Bundestrainer Nach dem 4:4-Schock: Jogi in der Kreditfalle

Das peinliche 4:4 nach 4:0-Führung gegen Schweden hat gezeigt: Der Bonus des Bundestrainers scheint aufgebraucht. Löw ist „in der Schockstarre”, die WM 2014 dürfte seine letzte Titelchance sein

 

Berlin - Für die Nationalspieler war es nicht weniger als das schlimmste, schrecklichste, peinlichste Unentschieden ihrer Karriere. Ein 4:0 gegen Schweden verspielt, nach Traumfußball kam der Filmriss. 4:4 – tilt! Faden gerissen. Ein plötzlicher Systemabsturz, die Hardware konnte nicht wieder hochgefahren werden.
Und selbst der Systemadministrator, Bundestrainer Joachim Löw, wirkte wie ein machtloser Beobachter im Spiel der bösen Mächte. Seltsam zurückhaltend seine Versuche, von außen auf seine Spieler einzuwirken; er konnte den Zug, der unvermeidlich auf Kollisionskurs war, nicht mehr aufhalten.

Der Schaden in Sachen WM-Qualifikation ist nicht zu groß, zehn Punkte nach vier Partien – der Gruppensieg dürfte Formsache sein, in den nächsten beiden Spielen im März wartet Punktelieferant Kasachstan. Doch Löw hat eine gehörige Schramme abbekommen, dieses 4:4 lässt sich nicht leicht überschminken. Er geht nun als der Bundestrainer in die DFB-Historie ein unter dessen Regie es „gelang”, einen Vier-Tore-Vorsprung zu verspielen. Erstmals in 104 Jahren, in 867 Länderspielen.

Ist es mehr als ein Kratzer? Ist gar der Lack ab bei Löw? „Ich bin in Schockstarre”, sagte er bei der Analyse der Partie im ARD-Studio. Er versuchte erst gar nicht, seine Stimmung hinter einem neutralen, verbindlichen Gesichtsausdruck zu verbergen. Löw wirkte irritiert wie noch nie in seiner bislang noch titellosen Amtszeit. Fahrig in seinen Aussagen, er brachte Sätze kaum zu Ende, trauerte öffentlich um ein verlorenes Fußballspiel. Völlig unvorbereitet traf ihn der tragischer Tod eines Spekakels. Löw schaute kaum zu ARD-Moderator Beckmann, kaum zu Experte Scholl, nur auf den Monitor, der die Gegentreffer zeigte. Bilder des Entsetzens. Es ist wie im Theater: Die Maske fällt, es bleibt der Mensch - der Held entschwindet.

Löw hat Kredit verspielt, sein Bonus scheint aufgebraucht. Als lieber, netter, charmanter Herr Löw kommt der 52-Jährige in der Werbung rüber, seine Beliebtheit steigerte sich während der EM im Sommer in Baumgartner-Höhen. Der freie Fall begann am Tag vor dem Halbfinale in Warschau gegen Italien (1:2). Da tüftelte Löw seine krude Aufstellung samt eigenwilliger Taktik aus, die bessere Mannschaft war gegen Italien chancenlos. Nach einer Phase des Rückzugs versäumte es der Bundestrainer, bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in Frankfurt eigene Fehler einzugestehen. Vor der Partie in Österreich machte er sein Team unnötigerweise klein, es folgte die zu harsche Kritik an Linksverteidiger Schmelzer samt öffentlichem Rückzieher. Immerhin: Er sah den Fehler ein, die Peinlichkeit war allerdings schon in der Welt.

Es folgte der schwer verdauliche Schweden-Happen, Kategorie Magenverstimmung. „Man kassiert ein Tor, ein zweites hinterher, dann bricht alles zusammen. Das darf einer Spitzenmannschaft nicht passieren”, schilderte Kapitän Philipp Lahm. Einem Spitzentrainer auch nicht. Es ist die schwierigste Saisonhälfte für Löw seit August 2006, als er mit einem 3:0 (Endstand!) gegen Schweden startete. Der Herbst könnte für ihn noch stürmischer werden, wenn die Holländer den Test am 14. November in Amsterdam richtig ernst nehmen. Und das wird die Truppe von Ex-Bayern-Coach Louis van Gaal nach zuletzt zwei Pleiten im Prestige-Duell.

Nach dem 4:4 konnte Löw keine plausible Erklärung abgeben, nur Vermutungen anstellen. „Wenn das Spiel mal in so eine Phase gerät, ist es schwierig, von außen richtig Einfluss zu haben.” Wirklich? Franz Beckenbauer sprach am Tag danach ungläubig von einem „Leichtsinnsakt, der sich nicht wiederholt, da bin ich sicher.” Weil Team und Trainer aus dem Unfall lernen?
„Wahrscheinlich begann das Problem irgendwo im Kopf”, mutmaßte Löw, „ich denke nicht, dass da jetzt was hängenbleibt”. Doch: Jedes Ende hat einen Anfang. Die WM 2014 dürfte seine letzte Chance werden, einen Titel zu holen.

 

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