Bundestagswahl 2013 Merkel und Steinbrück: Ihre stillen Begleiter

Die stillen Begleiter der Spitzenpolitiker: Gertrud Steinbrück und Joachim Sauer. Foto: dpa

Angela Merkel und Peer Steinbrück haben eine Gemeinsamkeit: Ihre Ehepartner haben beide keine große Lust auf öffentlichen Rummel und Homestories. Sie leben ihr eigenes Leben. Wir stellen sie Ihnen vor.

 

Berlin - Den einen nennt man nur „Das Phantom der Oper“ – weil er sich meist nur einmal im Jahr öffentlich zeigt, zu den Bayreuther Festspielen. Die andere nennt man den „heimlichen Star im Wahlkampf“. Die Rede ist von Joachim Sauer und Gertrud Steinbrück, den Ehepartnern der Kandidaten.

Während Sauer auch im Wahlkampf unsichtbar blieb, musste Gertrud Steinbrück öfter ran – sie sollte ihren Mann weicher und menschlicher erscheinen lassen. Zuletzt wurde sie selbst sogar richtig mit reingezogen: Ein Ex-Post-Manager hatte sie erpresst – weil sie eine Putzfrau schwarz beschäftigt haben sollte. Die Vorwürfe stellten sich als falsch heraus, doch Gertrud Steinbrück lernte die schmutzigen Seiten des Polit-Geschäfts kennen. Und kann Joachim Sauer nun noch besser verstehen.

Der Professor im Damen-Programm - Joachim Sauer hält sich als Ehemann der Kanzlerin lieber im Hintergrund

Wenn Angela Merkel am Wahlabend in der CDU-Zentrale vor ihre Anhänger tritt, wenn sich die Anspannung löst und die Gefühle aufwallen, wird die Kanzlerin wohl wieder allein im Rampenlicht stehen. Joachim Sauer an ihrer Seite, winkend, jubelnd oder tröstend? Schwer vorstellbar.

Als Merkel 2005 und 2009 zur Kanzlerin gewählt wurde, war ihr Mann nicht einmal im Bundestag dabei. Außer jedes Jahr bei den Bayreuther Opern-Festspielen sieht man sie selten zusammen. Joachim Sauer und Angela Merkel sind seit 15 Jahren verheiratet, beide in zweiter Ehe. Kennengelernt haben sie sich 1984 an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften, wo Sauer die junge Physikerin bei ihrer Doktorarbeit betreute. Heute zählt der 64-Jährige zu den besten Quantenforschern der Welt. Der renommierte Chemiker hat in Prag geforscht und in Kalifornien gearbeitet, in Berlin ist er seit 20 Jahren Professor an der Humboldt-Universität.

In all den Jahren, in denen Merkel zur mächtigsten Frau der Welt aufstieg, ist Sauer seinen eigenen Weg gegangen. Als „First Husband“ hat sich „Achim“, wie Merkel ihn nennt, stets im Hintergrund gehalten. Selbst dann, wenn er Michelle Obama samt Töchtern durch Berlin führte oder das „Damenprogramm“ beim G8-Gipfel bestritt. Und Merkel respektiert das. Ohne viel Worte, wie es ihre Art ist. Welchen Einfluss Sauer auf ihre Entscheidungen hat, ist nie nach draußen gedrungen. Bei einer Talkrunde sagte sie kürzlich, natürlich spreche sie mit ihrem Mann über Politik. „Manchmal sagt er von selbst was.“ Und: „Die Tatsache, dass er dann was sagt, deutet darauf hin, dass ein Problem im Raum steht.“ Sauers Standardantwort auf Interviewwünsche lautet, seine Person stehe in keinem Verhältnis zur politischen Arbeit von Angela Merkel. Biografen der Kanzlerin jedoch berichten, dass der Professor als politischer Kopf mehr Einfluss ausübt als gemeinhin angenommen.

In der DDR-Zeit war die kritische Einstellung des Wissenschaftlers aus der Niederlausitz bekannt. Die Wohnung, die er mit seiner ersten Frau teilte, habe die Staatssicherheit verwanzt, hat Merkel-Biograf Gerd Langguth einst berichtet. „Wenn man von den wirklich Überzeugten absieht, waren wir alle, die 1989 eine Stelle in der Akademie oder in der Universität innehatten, Opportunisten unterschiedlichen Grades“, berichtete Sauer 2010 der Zeitschrift der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, „Kosmos“. „Die Kunst war, morgens noch in den Spiegel schauen zu können, aber nicht von der Oberschule verwiesen zu werden, den Studienplatz oder wissenschaftliche Arbeitsmöglichkeiten zu verlieren.“

An Merkels Seite hat Sauer einen Weg gefunden, der allseits respektiert wird. Gertrud Steinbrück hat gesagt, sollte ihr Mann Kanzler werden, werde sie es genauso machen. Doch im Wahlkampf hat die Frau des SPD-Kanzlerkandidaten einen anderen Weg gewählt, sich offensiv an die Seite von Peer Steinbrück gestellt, ihn gar zu Tränen gerührt, als sie über die Zumutungen der Kandidatur sprach. Dass Sauer öffentlich für seine Frau in die Bresche springt – undenkbar. Aber: Den Wert kleiner Einblicke ins Privatleben hat auch das Ehepaar Sauer-Merkel erkannt.

