Christopher Street Day "Tritte gegen den Kopf, Kiefer gebrochen"

Taras (3.v.l.) in München: Der Ukrainer wird am Rathaus begrüßt. Foto: Gregor Feindt

Hier erzählt ein schwuler Aktivist, was ihm in seiner ukrainischen Heimat passiert ist:

 

Sie waren vielleicht 100 Schwule, Lesben und Transgender – und standen 1000 gewaltbereiten Rechtsradikalen und Ultraorthodoxen gegenüber. In letzter Minute wurde deshalb die erste Gay-Pride-Parade in der ukrainischen Hauptstadt Kiew am 20.Mai abgesagt. Die Veranstalter wollten die Teilnehmer vor Übergriffen der Gegendemonstranten schützen (AZ berichtete). Drei Mitglieder des Organisationskomitees (OK) sind jetzt zu Besuch in Kiews Partnerstadt München. Sie werden beim Christopher Street Day mitmarschieren und über die Repression in ihrer Heimat berichten. Für OK-Chef Taras Karasijtschuk sind Interviews eine besondere Herausforderung. Seine Kieferknochen sind mit Metallklammern und Gummibändern fixiert, die das Sprechen erschweren.

AZ: Herr Karasijtschuk, was ist mit Ihrem Gesicht passiert? TARAS KARASIJTSCHUK: Ich bin zwei ganz besonders netten Personen begegnet – anschließend war mein Kiefer an zwei Stellen gebrochen.

Was waren das für Leute? Sie haben in der Nähe meines Hauses auf mich gewartet. Es war während der Woche und ich bin gegen 24 Uhr von der Arbeit gekommen. Ich habe sie nicht gesehen, sie haben sich im Dunkeln versteckt. Plötzlich fragte jemand: Bist du eine schwule Sau? Da hat mich schon der erste Schlag getroffen. Ich bin hingefallen und habe zwei oder drei Tritte gegen den Kopf bekommen. Das Resultat waren eine Gehirnerschütterung und ein doppelt gebrochener Kiefer.

Warum sind Sie überfallen worden? Weil ich der Chef des Organisationskomitees der Gay-Pride bin. Ich habe Drohungen bekommen, zwei meiner Kollegen wurden nach einer Pressekonferenz zusammengeschlagen. Ich wusste, dass sie nach mir suchen. Ich bin ihnen lange erfolgreich entwischt – bis zu diesem Tag.

Wer sind „sie“? Junge Leute, im Alter von 20 bis 28, radikale Rechte. In der Ukraine haben wir einige radikale Gruppierungen. Eine davon wird von der rechten Freiheitspartei unterstützt, die jetzt schon in einigen Regionalparlamenten sitzt und bei den Parlamentswahlen im Oktober vermutlich acht bis zehn Prozent der Stimmen bekommen wird. Außerdem gibt es Neonazis und Hooligans. Die Leute von der Freiheitspartei und die Neonazis sind für die meisten Übergriffe verantwortlich.

Haben Sie den Angriff bei der Polizei angezeigt? Das war sehr interessant. Meine Mutter hat sofort den Notarzt gerufen – und die Polizei. Der Notarzt kam, die Polizei nicht. Erst als Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty Druck gemacht haben, hat mich ein Beamter angerufen und gefragt, was los sei. Ich arbeite jetzt mit einem Menschenrechtsanwalt zusammen. Aber ich bin mir sicher: Diese Leute werden weder gefunden noch bestraft.

Was sind die Ursachen für diesen extremen Hass? Ich bin offen schwul. Wir haben die Gay-Pride-Parade in Kiew organisiert. Und die Gay-Pride war für viele Leute von der orthodoxen Kirche, von der protestantischen Kirche, von neofaschistischen Gruppen und für viele andere ein rotes Tuch. Im Moment haben wir in der Ukraine eine politische und eine ökonomische Krise. Die Leute haben keine Hoffnung. Viele wenden sich deshalb den Kirchen zu und viele suchen ihr Heil im Nationalismus oder Faschismus. So steigt der Einfluss der Kirchen und der radikalen Parteien. Deshalb glauben die Vertreter der Radikalen, dass sie tun können, was sie wollen, und dass sie angreifen können, wen sie wollen. Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht auch fürs Töten gilt.

Wie ist die rechtliche Situation von Schwulen und Lesben in der Ukraine? Homosexualität steht nicht unter Strafe – und das war’s auch schon. Es gibt kein Antidiskriminierungsgesetz, keine anständige Auseinandersetzung mit dem Thema auf politischer Ebene, keinen Öffnungsprozess. Es gibt keine öffentlichen Personen und keine Künstler, die Homosexuelle unterstützen. Das wäre auch eine ganz schlechte Idee. Als Sänger würdest du dein Publikum verlieren, als Politiker deine Wähler. Wir haben ja nicht einmal eine richtige liberale Bewegung in der Ukraine. Gerade erst wurden zwei neue Gesetzesvorhaben im Parlament eingebracht, das eine von sechs kleineren Parteien, das andere von unserer Regierungspartei.

Was sind das für Gesetze? Das erste soll Kinder vor „homosexueller Propaganda“ schützen. Das bedeutet: Wenn jemand in einer Fernseh-Diskussion sagt, dass Homosexualität keine Krankheit ist, kann er bestraft werden. Es könnte ja sein, dass ein Kind das hört und denkt: Oh, Homosexualität ist ganz normal. Das zweite Gesetz besagt, dass jegliche positive Information über Homosexualität als Homo-Propaganda verboten werden soll. Wenn wir auf der Gay-Pride zum Beispiel ein Plakat dabei haben mit dem Slogan „It’s okay to be gay“, wäre das dann illegal und würde bestraft.

Was bezwecken Ihre Politiker damit? Sehen Sie, wir haben Kirchen und Politiker, die nichts für die Gesellschaft tun. Diese Politiker versuchen zu zeigen: Wir tun zwar nichts für die Wirtschaft oder das Gesundheitssystem – aber wir wachen über die Moral, den Wert der Familie und das Wohl eurer Kinder. Homosexuelle können euren Kindern schaden, wir schützen sie. Auch die Motive der Kirchen sind leicht zu durchschauen: Sie brauchen Gläubige, und es ist sehr leicht, den Leuten einzureden, dass die Kirche immerhin über die Moral wacht.

Wird es 2013 eine Gay-Pride-Parade in Kiew geben? Wir sind dabei, sie zu organisieren. In jedem Fall. Wir hoffen, dass uns Kollegen aus ganz Europa unterstützen – und natürlich aus München. Wir müssen diese Parade organisieren. Würden wir es nicht tun, würde das ja bedeuten, dass die Bewegung der Homosexuellen in der Ukraine den Kampf aufgibt. Aber wir haben gerade erst angefangen – und werden weitermachen.

Haben Sie keine Angst? Doch. Sehr große sogar. Warum machen Sie weiter? Manchmal denke ich einfach nicht an die Angst. Außerdem sehe ich für mich keinen anderen Weg. Im Moment kann ich in der Ukraine nur eins sein: Aktivist. Und eigentlich ist es egal, ob ich die Parade nun organisiere oder nicht – ich bin immer in Gefahr. Ich könnte natürlich auswandern, aber ich mag die Ukraine sehr. Was sagt Ihre Familie dazu? Meine Familie weiß, dass ich ein bisschen verrückt bin. Ich habe meiner Mutter vor zehn Jahren gesagt, dass ich schwul bin, es hat sie nicht wirklich überrascht. Sie unterstützt mich – und sorgt sich sehr.

 

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