Bruno Jonas hat eine abwechslungsreiche „Gebrauchsanweisung für das Jenseits“ geschrieben

Wir alle haben es insgeheim immer schon geahnt, es uns aber nie so richtig einzugestehen gewagt: Der Kabarettist Bruno Jonas, selbstberufener Großinquisitor der kritischen Vernunft und Chefankläger der Kirche vor dem Herren, ist ein Kryptokatholik und verkappter Hobbytheologe, der die religiöse Prägung seiner Herkunft aus Niederbayern nie ganz abzustreifen vermochte.

Denn wie er selbst bereitwillig eingesteht: „Wer in seiner Kindheit katholisch zugerichtet wurde, hat ein Leben lang etwas davon.“ Tatsächlich ist der ehemalige Ministrant Jonas katholisch so imprägniert und „versaut“, dass er jetzt eine „Gebrauchsanweisung für das Jenseits“ geschrieben hat, die sich wagemutig auf das Glatteis der Eschatologie begibt. Den Mut dazu holte er sich von jenen großspurigen „Experten auf dem Gebiet der Spekulation“, die zwar allesamt noch nie im Jenseits gewesen sind, aber in ihren Büchern „stilistisch einwandfrei … und auch inhaltlich sehr kompetent ihre Unwissenheit“ dokumentieren. Das hat ihn dazu beflügelt, die „Spur dieser Ahnungslosigkeit“ aufzunehmen, um aus der Warte des Satirikers einen Beitrag zum „Leben danach“ beizusteuern.

Über die letzten Dinge

Dabei „klaut und plagiiert“ Jonas – wie er selbst einräumt – „gnadenlos alles, was andere (zu diesem Thema) bereits gedacht und geschrieben haben“, gilt für ihn doch der Grundsatz Karl Valentins: „Alles ist schon mehrfach gesagt worden, nur noch nicht von allen.“

Und so vernehmen wir aus seinem Munde, was Papst Emeritus Benedikt XVI. und der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche Heinrich Bedford-Strohm zu den letzten Dingen zu sagen haben – und wie sie den Weg dorthin durch ihre theologischen ‚Winkelzüge‘ treffsicher verfehlen. Wir erfahren, zu welch kühnen geistigen Höhenflügen sich Philosophen wie Kant, Swedenborg und Heidegger aufgeschwungen haben, um die Notwendigkeit oder zumindest die Möglichkeit der Unsterblichkeit anzudenken und zu rechtfertigen.

Ja, sogar „Der letzte Gottesbeweis“ des lange Zeit in München lehrenden Philosophen Robert Spaemann wird in die Darstellung einbezogen – und als unverständliche Spekulationsblase eines irrlichternden Hegelianers entlarvt.

Mit Augenzwinkern

Aber da in dem Potpourri dieser um Himmel und Hölle, Gott und den Teufel kreisenden Endzeit-Paraphrasen auch die Naturwissenschaft nicht fehlen darf, lässt es sich Jonas nicht nehmen, uns – populärwissenschaftlich – den überweltlichen Aspekt der Quanten- und Relativitätstheorie vorzutragen oder uns zu erklären, warum Jenseitsvorstellungen ein Konstrukt unseres Gehirns und ein neuronales Phänomen sind. Und er reibt uns, mit gespielter Nonchalance, augenzwinkernd unter die Nase, was sich die Handlanger des technischen Fortschritts alles einfallen lassen, um das Jenseits bereits im Diesseits beginnen zu lassen: wie die Machbarkeits-Propheten der Kryonik unsere Körper in flüssigen Stickstoff einfrieren und eines Tages in ferner Zukunft zu neuem Leben erwecken. Und wie die Software-Ingenieure von Silicon Valley durch „mind uploading“ den Geist eines Menschen auf eine Festplatte übertragen und unsterblich machen wollen, während sein Körper längst ein Fraß für die Würmer wurde.

Bei allem Unterhaltungswert fehlte dieser bunten Palette an Jenseitsentwürfen jedoch das ordnende Prinzip, wenn Bruno Jonas nicht leibhaftig das Parkett seiner Ausführungen betreten und sich eloquent zu Wort melden würde. So wird er selbst zum Hauptakteur seines „Ratgebers“ und lässt uns als erzählendes Ich an jenen schicksalsträchtigen Momenten teilnehmen, in denen das Jenseits ihn persönlich gestreift hat: etwa beim Sekundentod seines Vaters an einem Weihnachtsabend in Passau oder bei einem Motorradunfall auf dem Mittleren Ring in München. Seitdem scheinen seine Sinne für Jenseitiges geschärft zu sein und er einen Draht zum Überweltlichen zu besitzen, wenngleich er out-of-body-Erlebnissen gegenüber reserviert bleibt und er Nahtodberichte als „Last-minute-Diesseitserfahrungen“ abtut.

Offen für Überweltliches

Aber bei aller Skepsis, die er als aus der katholischen Kirche ausgetretener Religionskritiker und Zyniker an den Tag legt, zeigt er doch eine erstaunliche Offenheit für Überweltliches. Mehr noch: Je weiter er den Faden seiner Überlegungen fortspinnt, desto mehr outet er sich als latenter Metaphysiker, der – im Gegensatz zu Jürgen Habermas – eine besondere religiöse Musikalität in sich trage und die Stimmen seiner verstorbenen Eltern in sich vernehmen könne. Dieser Jenseitsspur folgend wandelt sich Jonas so vom ungläubigen Thomas zum Bejaher Gottes, der die Selbstmord-Doktrin der französischen Existenzialisten verwirft, an den Sinn des Daseins glaubt und zur Erkenntnis eines göttlichen Absoluten vorstößt.

Dass dieses „Glaubensbekenntnis“ freilich nur mit äußerster Vorsicht zu genießen ist, versteht sich von selbst, wenn wir uns die Lauge der Verhöhnung vor Augen führen, mit der Jonas die durch unseren Alltag geisternden Jenseitsvorstellungen übergießt. Ihr fällt das Ideal eines geschlechterfreien Genderparadieses ebenso zum Opfer wie die hinduistische Seelenwanderungslehre, der in Zeiten des Insektensterbens langsam die Reinkarnationsvarianten ausgehen.

Am Ende triumphiert in Jonas‘ Buch die Leichtigkeit des Witzes über die Gravität der Thematik, die wie eine „Bauanleitung von IKEA“ nur schwer nachvollziehbar und in die Tat umzusetzen ist. Denn wer ins Jenseits einreisen will, ist aller irdischen Gesetzlichkeit enthoben und kann sich luftig frei im Schwerelosen bewegen: „Ein Asylrecht existiert nicht, beziehungsweise jedem wird im Jenseits dauerhaft Aufenthalt gewährt. Der Familiennachzug ist gesichert. Keiner wird abgeschoben.“
  
Bruno Jonas stellt seine „Gebrauchsanweisungen für das Jenseits“ (Piper, 224 Seiten, 15 Euro) heute um 20 Uhr im Literaturhaus München vor (ausverkauft)