Bruno Reichart Brustkrebs: Zeit für eine deutsche Studie

Haben Sie auch eine Frage an Herzchirurg Prof. Dr. Bruno Reichart? Schreiben Sie an medizin@abendzeitung.de Foto: Gregor Feindt

Herzchirurg Bruno Reichart schreibt die wöchentliche Gesundheits-Kolumne in der AZ. Diesmal über vorsorgliche Mammographie.

 

Es gibt ein Momentum in der Medizin, das – jedenfalls erscheint es mir so – für unser Fach nicht untypisch ist: Eine Technik ist offenbar etabliert und fest verankert in der täglichen Praxis, da sie auch wissenschaftlich gut begründet ist. Doch plötzlich wird alles in Frage gestellt. Jüngstes Beispiel: Die vorsorgliche Mammographie, also die zweijährliche Röntgenuntersuchung für Frauen zwischen 50 und 69, bisher als beste Methode zur Früherkenntnis von Brustkrebs akzeptiert.

Bösartige Geschwulste sollen so schon ab einem Durchmesser von drei Millimetern rechtzeitig erkannt werden. Unter diesen Voraussetzungen sind die Langzeit-Überlebenschancen exzellent, nicht zu vergessen, dass dann meist die Möglichkeit einer brusterhaltender Operation besteht. Unterstützt wird diese Logik auch durch die Erkenntnis, dass sich im letzten Jahrzehnt in Deutschland die Überlebenschancen von Frauen mit Brustkrebs signifikant verbesserten.

In der Schweiz haben Gesundheitsexperten nun größte Bedenken gegen die Wirksamkeit dieser Früherkennungs-Mammographie angemeldet und auch in Deutschland beginnt gerade eine Pro-und-Contra-Diskussion. Zitiert wird eine kanadische Langzeit-Studie, die einen Nachweis der verbesserten Überlebenschancen nicht bringen konnte - im Gegenteil: Man meinte erkennen zu können, dass in 20 Prozent der „positiven“ Befunde eine überflüssige Therapie eingeleitet wurde.

Ich kann diesen Schlussfolgerungen nicht zustimmen. Mediziner müssen von Fall zu Fall prospektiv entscheiden und immer zunächst von der „Worst Case“-Situation ausgehen. Risikofaktoren wie familiäre Belastung, Genveränderungen oder ungünstige anatomische Voraussetzungen machen bei bestimmten Frauen eine Mammographie dringend und vielleicht sogar öfters nötig.

Höchste Zeit jedoch, denke ich, dass eine umfassende deutsche Studie erstellt wird.

Haben auch Sie Fragen an unseren Kolumnisten Prof. Dr. Bruno Reichart? E-Mail genügt an: medizin@abendzeitung.de

 

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