Chile Grollende Gletscher

San Pedro de Atacama - Da. Schon wieder das Donnern. Der Gletscher grollt im Sonnenschein - alle paar Minuten stürzen Schnee und Eisstücke in die Lagune. Wir verfolgen das Naturschauspiel von einer Königsloge aus, auf einem Hügel an der Laguna de los Tres im argentinischen Nationalpark Los Glaciares. Vor uns liegt der 3406 Meter hohe Fitz Roy, ein Wahrzeichen Patagoniens.

Patagonien - das klingt in den Ohren von Bergfreunden nach Paradies. Nach einem Sehnsuchtsort. Klar hatten wir vor der Reise Bildbände gewälzt. Doch die überwältigende Szenerie trifft uns trotzdem unvorbereitet. Die Gipfel können doch nicht wirklich so zackig sein? Das Wasser nicht ernsthaft so türkis? Fast möchte man sich zwicken, zur Absicherung, dass man tatsächlich hier steht - und nicht vor einer retouchierten Fototapete.

Auch das Wetter ist wie aus dem Bilderbuch. Als wenn es all die Berichte über patagonischen Dauerwind, Nässe und plötzliche Wintereinbrüche Lügen strafen wollte. Die Wandersleute aus aller Welt sind sich ihres Ausnahmeglücks bewusst. Wie fleißige Ameisen strömen sie morgens aus den Unterkünften im Örtchen El Chalten. Nur ja keinen Sonnentag verpassen.
Nachdem wir uns dem majestätischen Fitz Roy von mehreren Seiten genähert haben - mit gebührendem Abstand, denn an seiner Besteigung sind schon ganz andere gescheitert - heißt es Abschied nehmen. Adios, Argentinien. Nächstes Ziel ist der chilenische Teil Patagoniens. Genauer gesagt der Nationalpark Torres del Paine. Noch so ein Sehnsuchtsort.

Absurde Kontrollen an der Grenze zwischen Chile und Argentinien

Wobei allein die Busfahrt dorthin zum Abenteuer geraten kann. Zahlreiche Witze künden in Südamerika von der Antipathie zwischen Chilenen und Argentiniern. Wer dachte, das sei bloß Spaß, wird bei Busreisen rasch eines Besseren belehrt. Nicht nur, dass die argentinischen und die chilenischen Busfirmen ihre Fahrpläne partout nicht aufeinander abstimmen. Das Hin und Her an der Grenze, einer Schranke mitten in staubiger Graslandschaft, zieht sich über geschlagene zwei Stunden hin - viel Zeit, um sich als Europäer auf die Vorteile des Schengener Abkommens zu besinnen.

Schon bei der Anfahrt auf den Torres del Paine rückt das alles in den Hintergrund. Selbst durchs Busfenster betrachtet macht einen die Schönheit des Parks sprachlos. Zumindest fast: Als die ersten Guanakos, eine wilde Kamelart, am Rand der Piste auftauchen, sind doch ein paar Freudenschreie nötig. Erst als wir tiefer in den Park vordringen, sehen wir sie: die Spur der Verwüstung, die der letzte Flächenbrand angerichtet hat. Das Feuer war im Dezember ausgebrochen. Schuld soll ein Tourist gewesen sein, der sein Klopapier verbrannte. Die Flammen vernichteten Tausende Hektar Vegetation, teils auch am weltbekannten „W-Trek“.

Der Brand bedrohte auch das luxuriöse Explora-Hotel. Hotelmanager Carlos Bragado schildert die dramatischen Tage. Er allein entschied, wann der Zeitpunkt gekommen war, 100 Gäste, 140 Angestellte und 26 Pferde in Sicherheit zu bringen. „Die Panischen zuerst“, erzählt er. Zu Beginn waren Bragado und einige Angestellte, die freiwillig blieben, um das Feuer zu bekämpfen, ganz auf sich gestellt. Für den Ernstfall bereiteten sie ein Boot vor, brachten Verpflegung an Bord, um vor den Flammen auf den Pehoe-See flüchten zu können. So weit kam es nicht. Das Hotel überstand das Inferno. Allerdings war es für fast zwei Monate geschlossen. Inzwischen ist dort wieder alles perfekt.

Es wird 50 Jahre dauern, bis sich die Bäume von dem Brand erholt haben

Draußen, in der Natur, lässt sich der Ursprungszustand leider nicht so leicht wiederherstellen. Bergführerin Elizabeth glaubt: „Es wird 50 Jahre dauern, bis sich die Bäume erholt haben.“ Auch der Weg zum tiefblauen Grey-Gletscher ist lange von verkohlten Baumleichen gesäumt. Doch schon wagen sich neue Pflanzen aus dem Boden. Und der grandiosen Bergkulisse konnte der Brand sowieso nichts anhaben.

Schweren Herzens steigen wir nach einer knappen Woche wieder in den Bus, der uns aus dem Park bringt. Zum Abschied zählen wir Guanakos. Per Flugzeug geht’s gen Norden ins Seengebiet. Dort wollen wir einen aktiven Vulkan erklimmen, den Villarrica. Doch Dauerregen und ein Unfall machen unsere Pläne zunichte. An unserem Anreisetag will eine Gruppe junger Wanderer dem schlechten Wetter trotzen. Sie wollen zum Kraterrand, ein Bergführer soll sie nach oben bringen. Zwei Touristen bezahlen den Ausflug mit ihrem Leben.

Nach all dem Regen sind wir reif für die Wüste. Die quirlige Oase San Pedro de Atacama im Norden Chiles ist Ausgangspunkt für Ausflüge in surreale Marslandschaften. In diesen Tagen hat das Nest einen berühmten Gast: die britische Bergsteigerlegende Chris Bonington übernachtet im Explora-Hotel. 19 Himalaja-Expeditionen hat der 77-Jährige hinter sich. In einer kleinen Gruppe brechen wir früh auf, um den 5600 Meter hohen Cerro Toco zu besteigen. Rasch lernen wir in dieser Höhe, was es heißt, wenn Atmen zur Aufgabe wird. Und dass man seine Grenzen kennen muss. Auf 5300 Metern verlässt einen Wanderer die Kraft, die Gruppe trennt sich. Bonington und ein anderer Bergprofi gehen weiter, wir drehen mit dem Bergführer um.

Flamingos, Riesenkakteen und Vulkane im Norden. Gletscher und Himmels-Türme im Süden. All diese Eindrücke arbeiten lange in einem nach. Und ab und an hallen sie auch nach. Wie das Grollen des Gletschers.

 

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