Bruce Springsteen So war der Boss im Olympiastadion

Bruce Springsteen begeisterte bei seinem Auftritt im Olympiastadion am 17. Juni 2016. Foto: dpa

Kaum Zeit für Balladen: Bruce Springsteen rockte im Olympiastadion und versetzte 57 000 Fans in Ekstase

 

Bruce, ich brauch eine neue Freundin! In den ersten Arenareihen halten Dutzende Fans Schilder hoch, in denen sie ihren Helden um alles Mögliche bitten. Einer will mit Bruce Springsteen zum nächsten Konzert nach Berlin reisen – ein Ticket habe er schon. Ein anderer hat das Bild eines Oldtimers gemalt und echte Lampen als Scheinwerfer eingebaut – er wünscht sich den Song „Racing In The Street“. Und ein Dritter bittet Springsteen eben um Hilfe bei der Partnersuche.

Die Fans trauen ihm grundsätzlich alles zu, Zauberei inklusive. Wieso das so ist – das wissen nach über drei Stunden selbst die Ungläubigen, als sie verzaubert und hypnotisiert das Olympiastadion verlassen. Hier wollte Bruce Springsteen ja eigentlich das Doppelalbum „The River“ von 1980 komplett spielen. In den USA hat er das so gemacht, um ein neues Box-Set zu bewerben.

Doch entweder ist ihm das zu fad geworden, oder er hatte Sorge, dass seine europäischen Zuschauer nicht so viele unbekannte Lieder hören wollen. Und so legt er mit „Prove It All Night“ und dem triumphalen „Badlands“ los, beide von 1978, und lässt ein buntes Programm aus über vierzig Jahren folgen.

Neun Songs am Stück

Den 57  000 Zuschauern ist das auch recht, immer wieder schreien sie „Bruuuuuuce“. Das klingt wie „Buh“, bedeutet aber das Gegenteil. Als der Bejubelte ein paar Songs von „The River“ spielt, ist alles wie 1980: Er teilt sich das Mikro mit seinem Jugendkumpel Steven Van Zandt, der kurzzeitig zum Co-Star des Abends wird. Er hat zwischenzeitlich eine Schauspielkarriere hingelegt, mit Mafioso-Auftritten in „Die Sopranos“ und „Lilyhammer“. So wirkt er umso glaubwürdiger, als er Springsteen im gleichnamigen Duett mahnt, die Finger von der Frau zu lassen: „You Can Look (But You Better Not Touch)“ – Ansehen kannst Du sie, aber fass sie lieber nicht an, Freundchen.

Springsteen selbst ist da weniger zimperlich: Immer wieder geht er zu den Fans und schüttelt Hände. Bei „Hungry Heart“ marschiert er durch die halbe Arena. Als er in der Mitte angekommen ist, hat er sich von seiner E Street Band aber etwas zu weit entfernt: Die Schallwellen kommen bei ihm offenbar später an, als die Band sie auf der Bühne erzeugt. Das lustige Ergebnis: Springsteen singt minimal hinter dem Takt.

Nach neun Songs am Stück macht er die erste Pause. Er freue sich über das schöne Wetter, sagt er, beim letzten, völlig verregneten Konzert im Olympiastadion habe er sich den Hintern abgefroren. Aber das ist schon das einzige, was der 66-Jährige sagt – er jagt weiter atemlos durchs Programm, von Rocksong zu Rocksong. Für Balladen ist fast keine Zeit, für Pausen gar nicht. Beim Schlussakkord jedes Songs schreit er „One, two, three, four“, und das nächste Lied rockt los.

Zum Beispiel „Darlington County“: Da geht er nach dem Intro kurz in „Honky Tonk Women“ über, spielt Keith Richards’ Gitarrenlick, entscheidet sich dann aber doch für seinen eigenen Song. Bei „Waitin’ On A Sunny Day“ darf dann ein Mädchen auf die Bühne: „Sunny Day“ steht auf ihrer selbstgebastelten Zick-Zack-Krone, die an die Frisur von Lisa Simpson erinnert. Die Band stoppt, und das Mädchen singt eine Strophe, von Springsteen gecoacht. Dann flüstert er ihr das nächste Kommando zu: Sie ruft „Come On, Max“, und Schlagzeuger Max Weinberg rockt wieder los.

Große Euphorie

All das ist messerscharf auf drei Großleinwänden zu sehen: Die zeigen keine Animationen, sondern nur die begeisterten Zuschauer mit all ihren Schildern, vor allem aber die E Street Band und Springsteen – riesenhaft und überlebensgroß, so wie der Mann nun mal ist. Er beendet die Show nach über zwei Stunden mit „Thunder Road“ und „Land of Hope and Dreams“. Jetzt ist mal kurz Ruhe auf der Bühne, und man kann den ohrenbetäubenden Jubel der Fans so richtig hören.

Die sind völlig euphorisiert – dabei geht’s nun erst richtig los. Springsteen lässt sich nicht lange bitten, schon ist er wieder da, mit „Born In The U.S.A.“. Der Song kann nie größer, leidenschaftlicher, anklagender geklungen haben als an diesem Abend. Max Weinberg bearbeitet beim Schlussakkord noch die Becken, da zählt sein Chef schon seinen Jahrhundertsong „Born to Run“ ein.

Fuck Trump!

Größer kann die Ekstase nicht mehr werden, doch Springsteen macht ohne Pause mit „Seven Days to Rock“ weiter. Beim atemlosen „Dancing in the Dark“ darf ein Junge mitspielen und -singen, dann wird eine Dame auf die Bühne gehoben und kommt zum Tanzerlebnis ihres Lebens: Der Boss führt. Allerdings tanzen die beiden nicht im Dunkeln. Seit die Nacht hereingebrochen ist, beleuchten riesige Scheinwerfer das Stadion.

Dann lässt sich Springsteen doch eines der Zuschauer-Schilder auf die Bühne reichen. Darauf steht „Fuck Trump – We Wanna Dance With The Boss“. Wenn er auch sonst nichts sagt: Diese politische Äußerung ihres Chefs sorgt für den größten Zuschauerjubel des Abends.

Springsteen heizt dem Publikum dann wieder musikalisch ein, mit „Tenth-Avenue Freeze-Out“ und schließlich „Shout“ von den Isley Brothers, dem ultimativen Showstopper. Die E Street Band verlässt unter ohrenbetäubendem Applaus die Bühne, Springsteen geht als Letzter, bleibt kurz vor der Treppe stehen – und kehrt um. Er lässt sich eine Akustikgitarre und Mundharmonika reichen und spielt „For You“, einen Song seiner ersten Platte von 1973, eine zarte, leise, zerrissene Ballade.

Nach dreieinhalb Stunden atemlosem Rock hat das eine fast surreale, magische Wirkung. Was für ein Abgang.  

 

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