Cannes Alte Meister, gut in Form

Sean Penn als alternder Rockstar auf Identitätssuche im Cannes-Wettbewerbsbeitrag „This must be the Place“. Foto: dpa

Die Palmengala kann Freundschaften stiften: Paolo Sorrentino gewann 2008 den großen Preis der Jury. Deren Präsident war damals Sean Penn. Bei ihm weiß man nicht, was Jetlag ist, zu viel Party oder Attitüde. Er nuschelt lässig mit Kaugummi und reibt sich die übernächtigten Kaninchenaugen, während Paolo Sorrentino erzählt, wie sie nach der damaligen Gala beschlossen hätten, etwas gemeinsam zu machen. „This must be the Place” ist ein Selbstfindungstrip eines depressiven, netten Ex-Punkrockstars geworden, der zurück nach Amerika geht, sich auf die Vergangenheitssuche seiner jüdischen Familie macht und endlich aufhört, ein Kind zu sein.

 

Sean Penn mit schwarzer Langhaar-Wave-Mähne, geschminkt mit dauerweinerlicher Fistelstimme, der sich nach dem Durchbruch zum abhandengekommenen Lebendigkeits-Gefühl sehnt: das ist große Schauspielkunst und könnte gleich den Darstellerpreis mit sich bringen.

Aber die Jury unter Robert De Niro ist unberechenbar. Auch ist Lars von Triers Endzeitfilm „Melancholia” nach dem Auschluss des Regisseurs aus dem Festivalgelände nach zynischen Nazi-Bekenntnissen noch im Wettbewerb. Und Jury-Präsident De Niro hat ein Problem. Er ist in einer Befangenheits-Zwickmühle: Gegen von Trier, weil der jetzt zur „unerwünschten Person” erklärt wurde. Und für von Trier, weil er ja mit ihm einen neuen „Taxi Driver” drehen will. So ist die Frage, wer sich noch traut, dem Film einen Preis zu geben. Manche tippen auf „Beste Darstellerin”. Kisten Dunst spielt fantastisch eine depressive Frau, die kurz vor dem Weltuntergang durch eine kosmische Kollision ihre traditionelle Hochzeit durchstehen muss und letztlich im Angesicht des Endes über sich hinauswächst.

Aber in diesem 64. Festivaljahr ist alles offen. Nicht etwa, weil der Wettbewerb ein schlechtes Niveau gehabt hätte. Sondern vor allem, weil kein Werk herausragt. Das liegt auch daran, dass die großen Festival-Lieblinge allesamt erwartet Großes, aber keiner Überragendes mitgebracht hat. Gegen Ende hat Almodóvar einen bizarren, bildschönen, aber kalten Thriller mit „Die Haut, in der ich lebe" abgegeben, der dem Zuschauer nichts von der melodramatischen Rührung seiner Meisterwerke gebracht hat. Terrence Malick hat eine esoterische Kombination aus „Unsere Erde”-Bombast-Naturaufnahmen mit psychologisch-interessanten Familien-Geschichts-Splittern etwas unrund kombiniert. Überrascht hat der originelle Depressions-Finne Aki Kaurismäki, der im gewohnten Unterschicht- und Kleibürgermilieu diesmal zwar ein befreiendes Happy-End wagte, aber es mit „Le Havre” auch ästhetisch beim gewohnten Nostalgie-Stil beließ. Auch die ewig sozialkritischen Dardenne-Brüder erzählten eine Problem-Waisen-Kind-Geschichte, aber mit ausnahmsweise glücklichem Adoptions-Ausgang (die schöne Cécile de France könnte die Plame als Pflegemutter des „Jungen mit dem Fahrrad” gewinnen).

Bis auf Malick als einziger US-Beitrag blieb damit der Wettbewerb fast aussschließlich in europäischer Hand, auch weil die ausgelutschte Asien-Begeisterung der Programmer endlich vorbei zu sein scheint. Sexuelle Provokationsversuche verpufften im französischen Belle-Epoque-Bordellfilm „Apollonide” oder in der australischen Pseudo-Provokation „Sleeping Beauty” mit einer freiwillig betäubten Studentin als Lustobjekt. Und Nanni Moretti hatte bei seiner Vatikan-Psycho-Satire „Habemus Papam” einfach keinen Biss.

Ein Paar Jurymitglieder, darunter Jude Law, ließen sich auf dem Galaabendessen der amerikanischen Aids-Stiftung blicken, die 5,4 Millionen Euro einnahm, weil sich viel Geldadel nicht entgehen lassen wollte, unter anderen mit Fürst Albert von Monaco, seiner Verlobten Charlene und der Caroline-Tochter Charlotte im Hotel Eden Roc zu dinnieren. Für die Frauenherzen war auch Patrick Dempsey erschienen, Milla Jovovich und Naomi Campbell verschönerten den diamantenreichen Abend. Goldene Palmen gibt's erst am Sonntagabend.

 

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