Demo für das indviduelle Leben "Ich gehe nie wieder in ein Pflegeheim"

, aktualisiert am 01.07.2016 - 18:48 Uhr
 Foto: Daniel von Loeper

Betroffene protestieren in Ketten gegen den Entwurf des neuen Bundesteilhabegesetzes.

 

München - Die meterlange Metallkette funkelt in der Sonne, vorbeilaufende Menschen werden langsamer, lesen die selbstgemalten Schilder – zum Beispiel: "Uneingeschränkte Teilhabe für alle".

Seit Montag demonstrieren Menschen mit Behinderung vorm bayerischen Finanzministerium, an ihren Rollstühlen zusammengekettet – aus Protest dagegen, im Zweifelsfall in ein Pflegeheim zu müssen, wie es nach dem Entwurf des neuen Bundesteilhabegesetzes wahrscheinlich wird. Seit dessen Veröffentlichung wird der Entwurf von Betroffenen kritisiert.

Den Münchner Demonstranten geht es beispielsweise um die Selbstbestimmung: Der Vorrang "ambulant vor stationär" bei der Unterbringung, der bisher galt, entfällt im Entwurf – das Wohnen in den eigenen vier Wänden wäre behinderten Menschen in der Regel dann nur erlaubt, wenn es günstiger ist als ein Heimplatz. "Ich wohne seit 30 Jahren in einer Wohnung mit sechs Bewohnern", sagt Ulf Knickmeier. "Ich gehe nie wieder in ein Heim!"

Außerdem sollen Leistungen "gepoolt" werden – Behinderte sich ihre Pflegeassistenten teilen. "Ich will aufstehen, wann ich will, ins Bett gehen, wann ich will", sagt Erwin Brandl. "Wenn der Assistent sich aber gerade um jemand anderen kümmert, muss ich warten."

"Jedes Leben ist doch individuell"

"Jedes Leben ist doch individuell", sagt auch Esther Junghans. "Ich will vielleicht schwimmen gehen, aber jemand, mit dem ich mir eine Assistenz teile, will vielleicht lieber zu Hause bleiben vor dem Fernseher. Und das muss beides möglich sein."

Und es geht natürlich nicht allein ums selbstbestimmte Leben, um Kinobesuche zu flexiblen Uhrzeiten. "Es geht zum Beispiel auch um finanzielle Aspekte", sagt Karin Brich. Vermögen wird ab einem bestimmten Betrag auf die Hilfszahlungen angerechnet, auch das eines Partners. "Wir sehen so viele Rückschritte in dem Entwurf", sagt Brich. "Dadurch werden wir in die 60er Jahre zurückkatapultiert."

Nach der Aktion gehen die Demonstranten wie die Politik in die Sommerpause – um im Herbst weiterzukämpfen.

 

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