"Britney Jean" Britney Spears: So ist ihr neues Album - Die Kritik

Sie hat gewählt, und es gibt kein Entkommen: Showgirl Britney Spears macht sich bereit für die nächste Revue-Runde. Foto: Sony Music

Britney Spears hat ihr neues Album „Britney Jean“ veröffentlicht – unter der Oberfläche das finsterste Stück Lady-Pop des Herbstes

 

Seltsame Körperbotschaften, die uns die letzten Monate aus Amerika erreichen. „Twerking“ wurde dieses Jahr ins Oxford Dictionary aufgenommen. Miley Cyrus schaukelt nackt auf Abrissbirnen, leckt an einem Vorschlaghammer, Lady Gaga versucht Art, Fetischismus und Transgender zu kombinieren, und Cher bietet sich mit 67 auf ihrem Cover eisenhart gephotoshopt im Negligé an. Mit dieser flächendeckenden Offensive des Lady-Pop und dem ihm innewohnenden Konkurrenzkampf werden sexuelle Subkulturen sterilisiert, für den Mainstream aufbereitet.

Jetzt erscheint Britney Spears neues Album „Britney Jean“. Britney Jean, so nennt sie ihre Familie. „Jede Menge persönliche Dinge“, verspricht Britney schon im Booklet auszustellen. Intime Dinge würde es genauer treffen. Aber auch das wäre ein Fake, denn Intimität ist im Amerika 2013 eine nostalgische Vorstellung und auch Britneys schlimme Lebensphasen liegen zu Informationszwecken jederzeit im Internet bereit.

In der Reihe der Lady-Pop-Alben dieses Jahres ist Britneys mit Abstand das beste. Man konnte das schon beim Video zu ihrer Single „Work Bitch“ ahnen. Britney, die Latextänzerinnen peitscht, selber getrieben von einem gnadenlosen Beat. Wenn die Bitch von heute arbeitet, kann sie Martinis trinken und Lamborghini fahren, sprichsingt sie, und als sie auf der Plattform im Swimmingpool steht, kreisen Haie um sie. Dieser Zusammenschluss von totaler emotionaler Desillusionierung, Sexarbeit und Kapitalismus ergibt das finsterste Stück Pop seit langer Zeit.

Mit will.i.am singt sie „It Should Be Easy“. Liebe sollte einfach sein, nicht schwierig, findet der Mann. Britney ist stimmeffektentstellte Roboterbraut. Diese Dancefloorliebe ist virtueller Cybersex. Im Booklet sieht man sie drapiert im Bett ihren Kindern ein Buch vorlesen. Womit die Mama ihr Geld verdient, nachdem die Kleinen eingeschlafen sind, müssen sie nicht wissen. Das Verrückte ist, dass diese Themen so offensichtlich ausgebreitet werden, dass man sie nicht sehen muss.

„Perfume“ – die Sängerin ist verlassen worden und wartet auf den Anruf des Ex, Streicher, ein elektronisch flackernder Beat wie Herzkammerflimmern. Sie macht sich bereit. Legt Parfum auf. Träumt davon, ihn damit einzureiben: „I’m gonna mark my territory“. Manisch, animalisch ist das, in all seinem Unglück. Das Keyboard hämmert eisig ins Hirn. Wieder der Schinderbeat: „Body Ache“. Sie will es – tanzen, bis der Körper schmerzt, um ihn anzumachen.

Wollen oder müssen? Er soll auf jeden Fall, immer wenn sie es will, dirty mit ihr reden. Ihr Ziel: „Tik Tik Boom“. „Til It’s Gone“ ist eine furchteinflößende Liebesballade, in der maschinell der Tränenregen fällt.

Ist da noch eine Spur Hoffnung, dass sich zwei in diesem falschen Leben einfach so begegnen? In „Hold On Tight“ in den Bonustracks träumt eine: von ihm und dem „guiding light“. Eine Platte knistert, als wär’s gestern. Das Wahre ist der Kick des Schmerzes. Die wenigen Songs, die anderes behaupten, sind Lügner.

Britney Spears: „Britney Jean“ (RCA/Sony Music)

 

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