Auf der anderen Seite des Flatterbands wird es laut. „Was wollen die denn alle bei uns?“, keift eine Frau mit weiß-blauem Halstuch. Ein Jankerträger schimpft auf die „Kongregation der Gutmenschen“ und meint die Unterstützer der Streikenden. Viele Studenten sind darunter, in schwarzen Klamotten, mit Dreadlocks und bunten Tüchern. Einige Schüler schwänzen „für die gute Sache“. „Würde Deutschland keine Waffen in die Länder dieser Menschen liefern, mit denen dort Kriege geführt werden, müssten sie auch nicht fliehen“, argumentiert jemand. Eine Frau im Ringelshirt sagt: „Deutschland beutet andere Länder aus, um seine Export-Märkte zu stärken. Jetzt sollten wir den Flüchtlingen etwas von diesen Milliarden abgeben und ihnen das Leben erträglich machen.“

Ein älterer Herr mit Stock geht auf einen jungen Blondschopf los. Der hat ihn mit den Worten „Das ist kein Menschenzoo“ vom Absperrband weggezogen. Polizisten trennen die Streithähne. Abseits des Pulks blickt eine Dame mit Tränen in den Augen auf die Zelte der Demonstranten. „Ich war selbst im Lager“, sagt sie leise. „Ich kann diesen Anblick nicht ertragen. Die armen Menschen.“

In der Nacht zum Freitag hätten zwei dieser Menschen wiederbelebt werden müssen, sagt ihr Sprecher Ashkan Khorasani. Eine Reanimation haben die Behörden bestätigt.

Die Situation eskaliert zunehmend: Etwa zwölf Streikende lehnen jetzt jegliche ärztliche Behandlung ab. Sie sind bereit zu sterben. „Die Verantwortung für ihr Leben liegt auf den Schultern der Regierung“, sagt Korashani. „Entweder unsere Forderungen werden erfüllt, oder es gibt Holger Meins und Bobby Sandes auf den Straßen von München.“ Der RAF-Terrorist(†1974) und das IRA-Mitglied (†1981) hungerten sich zu Tode.

Vor der Absperrung läuft Alexander Thal vom Flüchtlingsrat nervös auf uns ab. „Ich bin extrem besorgt“, sagt er.

Vor dem „Offenen Brief“ steht jetzt ein Anzugträger. Er liest, sieht hinüber zu den Flüchtlingen – und beißt in seine Leberkässemmel.

 

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