Cirque Éloize auf dem Tollwood „Cirkopolis“: Akrobatik der Träumenden

Der kanadische Cirque Éloize spielt mit dem urbanen Büroalltag in „Cirkopolis“. Foto: Productions Neuvart / Valérie Remise

Artistische Verzauberung: Der Cirque Éloize eröffnet im großen Zelt das Wintertollwood mit „Cirkopolis“. Bis zum 22. Dezember ist die kanadische Artistik-Gruppe auf der Theresienwiese zu sehen.

München - Das Fräulein bewegt sich mit einer Anmut, dass es eine Schande wäre, wenn ihre Füßlein den Boden (der Tatsachen) berühren würden. Umso schöner, dass fünf Gentlemen in grauen Anzügen ihr behilflich sind, sie kräftig, aber taktvoll durch die Luft werfen, um sie stets sicher aufzufangen. Sie landet im Spagat, natürlich. Die Herren stemmen sie später einmal in die Höhe, sie bringt dann auch noch den anderen Fuß schnurgerade in die Senkrechte, sie, eine Königin der Lüfte.

Solche träumerischen Nummern gibt im Wunderland der „Cirkopolis“, der neuen Show des Cirque Éloize. Bis zum 22. Dezember gastieren die Kanadier auf dem Tollwood-Festival, im weiten Zelt des Grand Chapiteau. Das diesjährige Tollwood-Motto „Na sauber!“ greift hier mühelos:

Astreine Sensationen bietet die zehnköpfige Truppe, sieben Männer und drei Frauen, allesamt durchtrainiert. Sie bekamen das Publikum mittels Videoanimationen, industriellen Sounds und akrobatischen Kunststücken zu stimmungsvoller Musik in eine Büro-Stadt-Welt, die sich an Kinovorbilder anlehnt, an Fritz Langs „Metropolis“ oder Terry Gilliams Filmalbtraum „Brasil“.

Da verstopfen in Videos hinten auf der Leinwand massive Wolkenkratzer den Himmel, da drehen sich Turbinen und Zahnräder, deren Kreisform sich in den Rhönrädern und Reifen spiegeln. Die Tristesse des Arbeitslebens herrscht. Auf einem Bürotisch stapeln sich die Akten, einer muss stempeln. Aber schnell wirbeln sie die Monotonie durcheinander, in einer der rasanten Choreographien, die sie zusammen mit dem aus Québec stammenden Starchoreografen Dave St-Pierre erarbeitet haben. St-Pierre kennt man zum Beispiel vom Dance-Festival – er gilt als Enfant terrible, der die Grenzen des Tanzes auslotet. Hier hat er einfach sehr hübsche Ideen, weiß etwa, wie man Schreibtisch und Bürostuhl in eine wimmelnde, straffe Gruppeneinlage einbaut.

Innerhalb der Compagnie gibt es Spezialisten, ein formidabler Jongleur ist zum Beispiel unter ihnen, aber das Kollektiv kann jederzeit mühelos einsteigen, lässt die Keulen gemeinsam wirbeln, einmal an einem Bürohengst vorbei, der wie eine Statue auf einem Aktenstapel steht. Die Akrobatik kommt hier als Ausbruch aus der Enge von Job und Stadt daher, man fällt aus dem Rahmen der urbanen Räume, die sich in den Videos per Zoom aufdrängen.

Ein clownesker Filou probiert zum Beispiel im Viereck eines Kleiderständers die Bewegungsmöglichkeiten eines romantischen Flirts aus: Langsam nähert er sich einem Kleidchen an, nutzt den Kleiderständer als Spielwiese, imponiert mit seinen Ideen.

Tollwood-Lageplan - So geht's zum Zelt!

Was für eine elastische Kraft in diesen Körpern steckt, ist offensichtlich, aber alles hat eine magische Leichtigkeit, sei es, dass ein paar Männer sich ins drehende Rhönrad einklinken, oder Mann und Frau entlang einer Stange in die Höhe spurten, sich dort winden, um halsbrecherisch gen Boden zu fallen. Risiko gehört zum Spaß dazu, und während eine rotgekleidete Fee im Reifen oder eine Akrobatin am Seil schon jeden Alltag vergessen machen, bringen sie am Ende Farbe und Fantasie endgültig ins Bürobiotop.

Per Schleuderbrett fliegen sie, fangen sich gegenseitig, eine solidarische Truppe der Träumenden. Da ist man gerne dabei, genießt vielleicht dazu das Bio-Menü inklusive Festtagsbraten, um beim Dessert, warmer Schokoladenguglhupf mit Ahornsirup, kanadisch satt im Sitz zu versinken.

 

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