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Sauer hat zwei Söhne und zwei Enkel, die völlig abseits des Scheinwerferlichts leben. Trotzdem tauchten im Frühjahr Urlaubsfotos auf, die Merkel und Sauer beim Wandern mit Sohn, Schwiegertochter und Enkeln auf Ischia zeigten. Dazu passen Merkels wohlkalkulierte Enthüllungen im Wahlkampf, über ihre Rouladen und die Kartoffelsuppe, die sie gern kocht, und über den Gatten, dem auf dem Kuchen immer zu wenig Streusel sind. Und vor ein paar Tagen hat sie eine Liebeserklärung abgegeben, die für ihre Verhältnisse fast leidenschaftlich ist. Gefragt nach einem Politiker, den sie auf eine einsame Insel mitnehmen würde, antwortete sie: „Keinen Politiker – meinen Mann.“

Die Weichspülerin für ihren kantigen Gatten – Gertrud Steinbrück zeigt, dass ihr Mann auch weiche Seiten hat – und lobt Joachim Sauer

Am Ende ist Sigmar Gabriel dankbar. „Also lieber Peer, du hast Schwein gehabt, dass die Nominierung des Kanzlerkandidaten der SPD schon geschehen ist“, sagte er Mitte Juni zum Abschluss des Parteikonvents in Berlin. Und meint zu Steinbrücks Frau gerichtet: „Liebe Gertrud Steinbrück: Gut, dass du nicht auf dem Nominierungsparteitag gewesen bist. Sonst wärst du es selbst geworden.“

Nicht wenige in der SPD hat das Agieren der pensionierten Biologielehrerin mehr beeindruckt als das ihres Mannes. Damals rettete die 64-Jährige die ganze Veranstaltung – im Vorfeld hatte Peer Steinbrück öffentlich von Gabriel Loyalität eingefordert. Tief betroffen kamen die Delegierten zum Konvent. Dann folgte der Auftritt des Ehepaars Steinbrück – der Kandidat zeigte Emotionen. Gabriels Schlussworte waren auch Ausdruck großer Erleichterung. Denn die Mutter von drei Kindern hatte es geschafft, das Bild von ihrem Mann etwas geradezurücken.

Es werde immer nach kleinen Gemeinheiten gesucht, die man ihm ans Hemd kleben könne, sagte sie damals. „Das ist schwer zu ertragen.“ Er müsse doch etwas bewegen wollen, wenn er freiwillig seine ganze Freiheit aufgebe, um dem Land zu dienen.

Im Wahlkampf hat Gertrud Steinbrück neben dem Konvent nur einen größeren Auftritt absolviert – beim Deutschlandfest am Brandenburger Tor las die mit einem feinen, trockenen Humor ausgestattete Frau mit ihrem Mann aus „Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer“ vor. „Viele, viele erwachsene Kinder hier“, meinte sie, als sie auch Dutzende Rentner und Journalisten in dem Lesezelt erblickte. Daneben gab es Interviews.

Im „Stern“ betonte die Bonnerin, sie sei als „Lenor-Frau“ zuständig fürs Weichspülen des oft als kantig beschriebenen Gatten. „Er hat seine kuscheligen Seiten.“ 1973 haben sie sich auf einer Skihütte in der Eifel kennengelernt. Steinbrück hatte „wahnsinnige Kopfschmerzen“, weil er abends zuvor zu viel getrunken hatte. Er sei garstig und wortkarg gewesen. „Aber sie hielt nicht den Schnabel und redete ununterbrochen auf mich ein. Das war fantastisch.“ Am Ende des Skiurlaubs war er nicht mehr beziehungsfrei.

Von Steinbrücks Kandidatur erfuhr seine Frau aus den Nachrichten. „Ich war erschüttert.“ Gertrud Steinbrück hat in diesem Wahlkampf so ihre eigenen Erfahrungen gemacht – in vielen Medienberichten erkenne sie ihren Mann gar nicht wieder. Er könne wahnsinnig witzig sein, aber auch ein Sturkopf und bisweilen lernunwillig: „Er kann bis heute keine Amsel vom Star unterscheiden.“

Direkt nach Bekanntwerden der Kandidatur brach sie zu einer Klassenfahrt nach Istrien auf. „Denn ich hab’ ja einen Job“, sagte sie beim Parteikonvent. Dafür werde sie mit Steuergeld bezahlt – diesen Sommer ging sie aber in Ruhestand. Sie lebt ihr eigenes Leben und wurde dennoch bisweilen mehr zum Thema im Wahlkampf, als sie es wollte. Der Tiefpunkt war sicherlich ein Erpressungsversuch wegen einer angeblich illegalen Beschäftigung einer Putzfrau vor 14 Jahren. Auf die Frage, was ihr Mann zu Hause besonders gut kann, sagt sie: „Lesen.“ Und ergänzt: „Sehen Sie es mal so rum: Er stört nicht.“ Was er richtig gut könne, sei Handwerken. „Wenn Sie allerdings ein Vogelhaus von ihm haben wollen, müssen Sie eine stabile Säule darunter haben. Denn er baut es atombombensicher.“

Kanzlerin Angela Merkel und ihr Mann Joachim Sauer hätten es geschafft, die Rolle des Politiker-Partners entkrampfter und unabhängiger zu definieren, lobte Gertrud Steinbrück im Juni. Sie könne und wolle jedenfalls keine Michelle Obama geben. „Erstens sehe ich nicht so toll aus und zweitens bin ich nicht so schlau.“ Sie hat dem Wahlkampf – ohne sich zu verstellen oder zu verbiegen – eine frische Note verliehen. Aufgeben sei nie Thema gewesen, hat sie wiederholt betont. Sie sei da preußisch erzogen. „Jetzt wird das Ding durchgezogen.“

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