Coach des FC Bayern unter Druck Ancelotti-Biograf: Bayern-Trainer hatte immer einen Plan B

Wurde 2016/17 mit dem FC Bayern Deutscher Meister: Carlo Ancelotti (re.). Foto: firo/Augenklick

Vor dem Bundesliga-Spiel beim FC Schalke 04 sind die Zweifel an der Arbeit von Carlo Ancelotti beim FC Bayern ungebrochen groß. Im Interview mit der AZ erklärt sein Biograf, wie es soweit kommen konnte, wie die jüngste Ironie des Italieners zu verstehen ist und warum sich dieser bereits auf eine Zeit nach München vorbereiten dürfte. 

 

München - Erfüllt Carlo Ancelotti seinen Vertrag beim FC Bayern bis 2019? Oder ist schon am Ende der Saison 2017/18 Schluss? Vielleicht schon früher? Fleißig wird in München gemutmaßt, im Auswärtsspiel beim FC Schalke 04 an diesem Dienstagabend (20:30 Uhr, im AZ-Liveticker) hat der Italiener seine nächste Bewährungschance.

"Ancelotti ist hilflos"

Im Vorfeld sprach die AZ im Interview mit Detlef vetten, dem Biografen des Bayern-Trainers, darüber, was hinter Ancelottis ironischen Party-Einladungen an seine Kritiker steckt und wie auch Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge die jüngste Unruhe mitzuverantworten haben dürften. 

AZ: Herr Vetten, der Druck auf Carlo Ancelotti ist groß, doch der Italiener hilft sich mit Ironie, spricht von einer großen Party für seine Kritiker.
DETLEF VETTEN: Das ist eine typische Reaktion. Wenn es so läuft, wie gerade in München, flüchtet er sich in Sarkasmus. Das ist Selbstschutz. Die Mechanismen, die bei den Bayern ablaufen, kennt er abgewandelt. Er weiß, dass er da hilflos ist. Der neue Sportdirektor Hasan Salihamidzic muss sich irgendwie profilieren, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge spielen im Hintergrund ihr Machtspiel. Der Berater von Robert Lewandowski macht eh sein ganz eigenes Ding, jetzt hat sich auch noch Manuel Neuer verletzt. Es ist eine Entwicklung am Laufen, gegen die Ancelotti nichts machen kann.

Warum?
Ganz viele Alphatiere wollen ihr Revier behaupten. Am Ende hängt es vielleicht noch davon ab, ob Thomas Müller ein Tor schießt oder nicht. Es ist eine fatale Situation für Ancelotti. In der Vergangenheit hatte er in solchen Situationen immer schon einen Plan B parat. Dass er zum Beispiel in Paris oder in Madrid schon mal vorgefühlt hat. Dass er den Markt sondiert. Jetzt muss er darauf hoffen, dass seine Jungs aus purem Egoismus gewinnen.

"FC Bayern war das Raubtier"

In München wird auch gemutmaßt, dass es schon vor dem Sommer zu einer Trennung kommen könnte.
Das kann ich nachvollziehen. In diesem Fall hat Lothar Matthäus mit seiner Kritik ins Schwarze getroffen. Diese Mannschaft ist an einem Knackpunkt. In diesem Jahr können die Bayern selbst in der Liga Probleme bekommen. Bislang war der FC Bayern das Raubtier, das, extrem gesprochen, alle gerissen hat. Der FC Bayern war der A-Wolf. Jetzt sieht die Konkurrenz, dass die Bayern schwächeln, sie wirken verletzlich.

Sie meinten einmal, dass Ancelotti stets das Vertrauen seiner Mannschaften gewinnen will. Wie konnte es jetzt soweit kommen?
Mit Sicherheit war Ancelotti nicht glücklich über die Asien-Reise. Dieser Trip hängt den Bayern immer noch wie ein Kater in den Knochen. Diese Zeit hätte Ancelotti gebraucht, um seinen Spielern den Schub für die Saison zu geben, um die Mannschaft in Ruhe in die neue Spielzeit hineinführen zu können. Diese Zeit hatte er nicht. Das war vom Management zu kurz gedacht.

Müssten sich dann nicht auch die Bosse, Rummenigge und Hoeneß, Fragen zum Sinn dieser Reise gefallen lassen?
Natürlich. Im Augenblick praktiziert der FC Bayern das System einer sozusagen in sich nicht funktionierenden Diktatur. Die Bayern versuchen, Spieler, die sich Gedanken machen, drastisch gesprochen, mundtot zu machen. Sie versuchen, einen Burgfrieden zu schaffen. Und außerhalb dieses Systems warten die Gegner nur darauf, dass der FC Bayern angeschlagen ist. Und das sind die Bayern aktuell. Ein Trainer, der eine Vision hat, wie Ancelotti, bekommt das dann ab.

"Daran zerbricht ein Ancelotti nicht"

Beschäftigt sich Ancelotti, wenn er auf Pressekonferenzen nun Witze macht, schon mit der Zeit nach München?
Während er das Training leitet, ist er völlig bei der Sache für den FC Bayern. Er mag die Stadt München an sich. Wenn er aber nun zu Hause die Tür zumacht und mit seiner kanadischen Frau spricht, wird er ihr sagen: "Wenn das hier nicht funktioniert, funktioniert es eben nicht. Dann wird der nächste Verein auf mich zukommen." Daran zerbricht ein Ancelotti nicht. Er verlässt die Bayern selbst dann lächelnd.

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Detlef Vetten, Jahrgang 1956, war Lokalchef der Münchner "Abendzeitung" und Sportchef beim Magazin "Stern". Vetten schreibt für die "FAZ", "Welt am Sonntag", "SZ" und "Focus" sowie weitere deutsche Medien. Er ist einer der am häufigsten ausgezeichneten deutschen Sportjournalisten und gilt insbesondere als Kenner von Carlo Ancelotti. Im Mai 2016 erschien im riva-Verlag sein Buch "Carlo Ancelotti: Die Biografie" über den Trainer des FC Bayern.

 

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