Busemann im AZ-Interview Rio 2016: Panikläufer und Kraftmänner

, aktualisiert am 11.08.2016 - 11:24 Uhr
Der frühere Zehnkämpfer Frank Busemann im AZ-Interview. Foto: dpa

Zehnkampf-Ikone Busemann spricht exklusiv in der AZ über die Chancen der deutschen Leichtathleten, über Hartings Abrechnung, über Kondome und warum er der "größte Sch***er der Welt" ist.

 

München - Mit Sportbetrügern kennt der ehemalige Weltklasse-Zehnkämpfer Frank Busemann kein Pardon. "Ich hasse Doping", sagte der Olympia-Zweite von 1996. Vor seinem geistigen Auge sehe er schon die Sprinter, "wie sie vor einer imaginären Dopingspritze davonrennen", schilderte Busemann. Der 41-Jährige ist in Rio de Janeiro als ARD-Experte dabei. Die Leichtathletik-Wettbewerbe der Olympischen Spiele beginnen am Freitag. 

AZ: Herr Busemann, bei Olympia 2008 in Peking holten die deutschen Leichtathleten mit nur einer Bronzenen weniger Medaillen als Sie allein, der 1996 Silber im Zehnkampf gewann. Das wird jetzt bei den Spielen in Rio nicht wieder passieren, oder?
FRANK BUSEMANN: (lacht) Nee, sicher nicht, da müssten bei mir schon alle Kreismeisterschaften gelten, damit ich gegen diese Truppe eine Chance hätte. Wir sind ja eine Nation der Unkenrufer, aber so schlecht finde ich persönlich unsere Athleten nicht, da werden wir alle schon einigen Grund zum Jubeln haben.

Zum Beispiel?
Als alter Zehnkämpfer halte ich natürlich zu Arthur Abele. Der Mann ist ein Weltwunder. Was der schon für Verletzungen hatte und wie er sich immer wieder an die absolute Spitze kämpft, ist enorm. Wenn es dem nicht in irgendeinem Bewerb ein Bein abreißt, dann holt der was. Ein normaler Beinbruch hält den nicht auf, der ist ein Tier. Auch Cindy Roleder gefällt mir gut.

Die jetzt in Rio über die 100 Meter Hürden startet.
Die Cindy ist eine echte Panikläuferin. Wenn die so richtig Angst hat, dann rennt sie, als wäre der Leibhaftige hinter ihr her. Sie braucht diese Panik, aber dann ist sie eine Macht.

Was trauen Sie Kugelstoßer David Storl zu? Er ist ja Weltmeister, gewann 2012 Olympisches Silber.
Er hatte viele Verletzungen, wird im Kugelstoßen sicher um eine Medaille kämpfen. Genau wie Christina Schwanitz bei den Frauen. Was es am Ende bei Storl wird, hängt von den Amerikanern ab, die ja zumindest vor Olympia die Kugel in Weiten stießen, von denen man nur träumen kann. Wie das dann an einem Ort aussieht, an dem intensiver auf Doping getestet wird, muss sich zeigen.

 

Damit wären wir bei Diskus-Riese Robert Harting, der vor den Spielen IOC-Präsident Thomas Bach attackiert hat, weil dieser nicht den Mut hatte, die Russen aufgrund des nachgewiesenen Staatsdopings von den Spielen auszuschließen. Harting bezeichnete Bach als „Schande“, der „Teil der Dopingproblematik“ sei.
So ist er, der Harting. Ein Mann der klaren Worte. Ich mag ihn, er ist alles, nur kein Diplomat, er ist grundehrlich. Hintenrum gibt es bei ihm nicht. Mit seiner Wortwahl ist er sicher über das Ziel hinausgeschossen, in der Sache teile ich seine Kritik. Wenn man jetzt im Kampf gegen Doping nicht durchgreift, wann dann? Harting ist der einzige Superstar, den die deutsche Leichtathletik in den letzten Jahrzehnten hatte. Wenn er was sagt, hören die Leute zu. Er hat ja nicht nur markige Sprüche drauf, sondern überzeugt mit Leistung. Viele, die was reißen, sind eher duckmäuserisch und oft sind die, die den Mund aufmachen, leider nicht die, die den Worten Taten folgen lassen. Harting ist anders. Harting ist ein Kraftmann. In Wort und Tat.
 

Sie haben auch Ihre Erfahrungen mit ihm..
Oh ja! Ich habe vor nicht zu langer Zeit gesagt, dass ich für keinen Athleten die Hand ins Feuer legen würde. Kurz danach klingelte mein Telefon. Im Display sah ich Harting. Ich war gerade in einem Gespräch, bin nicht gleich dran. Sekunden später kam eine SMS: „Ich will nur reden!“ Da habe ich mich getraut, zurückzurufen. (lacht)
 

Und?
Es war ein tolles Gespräch. Robert hat meine Aussage nicht gefallen, weil er sie auch auf sich bezogen hat. Ich habe ihm gesagt, wie ich es sehe, das hat er akzeptiert. Harting hat Stil.


Eines der Highlights von Olympia ist der 100-Meter-Lauf, bei dem Usain Bolt wieder Gold holen will. Gleichzeitig ist die Disziplin historisch eine der dopingverseuchtesten überhaupt.
Gerade an diesen Höhepunkt der Spiele gehe ich mit sehr zwiespältigen Gefühlen heran. Ich liebe die Dramatik, die 100 Meter sind immer ein ganz spezieller Moment. Aber natürlich läuft da immer der Zweifel mit. Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon die Läufer, wie sie vor einer imaginären Dopingspritze davonrennen. Wenn man etwa den Amerikaner Justin Gatlin sieht, der mehrfach des Dopings überführt wurde und der jetzt schneller läuft als zu den Zeiten, als er definitiv vollgepumpt war, dann kann da was nicht stimmen. Das lässt nur einen einzigen Schluss zu.
 

Wir sind ganz Ohr.
(lacht) Den Schluss, dass Doping nichts bringt! Aber Spaß beiseite, man muss schon sehr fürchten, dass Wege gefunden wurden, jetzt nicht positiv getestet zu werden. Wie kann man sonst ungedopt schneller sein? Ich hasse Doping. Deswegen gibt es bei uns zu Hause auch eine goldene Regel für die Kinder: Du kannst saufen, du kannst rauchen – wenn du aber dopst, dann kaufe ich dir ‘ne Karte zum Mond – ohne Ruckflugticket.
 

Wie sehr reißen Sie Olympische Spiele noch mit?
Sehr. Die Brasilianer feiern eine Party der Lebensfreude. Wenn ich alleine höre, dass im Olympischen Dorf 240 000 Kondome verteilt wurden! Bei uns 1996 in Atlanta waren es nur 20 000. Da sieht man, was das heutzutage für Hochleistungssportler sind (lacht). Aber ich bin ja gleichzeitig der größte Schisser der Welt. Die Geschichten über all die Überfälle haben mir schon Angst gemacht. Der frühere Triathlon-Superstar Faris Al-Sultan hat mir einen Tipp gegeben: Wenn du ausgeraubt wirst, wirf das Geld so hoch wie möglich und lauf schnell weg. Das fand ich erst grandios, aber dann musste ich mir eingestehen: Schnell weglaufen? Das war einmal, das macht mein geschundener Körper nicht mehr mit. Schnell war früher.

 

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