Christoph Süß im AZ-Interview Zum Erfolg gewurschtelt-"Quer" wird 20

"quer"-Moderator Christoph Süß. Foto: BR

Das politische Satiremagazin "quer" wird 20 Jahre alt - und ist heute eines der beliebtesten Formate im Bayerischen Fernsehen.

 

"Wir haben heute nur Söder, keinen Seehofer", sagt die Stimme aus dem Off. Vielleicht ist die "quer"-Redaktion ja ihrer Zeit voraus. Zumindest die Söder-Puppe darf heute bei der Aufzeichnung in Unterföhring schon mal ein Solo spielen. Sie tritt allein gegen Christoph Süß an. 

Der Dialog des Moderators mit den CSU-Puppen ist der Höhepunkt der BR-Sendung, die auf originelle Weise Politikmagazin und -kabarett mischt, und das nun seit zwanzig Jahren. Bevor der Dreh zur letzten Sendung vor dem Jubiläum losgeht, wärmen sich Süß und Söder-Sprecher Wolfgang Krebs vor der Blue Screen schon mal auf. Als der Puppenspieler – der einen blauen Ganzkörperanzug trägt, damit die Technik ihn später unsichtbar machen kann – der Söder-Puppe den Mund zuhält, sagt Süß: "Das ist ein schönes Bild." Als dann auf dem Studiomonitor ein großes Porträt von Söder erscheint, fränkelt Söder-Krebs freudig: "Des is doll." Den Sketch drehen die drei dann in einer einzigen Aufnahme und Christoph Süß nimmt sich in der Drehpause Zeit für ein Gespräch über zwanzig Jahre "quer".

AZ: Herr Süß, mit welcher CSU-Puppe sprechen sie am liebsten?
CHRISTOPH SÜß: Ich finde Puppen ja immer etwas gruselig, spreche mit keiner besonders gern. Aber ich habe vor meinem geistigen Auge immer den Wolfgang, mit dem ich spreche, und den hab’ ich lieb.

Wie reagieren die echten Politiker, wenn Sie sie treffen?
Seehofer habe ich relativ zu Anfang mal getroffen. Er findet das natürlich lustig, er ist völlig schmerzbefreit. Er hat so eine Kopf-ab-Geste gemacht und gelacht. Ich glaube, Ilse Aigner ist das völlig wurscht. Wir haben nicht darüber gesprochen.

Haben die CSU-Politiker immer so gleichgültig reagiert?
Ja, von Anfang an gab es etliche, die gesagt haben: Lasst’s die Kinder doch machen, is’ doch wurscht. Spätestens, als sie die absolute Mehrheit hatten, fühlten sie sich so sicher. Ich könnte mir vorstellen, dass manche jetzt etwas empfindlicher werden, weil die Zeit halt anders ist.

Lange spielte Edmund Stoiber eine wichtige Rolle in der Sendung. Als er abgetreten ist, muss das ein herber Schlag für Sie gewesen sein.
Es kommt ja immer jemand nach, da muss man keine Ängste haben.

Hätten Sie vor 20 Jahren gedacht, dass sie beim BR mit "quer" so viele Freiheiten bekommen würden?
Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich habe halt meinen Job gemacht, so gut ich konnte. Wenn irgendjemand das nicht gewollt hätte, hätte ich das schon gemerkt.

"Heute posten und kommentieren die Leute ständig"

Wie waren die Reaktionen damals?
Heute posten und kommentieren die Leute ständig, aber damals mussten die Leute ja noch anrufen oder einen Brief schreiben, und das haben sehr wenige gemacht. Und das waren natürlich die, die gesagt haben: Das geht nicht. Dass jemand Zustimmung signalisiert, so wie heute, wenn man auf ein Herzchen klickt – das hat niemand gemacht.

Wie waren die Reaktionen innerhalb des BR?
Die haben uns wurschteln lassen. Und wir haben ja ewig gebraucht, um zur Sendung zu finden.

Wie lange?
Zwei, drei Jahre. Am Anfang war die Sendung eine Stunde lang. Wenn man die Filme heute anschauen würde, würde man sagen: Das hat ja gar kein Ende, ist grottenlangweilig. Als die Sendung auf eine Dreiviertelstunde gekürzt wurde, hat sie sich stark verändert. Das hat uns gut getan.

Mit welchen Beiträgen haben Sie etwas bewirkt?
Ich weiß nicht, ob wir überhaupt irgendetwas bewirken. Das ist nicht unser Job, wir sind keine Politiker. Ich weiß nicht mehr, welcher Kabarettist in den Fünfziger Jahren gesagt hat: Unser scharfes Kabarett hat sowohl die Nazis als auch den Zweiten Weltkrieg verhindert. Wer etwas verändern will, soll in die Politik gehen. Vielleicht geht da was.

"Wir machen nur unseren Job"

Gab’s in den zwanzig Jahren Drohungen oder ähnliches?
Da hält die Redaktion viel von mir weg, das würde ich gar nicht mitkriegen. Es ist unheldenhaft, was wir machen. Es gibt Journalisten, die Helden sind, sie arbeiten in der Türkei,in Russland, in der arabischen Welt. Wir machen nur unseren Job.

Sind sie auf irgendetwas stolz?
Mit Stolz habe ich meine Probleme. Ich habe das Privileg hier zu arbeiten, da muss ich nicht stolz drauf sein – sondern dankbar. Ich habe einen super Job, sehr angenehm bezahlt, ich kann ein sehr angenehmes Leben führen.

Hatten Sie in den zwanzig Jahren mal das Gefühl, die Sendung könne sich tot laufen?
Das hat man immer wieder mal. Es gibt immer mal Phasen, wo man meint, das wiederholt sich sehr stark. Dann setzen wir uns zusammen und fragen: Kann man das Ding mal wieder durchschütteln?

Und was ändern sie dann?
Eine Änderung war, dass ich mit mir selbst spreche. Das war eine Idee, die ich aus einer Lenor-Werbung habe: Da fragen die Kinder, warum kratzt der Pullover, und dann tritt der Geist der Mutter hervor. Daraus ist das entstanden. Wir hatten auch schon Zeug in der Sendung, das wir wieder rausgeschmissen haben, weil’s ein Schmarrn war. Wir testen immer wieder mal Darstellungsformen, und nicht alle taugen was. Auf manche hat man auch irgendwann keine Lust mehr.

Wir halten die Zuschauer nicht für Deppen

Anfangs gab es beim BR die Befürchtung, dass die Zuschauer Spaß und Ernst nicht unterscheiden könnten. Hielt man die Zuschauer für Deppen?
Tatsächlich machen das die meisten Sendungen nicht, weil die meisten glauben, das ginge nicht. Und das ist möglicherweise, was unsere kleine Sendung am ehesten auszeichnet: Dass wir die Zuschauer nicht für Deppen halten.

Schauen Sie sich an, wie die Zuschauer in den Sozialen Medien reagieren?
Ich bin nicht bei Facebook, Instagram und Twitter, deswegen kann ich da nicht reinschauen.

Wieso?
Ich weiß nicht, wozu das gut sein soll. Ich kann ja meinen Ego-Käse am Donnerstag in der Sendung wegwuchten, da muss ich nicht auch noch jede Stunde schreiben: Esse irgendwo ‘ne Wurst. Ich habe da mal oberflächlich reingeschaut und war bestürzt, dass da soviel Angeberei und Verachtung ist. Ich fand beides nicht so erfreulich, wobei ich mit Angeberei deutlich weniger Probleme habe.

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