Das 34. Dok.fest München 2019 Für das Echte gibt es keinen Ersatz

Mit „The Whale and the Raven“ eröffnet am Mittwoch, 8. Mai, das Internationale Dokumentarfilmfestival München: Es ist die Geschichte der verbliebenen Einwohner der First-Nation-Siedlung an der rauhen Westküste Kanadas und ihrer Beziehung zur Natur. Foto: Dok.fest

Was erwartet uns beim 34. Dok.fest München ab 8. Mai 2019? Der Leiter Daniel Sponsel über Wahrheit, Spaß, Ernst und hochkarätige Unterhaltung

 

Aus über tausend eingereichten und gesichteten Filmen hat das Dok.fest-München-Team 159 Filme destilliert. „Die Welt ist in Bewegung“, sagt Festivalleiter Daniel Sponsel und betont, dass das eine Binsenweisheit ist. Aber es ist nun mal das, was viele der Filme einfangen.

AZ: Herr Sponsel, ein hohes UN-Mitglied hat gesagt: „Die Welt befindet sich in einem Stresstest“. Zeigen das die aktuellen Dokumentarfilme?
DANIEL SPONSEL: Das Bild stimmt nicht, denn „Stresstest“ heißt, ich simuliere eine Belastung, um Stabilität zu testen. Aber der aktuelle „Stress“ ist kein Test, sondern Wirklichkeit. Und das zeigen viele Filme. Aber das heißt nicht, dass das alles niederschmetternd ist. Unser Programm ist spannendes Kino, das bei aller Tiefe auch amüsant sein kann.

Das Dok.fest gilt mittlerweile als das größte seiner Art in Deutschland.
Größe ist aber kein Selbstzweck. Es geht um Tiefe, Breitenwirkung. Aber ja, das kann, ja muss man so sehen: Wir steuern auf die 50 000 Besucher zu, zeigen 159 Dokumentarfilme und davon sind zwei Drittel zum ersten Mal in Deutschland zu sehen. Wir sind das zuschauerstärkste Dokumentarfilmfestival in Deutschland.

Um sich so entwickeln zu können, braucht man Geld.
Und wir haben von Stadt und Staat auch mehr Förderung bekommen. Aber man merkt, dass die gesamte Medienbranche durch die Digitalisierung im Umbruch ist. Wir haben dadurch Pay-TV-Sender als Sponsoren verloren, weil das gesamte Fernsehen durch die Streaming-Möglichkeiten in Bedrängnis kommt. Tatsächlich ist unser Budget im Vergleich zu ähnlich großen Festivals immer noch niedrig. Das müssen wir Jahr für Jahr durch außergewöhnliches Engagement des Teams ausgleichen.

In Zeiten von „Fake News“ stellt sich auch für Dokumentarfilme die Frage: Ist das, was ich sehe echt oder inszeniert?
Das Entscheidende ist, dass ein Film sich offen hinterfragen lässt. Wir zeigen zum Beispiel am ersten Festivalsamstag „Another Reality“ über Clans in Berlin und Köln. Da kommen echte Poser vor, die auch die Kamera als Bühne zur Selbstinszenierung nutzen. Aber das macht den Film ja noch nicht zu einem Spielfilm, vor allem, weil der Zuschauer ja offen gezeigt bekommt, wie die Jungs sich da produzieren. Und bei einem Film über den Bundeswehroffizier, der zur Offizierin wird, gleich am Freitag, sieht man zwar eine Frau, die sich ihrer Schritte vor der Kamera sehr bewusst ist, aber sie erscheint in jedem Augenblick als sie selbst: „I Am Anastasia“! Das Gegenteil kann man dann im Film am Sonntag sehen: „Die Rote Linie“ über den Widerstand im Hambacher Forst gegen die Rodungen vom Energieriesen RWE. Da kommen Leute vor, die keine Medienerfahrung haben und deshalb auch mal schüchtern sind. Beide Filme sind aber sehr authentisch. Und wir achten darauf, dass wir keine Filme zeigen, wo die Wirklichkeit hingebogen oder inszeniert ist, es einen zu kreativen Umgang damit gibt.

