Bruno Reichart Wenn Datenschutz die Forschung stoppt

Haben Sie auch eine Frage an Herzchirurg Prof. Dr. Bruno Reichart? Schreiben Sie an medizin@abendzeitung.de Foto: Gregor Feindt

Herzchirurg Bruno Reichart schreibt die wöchentliche Gesundheits-Kolumne in der AZ. Diesmal: Wenn der Datenschutz die Medizin behindert.

 

Seit Wochen komme ich jeden Tag an einem Plakat zur Europawahl vorbei, auf dem eine Politikerin „Daten schützen statt sammeln“ fordert. Und jedes Mal ärgere ich mich aufs Neue, denn diese pauschale Aussage stimmt so nicht. Natürlich bin ich wie viele andere entsetzt über die NSA-Affäre und begrüße neue Gesetze. Teile der geplanten Datenschutz-Grundverordnung jedoch, die in Zukunft für alle 28 europäischen Länder gelten soll, werden wichtige medizinische Studien extrem behindern.

Betroffen sind die so genannten Kohorten-Studien, die jahrzehntelang laufen mit Tausenden von Bürgern und in denen wichtige Erkenntnisse über unsere Volkskrankheiten gesammelt werden. Hier soll in Zukunft für jede weitere Fragestellung eine neue Freigabe der persönlichen Studiendaten fällig werden, was zu untragbaren Zeitverzögerungen und explodierenden Kosten führen wird. Die erste aller Kohorten-Studien startete 1948, in Framingham, einer Kleinstadt westlich von Boston. Drei Jahre zuvor war US-Präsident Roosevelt an einem Schlaganfall gestorben – sein Schicksal gab den entscheidenden Anstoß zur Analyse der Volkskrankheiten.

(Noch) gesunde Teilnehmer zwischen 30 und 60 Jahren (später auch deren Kinder und Enkel) wurden (und werden) in gewissen Zeitabständen untersucht und zu ihren Lebensgewohnheiten befragt. Die Ergebnisse dieser Studie führten zu dem damals neuen Wort „Risikofaktoren“, sie gehören im Hinblick auf Blutdruck, Cholesterin und Übergewicht inzwischen weltweit zum (medizinischen) Allgemeinwissen. Die neue deutsche Kohorten-Studie – bei uns sind Augsburg und Leipzig als Haupt-Standorte mit 200000 „typischen“ Bürgern vorgesehen – wird zum Beispiel auch die Genetik und Umwelteinflüsse (Lärm, Luftverschmutzung) mit einbeziehen. Im Anbetracht der Tatsache, dass ein Ethikrat diese Studie ständig beaufsichtigt, sollten die neuen europäischen Auflagen nochmals überdacht werden.

Haben auch Sie Fragen an unseren Kolumnisten Prof. Dr. Bruno Reichart? E-Mail genügt an: medizin@abendzeitung.de

 

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