Boxen Klitschko, der Stahlhammer-König

Weltmeister Wladimir Klitschko. Foto: dpa

Wladimir Klitschko verteidigt seine Titel in New York gegen Bryant Jennings. Der Weltmeister ist zu einem großen Champion gereift, dabei hatte er am Anfang seiner Karriere „Ängste wie kein anderer“.

 

New York - Diese magisch-tragischen Minuten vor dem Kampf, wenn der Boxer in seiner Umkleide auf das Zeichen wartet, einem Gladiator gleich die Arena zu betreten, sich den tausenden Augen zu stellen, die einzig auf ihn gerichtet sind – einige voller Bewunderung, andere voller Abscheu und Hass – diese Minuten, sie sind nervenzerfetzend.

Der Fighter tigert wie ein Raubtier im Käfig umher und ist der einsamste Mensch der Welt. Das Herz pulsiert bis zum Hals. Der Schweiß, er kommt nicht nur vom Warmschlagen, sondern auch von der Furcht. Diese Momente sind der Dialog des Boxers mit seinen eigenen Ängsten. „Angst war immer mein größter Motivator“, sagt Box-Weltmeister Wladimir Klitschko, Kampfname Dr. Stahlhammer, „sie ist mein Freund, denn sie treibt mich an, immer besser zu werden, nie nachzulassen. Ich hatte auch jetzt Angst.“

Angst vor seinem Herausforderer: Bryant Jennings. In der Nacht auf Sonntag (5 Uhr, RTL) wird Klitschko, dieser Hüne mit der Fleisch gewordenen Physis einer griechischen Götter-Statue, dies zum 67. Mal in seiner Profi-Karriere erleben. Es ist der 27. WM-Kampf von Klitschko. Weltrekord im Schwergewicht! Ali und Larry Holmes brachten es auf 26. Dann kommt ihm der Amerikaner Jennings im legendären Madison Square Garden vor die Fäuste, dort wo Muhammad Ali und Joe Frazier am 8. März 1971 den ersten Fight ihrer unvergleichlichen Kampfes-Trilogie austrugen. Ein Fight, der von vielen als der Kampf des Jahrhunderts bezeichnet wird. Dieses Label wird der Jennings-Fight sicher nie kriegen. Aber Klitschko hat sich akribisch vorbereitet. Wie immer.

Jeder Kampf ist ein Sieg über sich selbst. Über die Schmerzen, die Qualen, die Ängste. Um dies immer wieder zu schaffen, versetzen sich die Fighter in einen Zustand der Hybris, der Megalomanie. „Ich denke, dass ich unschlagbar bin“, sagt der 39-jährige Klitschko, der dies zumindest seit dem 10. April 2004 ist, seit seiner Niederlage gegen Lamon Brewster. „Boxen spielt sich im Kopf ab. Dort gewinnst du den Kampf, dort verlierst du ihn“, sagt Mike Tyson, der einst gefürchtetste Boxer der Welt, diese personifizierte Drohgebärde. „Als Mike Tyson, als dieser kleine Schwarze aus den Slums von New York, war ich schlagbar. Aber der Kämpfer Iron Mike hat sich solange eingeredet, dass er auserwählt sei, dass er Alexander den Großen besiegt hätte, dass er das geglaubt hat.“

Auch Klitschko musste es sich über Jahre einreden. Er war immer der kleine Bruder. Sein Bruder Vitali war der harte Kerl, der den kleinen Bruder beschützte. Wladimir, der zugibt, kein geborener Kämpfer zu sein, hatte vor den Kämpfen früher große Angst. Nicht die Art, die motiviert, sondern die Art, die lähmt. „Wladimir hat sich vor den Kämpfen wie kein anderer in die Hose gemacht, ist oft auf der Toilette verschwunden und kam kreidebleich wieder raus“, sagt sein Ex-Trainer Andrej Sliwinski in „Bild“ über die Kämpfe 1995. „Der Krieg fand bei ihm im Kopf statt, nicht im Ring. Wladimir war so nervös, dass er fast geweint hat.“

Der Wladimir von damals und der von heute haben nicht mehr viel gemein. Er ist gereift, wurde im Feuer der Kämpfe zu einem echten, einem großen Champion geschmiedet. „Wenn ich da rausgehe, habe ich nicht Schmetterlinge im Bauch, sondern Flamingos“, sagt Klitschko, der König Stahlhammer, über den Moment, an dem der Dialog mit seinen Ängsten beendet ist.
Bis zum nächsten Fight. 

 

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