Dachau-Prozess Eklat im Gerichtssaal

Anwalt Maximilian Kaiser verlässt am Dienstag den Gerichtssaal. Foto: dpa

Der Anwalt von Rudolf U. verlässt nach einem Wortgefecht den Gerichtssaal und droht, sein Mandat ruhen zu lassen

 

München - Der mutmaßliche Mörder Rudolf U. (55), der im Amtsgericht Dachau den Staatsanwalt Tilman T. (†31) erschossen hat, zeigt wieder richtig Appetit: In einer kleinen Pause verspeist der beidseits beinamputierte Angeklagte im Schwurgerichtsaal in seinem Krankenbett eine Salami-Käse-Semmel für 1,30 Euro, eine Braten-Semmel für 2,05 Euro und eine Flasche Wasser für einen Euro. Um gleich klarzustellen, dass nicht der Steuerzahler für den Snack aufkommen muss, sagt Pflichtverteidiger Wilfried Eysell: „Das zahle ich aus meiner eigenen Tasche.“

Es ist nicht die einzige Skurrilität des dritten Prozesstages. Zum Auftakt staunte man noch über die bizarren Essgewohnheit des Angeklagte, der sich im Knast nur von Chips und Schokolade ernährt. Dann das bemerkenswert reuelose Geständnis. Und nun hat es wieder Zoff gegeben. Zwischen Maximilian Kaiser, dem Anwalt von U., und Martin Rieder, dem Vorsitzenden Richter, entwickelt sich ein bizarrer Streit. Der Anlass: Kaiser hat sich vergeblich bemüht, neben Eysell als zweiter Pflichtverteidiger vom Gericht bestellt zu werden. Als Wahlverteidiger sieht er nämlich keinen Cent vom mittellosen Angeklagten. „Das kann ich mir nicht leisten“, sagt Kaiser – und erklärt vor Gericht: „Ich möchte mein Mandat ruhen lassen.“

Darauf Richter Rieder: „Es gibt nicht den Begriff ,ruhen lassen’. Entweder sind Sie da oder nicht.“ Kaiser lässt durchblicken, dass er solche Bemerkungen für kleinkariert hält – und kommt mit der nächsten Forderung: „Aufgabe des Gerichts ist es, die Motivlage zu durchforschen.“ Er will, dass im Mordprozess die juristischen Altlasten des Angeklagten aufgearbeitet werden: 35 alte Prozess-Akten. Verfahren, die U. vor der Tat verloren hat. Kaiser: „So wird die Motivlage meines Mandanten klar.“ Rieder: „Wir werden die Fälle selbstverständlich anschauen – aber nicht im Prozess ausführlich einführen.“

Kaiser: „Es ist traurig, dass man nicht darauf eingeht.“ Plötzlich mischt sich auch noch der Angeklagte vom Krankenbett aus ein: „Wieso lässt man Herrn Kaiser nicht vor Gericht zu?“ Nach einer kurzen Atempause sagt U.: „Ich fahre heim!“ Empört sagt Rieder: „Sie bleiben ganz schön hier!“ Antwort: „Des ist a Sauerei. Peinlich!“ Auch Kaiser wettert: „Das ist eine Schande für den Rechtsstaat, ein Justizskandal sondersgleichen. Die Verantwortlichen sollen sich schämen!“

Rieder: „In meiner ganzen Laufbahn habe ich sowas noch nicht erlebt. Verschonen Sie uns mit Ihren Monologen!“ Kaiser ringt um Fassung: „Das ist Diffamierung. Dass das Gericht etwas gegen mich hat, ist auch klar.“ Rieder wirft Kaiser „Geltungsdrang“ vor und entzieht ihm das Wort. Kaiser zieht die Robe aus, packt seine Akten und geht zornig davon. Der Prozess geht heute weiter. Ob mit oder ohne ihn.


 

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