Was gesellschaftlich in der Luft liegt, spiegelt sich oft filmisch am schnellsten in Dokumentarfilmen. Die Migration scheint aber nicht mehr so im Fokus.
Das würde ich gar nicht so sagen, aber der Blick hat sich gewandelt: etwas weg von der Flucht, weil da bei Machern und Zuschauer eine Erschöpfung eingetreten ist. Aber jetzt geht es eben einen Schritt weiter, mehr hin zur Frage, woher und vor allem aus welchen Lebenssituationen kommen die Migranten? Eines unserer Plakatmotive mit dem jungen Mann mit Kopfhörer stammt aus dem Film „Hamada“ und zeigt eine Gruppe in einem Flüchtlingslager, weil ihre Familien vor vierzig Jahren vom Staat Marokko aus der Westsahara vertrieben wurden. Der Film macht auch Spaß, aber für diese jungen Menschen gibt es einfach keine Perspektive. Und viele Filme schauen jetzt auch genauer auf uns selbst – wie im Falle des erwähnten „Another Reality“ über die Clans. Da stellt sich auch die Frage, welchen Anteil unsere Gesellschaft an geglückter oder verhinderter Integration hat.

Das Dok.fest macht auch eine große Diskussionsveranstaltung zu den Umwälzungen in der Branche durch Digitalisierung. Es gibt den Spruch: „Kino – Dafür werden Filme gemacht!“ Gilt das noch?
Klar, aber lange nicht für alle. Aber wir haben genügend Filme fürs Kino. Der Gang ins Kino, die große Leinwand, der intensive Sound dort: Das ist ja ein Quantensprung zu jedem Streaming-Erlebnis zu Hause, selbst wenn ich mir ein Homekino gebaut habe. Und im Vergleich zu Filmen auf dem Tablet oder Flachbildschirmen bleibt Kino ein unvergleichliches Erlebnis.

Steigt damit auch der technische Anspruch an Dokumentarfilme im Kino?
Ganz klar: Wir zeigen ja in einer Retrospektive den Film „Crazy“ über Kriegserlebnisse von niederländischen UN-Soldaten im Jugoslawienkrieg von 1992 von Heddy Honigman. Da sieht man ja den Unterschied zu vor 27 Jahren, wo auf High8-Video-Material gedreht wurde. Heute drehen Filmemacher einen Dokumentarfilm in der gleichen digitalen Qualität wie ein Hollywoodfilm. Und wenn der Vorhang vor der Leinwand aufgeht, steht da ein auch ästhetisch und technisch perfektes, faszinierendes Werk da! Die Klassengesellschaft – da der mit spärlichen finanziellen und technische Mitteln hingezauberte Dokumentarfilm und dort der perfekt ausgestattete, hochtechnisch gedrehte Spielfilm: Dieser Unterschied ist heute weg.

Dok.Fest VOM 8. – 19. Mai .Vorverkauf, Karten, Kinos, Preise

KARTEN: Online: www.dokfest-muenchen.de Telefon: Münchenticket, Tel.: 54 81 81 81 Kaufen: Festivalzentrum in der Hochschule für Fernsehen und Film (Gabelsbergerstraße/Bernd Eichiger Platz), Filmmuseum (Jakobsplatz), City Kinos (Sonnenstr. 12), Deutsches Theater (Schwanthalerstraße 13)
PREISE: Einzelkarte: 9,50 Euro, im Deutschen Theater: 10,90 Euro, morgens und mittags: 7,50 Euro, 5er-Ticket: 35 Euro, Festivalpass: 80 Euro, ermäßigt: 40 Euro Hauptorte /
KINOS: City / Atelier (Sonnenstraße 12), Deutsches Theater (Schwanthalerstr. 13), Filmmuseum (Jakobsplatz), Hochschule für Fernsehen und Film (Bernd-Eichingr-Platz), Gasteig (Carl-Amery-Saal), Neues Maxim (Landshuter Alle 33), Rio Filmpalast (Rosenheimer Str. 46)

 

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